27.08.2026
Slowakischer Nationalaufstand von 1944

Die Helden von Banská Bystrica

Am 29. August wird in der Slowakei des Nationalaufstands von 1944 gegen die Nazis gedacht. Auch wenn die Wehrmacht ihn schließlich niederschlug, zeigte er, dass es möglich war, sich gegen die Deutschen zu erheben, wenn man über die nötigen Gewaltmittel verfügte.

Am 29. August herrschte Feierstimmung in der Slowakei. Der Blick vieler S­lo­wak:in­nen gingen nach Banská Bystrica, einer Kleinstadt im Zentrum des Landes, von der allerdings jedes Schulkind weiß, wo sie liegt. Vergangenes Jahr schaltete das Slowakische Fernsehen zum 81. Jahrestag des Slowakischen Nationalaufstands für 3,5 Stunden live dorthin, moderiert wurde die Veranstaltung, wie es im deutschen Fernsehen etwa bei einer Fußball-WM üblich ist. Soldaten marschierten in Kolonnen auf, Fallschirmspringer landeten, Präsident Peter Pellegrini hielt eine Ansprache, die Veteranen des Aufstands wurden geehrt, die meisten von ihnen posthum; nur wenige leben noch. Ministerpräsident Robert Fico verlas Sätze von Hitler und Himmler und wies darauf hin, dass der Nationalsozialismus nie wirklich bestraft worden sei. Kaum ein anderes Ereignis in der slowakischen Geschichte hat eine solche identitätsstiftende Bedeutung wie der SNP – so wird auf Slowakisch der Aufstand von 1944 meist genannt, kurz für Slovenské národné povstanie, der Slowakische Nationalaufstand.

Der SNP begann am 29. August 1944 und endete am 28. Oktober mit der Niederschlagung durch die deutschen Besatzer. Danach ging der Kampf in den Bergen weiter und die Vergeltung ebenso: niedergebrannte Dörfer, Massenerschießungen in Kremnička und Nemecká. Die Aufständischen befreiten etwas mehr als die Hälfte des damaligen slowakischen Territoriums. Im Vergleich zum in Deutschland bekannteren Warschauer Aufstand dauerte der SNP drei Tage kürzer, fand nicht in der Hauptstadt, sondern auf dem Land statt, die Aufständischen kontrollierten aber einen deutlich größeren Raum.

 Lange war Wolfgang Venohrs »Aufstand in der Tatra« von 1979 das einzige westdeutsche Werk. Venohr hatte Informationen aus erster Hand: Als SS-Mitglied war er an der Niederschlagung beteiligt gewesen.

Damit ist er einer der größten Aufstände gegen das mit Nazi-Deutschland verbündete slowakische Regime und die einmarschierende deutsche Wehrmacht. Allerdings gibt es wenig auf Deutsch, das sich ihm ausführlich widmet: Lange war Wolfgang Venohrs »Aufstand in der Tatra« von 1979 das einzige westdeutsche Werk. Venohr konnte detailreich erzählen, was wann geschehen war, denn er hatte Informationen aus erster Hand: Als SS-Mitglied war er an der Niederschlagung beteiligt gewesen.

Slowakisches Kollaborationsregime und Widerstand

Das Kollaborationsregime unter dem Priester und Parteiführer der sogenannten Ludaken, Jozef Tiso, gegen den sich der Aufstand richtete, war kein bloßer Vasall Berlins. Er hatte 1942 aus eigenem Antrieb rund 58.000 Jüd:in­nen deportiert und dem Reich dafür pro Kopf eine Gebühr von 500 Reichsmark gezahlt. Nach den deutschen Niederlagen von Stalingrad und Kursk und Italiens Ausstieg aus dem Achsen-Bündnis 1943 wuchs die Feindseligkeit gegen die Deutschen und deren Kol­la­bora­teur:in­nen. Sozialistische und bürgerliche Widerstandsgruppen näherten sich einander an und bildeten mit dem sogenannten Weihnachtsab­kommen einen paritätisch besetzten Nationalrat.

