27.08.2026
Islamische Gelehrte über das Massaker des 7. Oktober

Der 7. Oktober und der Islam

Warum bezeichnet die Hamas ihre Angriffe auf Israel als »religiösen Krieg«? Und wie kommt es, dass während des Massakers vom 7. Oktober zahllose »Allahu akbar«-Rufe ertönten?

Drei Jahre nach der Ermordung von 1.200 Israelis am 7. Oktober 2023 ist die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Massaker und dem Islam nach wie vor ungeklärt. Was meint die Hamas, wenn sie ihren Angriff vom 7. Oktober 2023 als »religiösen Krieg« bezeichnet? Was haben die zahllosen »Allahu akbar«-Rufe während des Massakers zu bedeuten? Und wie haben die wichtigsten religiösen Zentren des Islam auf diesen antisemitischen Exzess reagiert? Diese Fragen werden selten gestellt. Es gibt noch keine seriösen Untersuchungen, die sie umfassend beantworten.

Dabei sind solche Fragen von erheblicher Bedeutung. Zum Islam bekennen sich weltweit mittlerweile zwei Milliarden Menschen, er ist die am schnellsten wachsende Religionsgemeinschaft. Wurde diese Religion missbraucht, als während des Massakers vom 7. Oktober Allah als eine Art Schirmherr angerufen wurde, als sei das Töten und Vergewaltigen von Israelis eine Art Gottesdienst? Und falls wir diese Frage mit ja beantworten – wo bleibt dann der von Muslimen geäußerte Protest?

Die einflussreiche islamische al-Azhar-Universität in Kairo erklärte in einer Fatwa, dass »der Begriff,Zivilist‘ (…) nicht für zionistische Siedler auf besetztem Land«, also Israelis, gelte.

»Religiöser Krieg«

Der israelische Historiker Gideon Kressel berichtete über ein Gespräch, das er in Israel mit einer Gruppe israelischer Araber führte. Diese hätten ihm beim Frühstück erklärt – »in ruhiger und freundlicher Weise«, wie er betont –, dass Israel bald aufhören werde zu existieren. Der Grund dafür sei, »dass dies Gottes Wille ist – nichts kann daran etwas ändern«. Diese Siegesgewissheit – Allah habe Israels Vernichtung vorgesehen, also werde Israel vernichtet werden – gehört zu den Kennzeichen des Islamismus. Sie trat auch beim Angriff des 7. Oktober in Form von Jubelrufen zutage und legitimierte den Terror gegen die Juden.

»Setze dein Vertrauen in Allah«, stand zum Beispiel auf dem Handzettel, den ein Hamas-Führer am Abend des 6. Oktober verteilte. »Verlasse dich auf ihn und (…) lasse die Rufe ›Allahu akbar‹ der krönende Ruhm sein.« Es waren auch nicht irgendwelche Gebäude, sondern es waren die Moscheen von Gaza, aus denen kurz nach der ersten Angriffswelle des 7. Oktober die Stimme von Mohammed Deif, dem Anführer des militärischen Flügels der Hamas, über Lautsprecher erschallte. Deif rief alle Bewohner des Gaza-Streifens, die über ein Gewehr oder wenigstens ein Messer oder eine Axt verfügten, dazu auf, sich dem Überfall auf die Juden anzuschließen.

In der Tasche eines Kommandanten des militärischen Flügels der Hamas wurde eine handschriftliche Notiz gefunden«, darin »forderte er seine Kämpfer auf, so viele Juden wie möglich zu töten, sie zu enthaupten und ihnen für den Islam Herz und Leber herauszu­reißen«.

Die Britisch-Israelische Parlamentariergruppe hat einen Bericht über den 7. Oktober veröffentlicht, in dem es heißt: »Weitere beschlagnahmte Dokumente, die im Besitz von Hamas-Kämpfern gefunden wurden (…), zeigten, wie die Führung (…) die Kämpfer am Ort des Geschehens anwies, sich gegenüber Juden, Soldaten ebenso wie Zivilisten, wie Barbaren zu verhalten, und diese Handlungen damit rechtfertigte, dass sie im Namen des Islam ausgeführt würden. In der Tasche eines Kommandanten des militärischen Flügels der Hamas wurde eine handschriftliche Notiz gefunden«, darin »forderte er seine Kämpfer auf, so viele Juden wie möglich zu töten, sie zu enthaupten und ihnen für den Islam Herz und Leber herauszu­reißen«.

