27.08.2026
Rechtsextreme Bedrohung in Mecklenburg-Vorpommern

Ein guter Nährboden

In Rostock lag ein Schweinekopf vor einer Moschee – nicht zum ersten Mal, wie Ahmed Fakhouri vom Islamischen Bund Rostock erzählt. Beratungsstellen dokumentieren einen neuen Höchststand rechts­extremer Delikte in Mecklenburg-Vorpommern und sehen einen Zusammenhang mit dem Umfragehoch der AfD.

Im Vergleich zu den großen, bunten Graffiti an der geschlossenen Supermarktfiliale gegenüber wirken die Sticker der rechtsextremen Identitären Bewegung und der Kleinstpartei »Der III. Weg« an den milchigen Scheiben der al-Nour-Moschee in Rostock-Toitenwinkel beinahe unscheinbar. Nicht zu übersehen jedoch war der abgetrennte Kopf eines Spanferkels, den Unbekannte in einer Freitagnacht Mitte Augst vor den Eingang der Moschee legten. Wegen des Verdachts auf eine Straftat nach Paragraph 166 des Strafgesetzbuchs, also der Beschimpfung von Religionsgemeinschaften, ermittelt der Staatsschutz.

Ahmed Maher Fakhouri, der Sprecher des Islamischen Bundes Rostock, zeigt sich einige Tage später im Gespräch mit der Jungle World unbeeindruckt. Der Kopf sei im Vergleich mit früheren Aktionen eher unauffällig gewesen: klein und gebraten. »Sonst ist es meistens ein großer, roher Schweinekopf«, sagt Fakhouri. Beim Freitagsgebet habe man den Vorfall kurz angesprochen, aber keinesfalls die ganze Predigt darauf verwendet. Man kann diese Gelassenheit als Widerstandskraft gegen die Einschüchterungsversuche deuten – oder als erzwungene Anpassung an rechtsextreme Drohgebärden, die man ohnehin nicht verhindern kann. Denn es ist nicht das erste Mal, dass Unbekannte auf diese Weise gegen die Gemeinde vorgehen.

»Wenn rechtsextreme Positionen normalisiert sind, fühlen sich Täter:innen umso mehr befähigt, den vermeintlichen ›Volkswillen‹ zu vollstrecken.« Robert Schiedewitz, Beratungsstelle Lobbi

Wie in ganz Deutschland nimmt auch in Mecklenburg-Vorpommern die rechtsextreme Gewalt zu. 2025 dokumentierte Lobbi, eine Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, 157 rechts motivierte Angriffen – ein neuer Höchstwert für das Bundesland. Die Hälfte davon war rassistisch motiviert. Unter rechtsextremer Gewalt versteht die Beratungsstelle Tötung, Körperverletzung, schwere Bedrohung, Nötigung und zielgerichtete Sachbeschädigung. »Ein Vorfall wie der mit dem Schweinekopf würde demnach gar nicht erfasst werden, obwohl er die Betroffenen trotzdem extrem belasten kann«, berichtet Robert Schiedewitz von der Beratungsstelle der Jungle World.

Der 67jährige Fakhouri hat zu viel erlebt, um sich von einem Schweine­kopf einschüchtern zu lassen. 1984 kam er für das Studium aus Syrien nach Deutschland. Vier Wochen nachdem er 1992 nach Rostock gezogen war, erlebte er das rassistische Pogrom im Ortsteil Lichtenhagen, das sich in dieser Woche zum 34. Mal jährt und die heutigen Vorfälle fast harmlos erscheinen lässt. »Das hat mich für eine bestimmte Zeit gelähmt. Ich saß tagtäglich vor dem Fernseher und habe sogar meiner Frau gesagt: ›Lass uns ­woanders hinfahren‹«, erzählt er nachdenklich. Eine Zeitlang habe er sich damals nachts nicht mehr allein auf die Straße getraut. Doch Fakhouri berichtet auch von einer vielfältigen und lebendigen Zivilgesellschaft, die sich in den Jahren und Jahrzehnten danach in Rostock entwickelt hat. Er selbst half als Koordinator des IQ-Netzwerks Mecklenburg-Vorpommern ausländischen Fachkräften dabei, ihre Qualifikationen in Deutschland anerkennen zu lassen. »Das war eine tolle Arbeit, ich konnte als Migrant viele Projekte auf die Beine stellen«, erinnert er sich.