Die zunehmenden Desertionen und Überläufe aus der slowakischen Armee an der Ostfront zwang die Wehrmacht, die slowakischen Verbände von der Front abzuziehen. In der slowakischen Armee bilden sich Widerstandsgruppen, insbesondere um Oberstleutnant Ján Golian, der beim Aufstand in Banská Bystrica das Kommando übernahm. Er bekam vom tschechoslowakischen Exilpräsidenten Edvard Beneš den Auftrag, den Aufstand zu organisieren und zu führen. Auch Verteidigungsminister Ferdinand Čatloš plante einen Umsturz; man kannte sich, lag aber bei den Vorstellungen über den künftigen Staat über Kreuz: Čatloš wollte einen rein slowakischen Staat, die meisten anderen Aufständischen eine geeinte Tschechoslowakei.

Nach dem Staatsstreich des rumänischen Königs am 23. August 1944 mussten Wehrmachtsoffiziere Bukarest verlassen und im Zug durch die Slowakei nach Deutschland zurückkehren. In Martin (damals Turčiansky Svätý Martin) hielten meuternde slowakische Soldaten den Zug an und erschossen die Offiziere auf Anweisung von Par­ti­san:in­nen. Dass Par­ti­san:in­nen und Re­gime­geg­ner:in­nen sich offen auf den Straßen zeigen, war eine Entwicklung dieser Tage.

Als Reaktion auf den Martin-Vorfall begann die Wehrmacht mit der Besetzung der Slowakei. Čatloš verlor die Befehlsgewalt und rief im Radio dazu auf, keinen Widerstand zu leisten, kurz darauf wurden 23.000 seiner Soldaten im Osten des Landes interniert. Golian forderte telefonisch alle Garnisonen auf, Widerstand zu leisten. In der Anfangsphase konnten die Deutschen aufgehalten werden, bis Verstärkung eintraf: im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion erfahrene Verbände, unter ihnen die für zahlreiche Blutbäder bekannte Einheit Dirlewanger. Die Aufständischen verloren bald rasch an Terrain. Die Rote Armee, die eigentlich erst später auf die Slowakei vorrücken wollte, improvisierte einen erfolglosen Unterstützungsangriff – das Aufstandsgebiet erreichte sie erst nach der Niederschlagung.

In der DDR-Literatur wurde der Aufstand als große, revolutionäre Volksbewegung dargestellt. Eine von Offizieren geführte Erhebung taugte schlecht zur sozialistischen Gründungserzählung.

Eine echte Unterstützung waren Waffenlieferungen der Sowjetunion. Zahlreiche aus deutschen Lagern Befreite schlossen sich der Aufstandsarmee an. Die Ankunft der vielen Verfolgten löste interne Konflikte aus, auch antisemi­tische Ressentiments zeigen sich, obwohl überdurchschnittlich viele Aufständische Jüd:innen waren. Fatal war die fehlende Koordination mit den Par­ti­san:in­nen, die von der Sowjetunion angeleitet wurden, ihren eigenen Kampf führten und kaum im Interesse der Aufständischen handelten. Golian und sein Nachfolger Rudolf Viest wurden Anfang November gefangen genommen und kamen in deutscher Haft um. In den Wochen danach deportierte die SS aus dem nur kurzfristig während des Aufstands geöffneten Lager Sereď (eingerichtet 1941) rund 13.500 Jüd:innen.

Der Aufstand war in diesem Ausmaß nur möglich gewesen, weil er gerade nicht dem Idealbild einer linken Erhebung von unten entsprach. In der DDR-Literatur wurde der SNP als große, ­revolutionäre Volksbewegung dargestellt. Eine von Offizieren geführte ­Erhebung taugte schlecht zur sozialistischen Gründungserzählung. Das Rückgrat des Aufstands war jedoch die slowakische Armee, also ein Apparat, der auf Gewalt trainiert war und zuvor an der Seite der Wehrmacht gekämpft hatte. Getragen wurde er von einer Zweckkoalition aus Berufsoffizieren, Kom­mu­nist:in­nen, Bürgerlichen, ­sowjetischen und tschechoslowakischen Fallsc­hirmsp­rin­ger:in­nen und entflohenen Häftlingen.

