20.08.2026
Was passiert, wenn man den Rausch nicht verteufelt

Nüchtern unter Betrunkenen

Podkowik Propaganda. Der Kolumnist trinkt nicht mehr. Doch ist er geläutert genug?.

Hurra: Ich trinke seit zehn Jahren keinen Alkohol mehr, und voraussichtlich wird es dabei bleiben. Diese Entscheidung erfolgte aus Selbstschutz, und um sie endgültig zu treffen, musste ich dem Abgrund gefährlich nahe kommen. Jedes Jahr am 9. August erinnere ich mich ­daran, dass ich mir das Leben gerettet habe, und gelegentlich hole ich mir dafür auch ein paar Schulterklopfer in den sozialen Medien ab. Ich habe meine Abstinenz von Beginn an ­öffentlich gemacht – nicht zuletzt, um mir einen Rückfall zu ­erschweren. Bis hierher lief’s noch ganz gut. Für einen Süchtigen wie mich ist dieses Jubiläum ein bahnbrechender ­Erfolg, aber dass es überhaupt so weit kommen musste, war ein Misserfolg. Es würde mir besser gefallen, wenn ich noch trinken könnte. Manchmal vermisse ich es sogar, denn Nüchternheit ist langweilig und ein klarer Kopf ist nicht die beste Droge.

Für einen Süchtigen wie mich ist dieses Jubiläum ein bahnbrechender ­Erfolg, aber dass es überhaupt so weit kommen musste, war ein Misserfolg. 

Das sagte ich auch einer Redak­teurin im Vorgespräch für einen ­Podcast zum Thema Sucht. Die Redak­tion hatte lange um mich gebuhlt. Sie war auf der Suche nach prominenten abstinenten Alkoholikern, die bereit sind, ihre Geschichte zu erzählen. Als klar wurde, dass ich den Rausch nicht per se verteufele und mein Nichttrinken eher als notwendiges Übel betrachte, war die Verwunderung groß und ich sollte lieber doch nicht mitmachen. Ich war nicht geläutert genug.

So toll ist der Suff allerdings auch nicht: Säufer nerven nicht weniger als ehemalige Säufer, die aus ihrer Biographie eine Weltanschauung gemacht haben. Und besonders langweilig ist es, nüchtern unter Betrunkenen zu sein. Während die Nüchternheitsmissionare wollen, dass alle aufhören zu trinken, wollen die Betrunkenen, dass alle mittrinken. Mich dem zu verweigern, fällt mir glücklicherweise nicht schwer – doch es führt regelmäßig dazu, dass meine bloße Präsenz zum Störfaktor für die Betrunkenen wird. Sie sind ja überall, die lallenden Narren, und ob ich will oder nicht, halte ich ihnen den Spiegel vor. Seit zehn Jahren drängen sie mir Rechtfertigungen für das eigene Trinkverhalten oder Respektbekundungen für mein Nichttrinkverhalten auf. Mich interessiert nichts davon; es ist immer das Gleiche und dauert unendlich lang. Aber zumindest bin ich geläutert genug, um einen polnischen ­Abgang zu machen und früh schlafen zu gehen. Hurra.