AfD mobilisierte gegen Moschee-Standorte

Die Gemeinde, in der Fakhouri tätig ist, gibt es seit 1998. Sie ist mit den Jahren gewachsen und suchte bald nach einem geeigneten Standort für eine neue Moschee. Ab 2018 schürte die AfD Stimmung gegen eine angebliche »­Islamisierung« der Stadt. Teils monatlich veranstaltete die Partei Demons­trationen durch verschiedene Stadtteile, die für den Moscheebau in der Dis­kussion waren. 2019 sammelte sie Unterschriften für ein Bürgerbegehren, das den Verkauf eines städtischen Grundstücks an den Islamischen Bund am Holbeinplatz verhindern sollte. Wenige Tage zuvor hatten An­woh­ner:in­­nen dort erstmals Teile eines Schweins gefunden. 2020, nur ein Jahr später, stieß ein Gemeindemitglied Fakhouri zufolge erneut auf abgetrennte Schweineteile, diesmal an einer als Moschee genutzten Baracke in der Erich-Schlesinger-Straße; dieser Fall wurde bis jetzt nicht öffentlich bekanntgemacht. Keiner der Verantwortlichen wurde je ermittelt.

Trotzdem fühlt sich die Gemeinde in Rostock nicht alleingelassen. »Wir sind hier gut vernetzt, ob mit der Verwaltung, der Uni oder der Polizei«, sagt Fakhouri. Regelmäßig lade er Schulklassen und Auszubildende in die Moschee ein, um ins Gespräch mit­einander zu kommen und Vorurteile abzubauen. Umso mehr ärgert es ihn, dass der oder die Täter:innen die Zusammenarbeit mit der jüngsten und insgesamt dritten Schweineattacke ­stören wollen.

Am 20. September wird in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt. Umfragen sehen die AfD bei etwa 36 Prozent, im Vergleich zur vorigen Wahl 2021 würde sich ihr Stimmenanteil damit mehr als verdoppeln. Solch ein Anstieg habe Einfluss auf die Konjunktur rechtsextremer Gewalt, so Robert Schiedewitz von Lobbi: »Wenn rechtsextreme Positionen normalisiert sind, fühlen sich Täter:innen umso mehr befähigt, den vermeint­lichen ›Volkswillen‹ zu vollstrecken.« Immer wieder komme es bei Übergriffen zu einer direkten Bezugnahme auf die AfD, nach dem Motto: »Wenn die regieren, seid ihr sowieso alle weg.«

Gegenüber der Ostsee-Zeitung distanzierte sich der Kreisvorsitzende der AfD Rostock, Michael Meister, vom Vorfall an der al-Nour-Moschee: »Das Ablegen eines Schweinekopfes vor ­einem Kulturzentrum ist eine widerwärtige Tat. Ich verurteile sie ohne jede Einschränkung.« Inwiefern seine Partei mit ihrer sonstigen Rhetorik einen Nährboden für solche Vorfälle schafft – darauf ging Meister nicht ein. Dabei gäbe es dafür gute Gründe. Anfang Juni hat der bisherige Vorsitzende der AfD-Fraktion in der Rostocker Bürgerschaft, Toni Marten, die Partei verlassen. Schon im Mai hatte er öffentlich kritisiert, die AfD decke rechtsextreme ­Positionen und gehe nicht gegen diese vor. Seinen Angaben zufolge hatten sich Mitglieder in einer internen Chat-Gruppe unter anderem dazu verabredet, Schweinsköpfe vor eine Moschee zu legen. Zwar gibt es nach jetzigem Erkenntnisstand keinen direkten Zusammenhang zwischen diesen Plänen vor gut zwei Monaten und dem tatsächlichen Vorfall, die internen Chat-Nachrichten zeigen aber mindestens die geistige Nähe von AfD-Mitgliedern zu den Tätern.

So sieht es auch Ahmed Maher ­Fakhouri: »Ich gehe davon aus, dass dieser Vorfall direkt oder indirekt mit der Einstellung der AfD gegen Muslime zusammenhängt – auch wenn es nur die Propaganda war, die jemanden motiviert hat.« Trotz des zu befürchtenden Wahlerfolgs der AfD in Mecklenburg-Vorpommern blickt er nicht hoffnungslos in die Zukunft. Gerade hat er mit seinem Verein einen Förderantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gestellt. Man wolle sich darauf konzentrieren, in Zukunft noch mehr auf die Stadtgesellschaft zuzugehen und sich weiterhin in demokratischen Bündnissen ein­zubringen. Der Tag der offenen Moschee wird dieses Jahr am 3. Oktober in Rostock erstmals an zwei Standorten stattfinden – daran kann auch ein Schweinekopf nichts ändern.