Die Slowakei 1944 ist nicht der einzige Fall, der zeigt: Ohne Gewaltapparat ist ein Aufstand gegen einen Staat mit Armee kaum möglich. Die Kieler Matrosen 1918 waren Soldaten, das Ende des portugiesischen sogenannten Estado Novo organisierten 1974 Offiziere der eigenen Armee, und die kurdischen Einheiten in Syrien konnten Gebiete halten, weil sie auf jahrzehntealte Guerillastrukturen zurückgreifen konnten. Umgekehrt blieben Aufstände ohne militärische Organisation oft stark begrenzt. Der Hamburger Aufstand 1923 erbeutete 250 Gewehre, im Warschauer Aufstand hatten nur zehn bis zwölf Prozent der Beteiligten eine Waffe, und in Ägypten übernahm 2011 nicht die Bevölkerung die Macht, sondern das Militär. Das letztgenannte Beispiel zeigt: Derselbe Apparat, der einen Aufstand ermöglichen kann, kann ihn auch nach Gutdünken beenden.

Entscheidend ist die Frage, auf welche Seite sich die Bewaffneten schlagen. Mitte August 1944 beschäftigte sich Himmler mit einem Dorf nördlich von Košice, das »total kommunistisch« ­geworden sei, wie er es in einem Brief beschrieb. Dessen Empfänger, der Staatssekretär für die Deutschen in der Slowakei, berichtete zurück von einer »zersetzten« slowakischen Armee, von Gehorsamsverweigerung, roten Fahnen und von Par­ti­san:in­nen, die »Brücken sprengen, Gendarmeriestationen ausheben, deutsche Militärtransporte in die Luft gehen lassen«. Zwei Männer, die den Apparat des Terrors führten, sahen all das und sahen den Aufstand dennoch nicht kommen.

Die Slowakei 1944 ist nicht der einzige Fall, der zeigt: Ohne Gewaltapparat ist ein Aufstand gegen einen Staat mit Armee kaum möglich.

Überträgt man das auf antifaschistischen und demokratischen Widerstand in der heutigen autoritärer werdenden Welt, sind die Schlussfolgerungen beunruhigend. Bilder und die Zahlen der Getöteten und Verletzten deuten darauf hin, dass im Januar 2026 Millionen Menschen an dem Aufstand gegen die Mullahs im Iran teilgenommen haben, selbst in traditionell regierungstreuen Gebieten. Proteste dieses Ausmaßes haben anderswo Regierungen gestürzt: 1989 waren nur drei bis fünf Prozent der DDR-Bevölkerung auf der Straße; das Regime fiel, weil die Bewaffneten nicht schossen. Im Iran taten sie es, unter den Aufständischen fehlten die Gewaltspezialisten. Vereinfacht: Es schoss niemand zurück.

Auf der Bühne unter dem Denkmal in Banská Bystrica wandte sich vergangenes Jahr Präsident Pellegrini an die junge Bevölkerung. Auf die rhetorische Frage, was das Jahr 1944 mit ihrem heutigen Leben zu tun habe, antwortet er: »Absolut alles.« Der Faschismus lasse sich durch einige Tugenden verhindern, so Pellegrini: zuhören, sich erinnern, anständig bleiben. Die neuen Prediger des Hasses, sagt er, trügen keine Uniformen mit Hakenkreuzen und marschierten auch nicht wie einst die Nazis. Eine Rede, wie sie in Deutschland fast jede Woche zu hören ist. Theodor W. Adorno bezeichnet solch routinierte Appelle als »Gesinnungspaß«.

Die Aufständischen hatten 1944 eine andere Antwort auf den Faschismus, und der Moderator nannte sie, als er die Zahlen verlas: 60.000 Soldaten, 18.000 Par­ti­san:in­nen. Wo faschistische und islamistische Herrschaft einen Gewaltapparat kontrolliert, entscheidet sich der Erfolg oder Misserfolg des Widerstands gegen sie weniger an der richtigen Gesinnung als an militärischen Fähigkeiten – und daran, wem die Bewaffneten folgen.