Jungle+ Artikel 20.08.2026
Eine Ausstellung erzählt über Susan Sontags Zeit in Berlin

Was gesehen werden muss

Die Ausstellung »Susan Sontag – Sehen und gesehen werden« widmet sich dem Leben der US-amerikanischen Denkerin, auch ihrer Zeit in Berlin. Statt aber dem Credo Sontags zu folgen, den Blick zu öffnen, versieht die Ausstellung Exponate mit Warnungen.

Derzeit erwartet Besucher:innen des Berliner Schwulen Museums die Ausstellung »Susan Sontag: Sehen und gesehen werden«, die sich der 1933 in New York City geborenen und dort 2004 verstorbenem Kulturkritikerin und Schriftstellerin widmet. Dabei geht es eng zu, man muss sich um Bein- und damit um Beobachtungsfreiheit bemühen, denn im nicht allzu weitläufigen Schwulen Museum ist die Schau dicht arrangiert.

Kein Wunder, wurde sie doch ursprünglich für die Bundeskunst­halle Bonn konzipiert, wo sie im vergangenen Jahr lief. In manchen der in sieben Themenbereiche unterteilten Räume nehmen Vitrinen, Fotografien, Bewegtbilder und Infotexte die Aufmerksamkeit fast übermäßig in Anspruch. Ein auf die engeren Berliner Verhältnisse stärker zugeschnittenes Raumkonzept wäre wünschenswert gewesen, zumal Sontag bei aller intellektuellen Schärfe auch eine auf der Form insistierende Ästhetin war.

Sontag notierte als Jugendliche in ihr Tagebuch: »Ich habe vor, alles zu tun.«

Sontag betrachtete sinnliche und intelligible Wahrnehmung als ebenbürtig. Was unter dieser »Erlebnisweise« zu verstehen sei, führte sie in ihrem 1966 veröffentlichten Essayband »Kunst und Antikunst« aus (im Original »Against Interpretation«). Darin enthalten war auch der Text »Anmerkungen zu ›Camp‹«, der zwei Jahre zuvor Furore gemacht hatte. In der Ausstellung erhält Sontags in diesen »Anmerkungen« dargelegte Auffassung einer unmittelbaren Sensibilität einen eigenen Bereich. Ihre Grundthese wird mit Kunst anschaulich gemacht: Man kann zum Beispiel »Baby Love« von den Supremes (1964) auf Vinyl hören oder Robert Rauschenbergs Lithographie »Favor-Rites (Urban Bourbon Series)« (1999) betrachten.

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