Auch für Yahya Sinwar, den Anführer der Hamas in Gaza sowie Planer und Anführer des Massakers, war das religiöse Motiv zentral, vor allem die Verheißungen des Paradieses, wie sie der Koran verspricht. Er glaubte, dass die Ermordung der Juden eine Voraussetzung für die Erlösung der Welt sei, und er war bereit, sich selbst und das Leben von Zehntausenden Muslimen dafür zu opfern. Schon in seinem autobiographischen Roman, den er 2004 unter dem Titel »Die Dornen und die Nelken« veröffentlicht hatte, ging es darum, so viele Israelis wie möglich grausam zu töten. Sinwar legte den Protagonisten dieses Romans, nachdem sie ein tödliches Geschoss auf Juden geworfen hatten, die folgenden Worte in den Mund: »Im Namen Gottes, Gott ist der Größte, und du hast nicht geworfen, als du geworfen hast; es war Gott, der geworfen hat.« Islamisten wie Sinwar erklären Gott zum eigentlichen Urheber ihrer Taten oder setzen sich selbst an Gottes Stelle. Das Abschlachten von Juden gilt ihnen als eine Art religiöser Dienst; daher die enthusiastische Stimmung am 7. Oktober und die ständigen »Allahu akbar«-Rufe.

Und wie reagierten wichtige Institutionen des Islam auf den religiös begründeten Terror dieses Tages? Beginnen wir mit der weltweit bedeutendsten Einrichtung des sunnitischen Islam, der vor mehr als 1 000 Jahren in Kairo gegründeten und seit 1961 vom ägyptischen Staat kontrollierten Moschee-Universität al-Azhar, bei der mehr als 450 000 Studierende eingeschrieben sind.

Wie reagierte die al-Azhar-Universität?

Schon am 7. Oktober, wenige Stunden nach Beginn des Hamas-Überfalls, veröffentliche die al-Azhar-Universität, die zugleich auch eine große öffentliche Religionsschule ist, eine Erklärung, in der es heißt: »Al-Azhar würdigt mit größtem Stolz den Widerstand des stolzen palästinensischen Volkes, das uns mit Geist und Glauben erfüllt hat.« Kurz darauf, am 11. Oktober, rief die Universitätsleitung die Palästinenser zum Märtyrertod auf: »Es ist besser für euch, als Ritter, Helden und Märtyrer auf eurem Land zu sterben, als es den usurpierenden Siedlern zu überlassen.« Am 18. Oktober ging sie noch einen Schritt weiter und erklärte in einer Fatwa, einem religiösen Gutachten, dass »der Begriff ›Zivilist‹ (…) nicht für zionistische Siedler auf besetztem Land« gelte, wobei mit »besetztem Land« das gesamte Israel gemeint ist. Mit anderen Worten: Alle Israelis – vom Baby bis zum Greis – dürften getötet werden.

Mit dieser Fatwa legitimierte die wichtigste Institution des sunnitischen Islam die Geiselnahmen und die Morde und damit auch die Verbrennungen, Verstümmelungen, Vergewaltigungen und Folterungen, von denen man inzwischen wusste. Das hatte innerhalb der Welt des Islam immense Bedeutung, zumal sich die al-Azhar-Universität bis dahin von religiösem Extremismus eher distanziert und sich ein »moderates« Image zugelegt hatte. Dieser alarmierende Vorgang fand jedoch kaum Beachtung in westlichen Medien. Erst im Juli 2025 sah sich die staatlich finanzierte Universität nach Intervention des ägyptischen Präsidenten Abd al-Fattah al-Sisi gezwungen, ihre antisemitische Rhetorik zu mäßigen.

Offensive der Muslimbruderschaft

Während die Leitung der al-Azhar-Universität bei verschiedenen Gelegenheiten zumindest öffentlich vorgibt, die Existenz Israels im Rahmen einer Zweistaatenlösung akzeptieren zu wollen, bestehen die Gruppen der radikal antisemitischen Muslimbruderschaft darauf, dass Israel in Gänze auszulöschen sei. Für sie war der 7. Oktober ein Fanal und der Beginn einer islamischen Entscheidungsschlacht, die sich auf »Palästina« konzentriert.

Im März 2025 beschloss die den Muslimbrüdern nahestehende International Union of Muslim Scholars, die in Doha ihren Sitz hat und von Katar und der Türkei finanziert wird, eine Fatwa, die zum globalen Jihad gegen Israel aufruft und die arabischen und islamischen Staaten auffordert, Israel militärisch anzugreifen. Doch damit nicht genug: Am 27. Juni 2025 kamen Hunderte islamische Gelehrte in Istanbul zusammen und verabschiedeten eine »Charta der Religionsgelehrten der Islamischen Nation bezüglich der al-Aqsa-Flut und ihrer Auswirkungen«. Mit »al-Aqsa-Flut« ist der Angriff der Hamas am 7. Oktober gemeint.

»Zeugnis für wahren Glauben«

Die Charta ist ein umfassendes religiöses Manifest, das von über 500 Geistlichen und 39 islamischen Organisationen veröffentlicht wurde. Sie dient dem Zweck, dem Massaker des 7. Oktober eine religiöse Legitimation zu verschaffen. Sie nimmt die Hamas insbesondere gegen die häufig geäußerte Kritik in Schutz, sie habe bei ihrer Offensive des 7. Oktober den nachfolgenden Tod zahlloser Muslime in Gaza einkalkuliert. Die Charta weist diesen Vorwurf zurück. Hierzu heißt es: »Der hohe Preis, den die Menschen in Gaza während der Operation gezahlt haben, ist kein Grund zum Bedauern oder zur Verzweiflung. Er ist ein Zeugnis für wahren Glauben und Opferbereitschaft. Ihr Lohn liegt bei Allah.«

Sinwar schrieb in einer Stellungnahme, dass selbst der Einsatz einer israelischen Atombombe als Antwort auf den Angriff möglich sei, was aber ebenfalls in Kauf genommen werden müsse.

Dieser zynische Absatz bestätigt Sinwars Kurs, der den Tod Zehntausender Muslime in Gaza als »wahren Glauben« einkalkuliert und öffentlich verteidigt hat – ohne allerdings zu fragen, ob die Bewohner Gazas damit einverstanden sind, für die höheren Ziele der Hamas geopfert zu werden. Sinwar schrieb in einer Stellungnahme, dass selbst der Einsatz einer israelischen Atombombe als Antwort auf den Angriff möglich sei, was aber ebenfalls in Kauf genommen werden müsse: »Dieser Feldzug ist ein Kampf um Leben und Tod, und mit Allahs Hilfe wird es Leben geben.«
Dies erinnert an eine Aussage des früheren iranischen Präsidenten Akbar Hashemi Rafsanjani, dass »schon eine einzige Atombombe in Israel alles auslöschen« würde, während der israelische Gegenschlag »die islamische Welt nur beschädigen«, nicht aber beseitigen würde. Einige Hunderttausend zusätzliche Märtyrer des »wahren Glaubens« – dieser Preis ist offenbar nicht zu hoch.

Es mag schwerfallen, solche Ungeheuerlichkeiten für voll zu nehmen. Wenn jedoch 500 muslimische Gelehrte und 39 muslimische Organisationen im Juni 2025 erklären, dass der religiöse Nutzen derartige humanitäre Katastrophen aufwiegt, muss man sie wohl ernst nehmen.

Diese islamistische Offensive wurde und wird durch verschiedene Faktoren begünstigt: Erstens wurde in den anfänglichen Stellungnahmen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit, der 57 Staaten angehören, der Angriff der Hamas fortlaufend verschwiegen und gegen alle Evidenz »die gefährliche israelische Eskalation« für die »Instabilität« verantwortlich gemacht. Es dauerte fast zwei Jahre, bevor in der »New York Declaration« vom 29. Juli 2025 zumindest einige islamische Staaten den Terror der Hamas erwähnten und halbherzig deren Entwaffnung forderten.

Zweitens ist die Öffentlichkeitsarbeit der Hamas intelligenter als die ­ihrer Gegner. So ist in ihren englischsprachigen Aufrufen weniger vom ­Islam als von einem angeblich universellen Freiheitskampf die Rede, während in ihren arabischsprachigen Texten die religiöse Sprache dominiert, gespickt mit Zitaten aus dem Koran. Diese Doppelzüngigkeit macht es ihr möglich, sich trotz eines extrem re­aktionären religiösen Programms die Sympathien der westlichen Linken ­sichern.

Yahya Sinwar

Je mehr tote Israelis, desto besser. Yahya Sinwar, der Planer des 7. Oktober, bei einer Rede im April 2022 in Gaza-Stadt; er wurde im Oktober 2024 von der israelischen Armee getötet

Bild:
picture alliance / Zumapress / Ashraf Amra

Drittens initiierte die Hamas eine Kampagne, um das Massaker, obwohl es durch zahllose Videoaufnahmen und Fotos bezeugt ist, zu leugnen. So begann sie, online gepostete Videos zu löschen, die Gräuel an Zivilisten zeigen. Sie erklärte mittels ihrer Medien, dass es diese nie gegeben habe und dass es Israel gewesen sei, das die Teilnehmer des Supernova-Musikfestivals getötet habe – Dokumente, die das Gegenteil belegten, seien gefälscht.

Dies zeigt, wie bedeutsam die Dokumentation nicht nur in Texten, sondern auch in Bildern ist. Und es gibt ja den von einer Einheit der israelischen Streitkräfte angefertigten Film mit dem Titel »Bearing Witness to the October 7th Massacre«, der in 47 Minuten die antisemitischen Verbrechen dokumentiert, die die ­Hamas-Mörder mit ihren Bodycams aufgenommen hatten. Zum Schutz der Opfer verfügte die israelische Regierung jedoch, dass diese Dokumentation nicht öffentlich gemacht, sondern nur in privaten Vorstellungen vor ausgewähltem Publikum gezeigt werden darf.

Kritische Muslime in der Defensive

Last, but not least gab und gibt es selbstverständlich auch zahllose muslimische Einzelpersonen in Israel, im Gaza-Streifen, in Saudi-Arabien, in Großbritannien und anderswo, die das Hamas-Massaker scharf kritisierten. Allerdings fanden diese Muslime wenig Gehör. So blieben auch die Erklärungen des Global Imams Council (GIC), eines Rats, der beansprucht, für über 1 500 Imame zu spreche, weitgehend unbekannt. Diese Organisation hat die IHRA-Definition von Antisemitismus übernommen. Sie hatte bereits im März 2023 eine Fatwa gegen die Hamas beschlossen und den Überfall des 7. Oktober danach scharf kritisiert. »Wir stehen an der Seite des jüdischen Volkes in seinem Kampf gegen den islamistischen Terrorismus der Hamas«, heißt es in ihrer diesbezüglichen Erklärung.

Auch die muslimische Ahmadiyya-Bewegung, die weltweit über mehr als 15 Millionen Anhänger verfügt, kritisierte das Massaker. Die Pressestelle der deutschen Gemeinschaft verurteilte »auf das Schärfste die terroristischen Anschläge der Hamas auf unschuldige israelische Zivilisten«. Die Presseerklärung des weltweiten spirituellen Anführers der Gemeinde verurteilte die Gewalt jedoch allgemein und stellte Israels militärische Reaktion somit auf eine Stufe mit dem Massaker der Hamas.

Eine Endzeitlehre

Eigentlich müsste die Instrumentalisierung einer Religion mit dem Ziel, Gräuel gegen Zivilisten zu rechtfertigen, starke Proteste der Anhänger dieser Religion provozieren. Diese Erwartung wurde, was das Massaker des 7. Oktober anbelangt, enttäuscht. Der Mainstream-Islam, wie ihn etwa Saudi-Arabien repräsentiert, distanzierte sich weniger von der Hamas als von Israel, während die Islamisten – von Erdoğans Türkei und Katar unterstützt – den Terror des 7. Oktober feierten und dessen Fortsetzung ankündigten. Aus ihrer Sicht lieferte der 7. Oktober 2023 das Fanal für die Beseitigung Israels. 2025 folgte der nächste Sieg: Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump erkannte die terroristische Hamas als Verhandlungspartner an. 2027 wird das Jahr beginnen, für das – 40 Jahre nach der Gründung der Hamas – der iranische Revolutionsführer Ali Khamenei das Ende Israels vorausgesagt hatte. Und selbst wenn weitere 40 Jahre notwendig sein sollten: Hatte nicht Algerien 1962 die Atommacht Frankreich ebenso davongejagt wie 2021 die afghanischen Taliban die USA und ihre Verbündeten? Der Islamismus denkt in den Kategorien einer Endzeitlehre, ein Jahrzehnt mehr oder weniger fällt ebenso wenig ins Gewicht wie die Zahl der Menschenleben, die geopfert werden.

Während die Islamisten mit ihrer »Charta der Religionsgelehrten« das bestialische Morden vom 7. Oktober zum Vorbild erheben, ist von einer Gegen-Charta muslimischer Verbände, die Erstere adäquat verurteilen, nicht nur nichts zu sehen – ihr Fehlen ist nicht einmal Gegenstand einer öffentlichen Diskussion.