Jungle+ Artikel 27.08.2026
Mammutsanierung in Berlin

Es bröckelt, rieselt und knarzt

Die Staatsbibliothek Potsdamer Straße wird ab 2030 mehr als ein Jahrzehnt lang grundsaniert werden, die Zentral- und Landesbibliothek findet keinen neuen Standort: Berlin hat ein Problem mit seinen Büchereien – und viele Leserinnen und Leser werden in ihnen bald keinen Platz mehr finden, um zu arbeiten. Der Zustand der Bibliotheken erzählt viel über die schlechte Verfassung der öffentlichen Daseins­fürsorge, die Bedeutung des öffentlichen Raums und die Relevanz von Wissen in Zeiten von alternativen Fakten.

Demnächst wird in der Bundeshauptstadt Berlin wohl eine erhebliche Anzahl an Arbeits- und Leseplätze in öffentlichen Bibliotheken für eine außerordentlich lange Zeit wegfallen: Die Staatsbibliothek Potsdamer Straße am Kulturforum schließt ab 2030 wegen einer Grundsanierung für mindestens elf Jahre, gleichzeitig sucht die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) dringend, aber bislang ergebnislos, nach einem neuen Standort. Das ist nicht nur ärgerlich für die Nutzerinnen und Nutzer der Einrichtungen – es zeigt vor allen Dingen, wie leichtfertig derzeit mit öffentlicher Daseinsvorsorge und Ressourcen umgegangen wird. 

Das absurde Schauspiel ist leider immer dasselbe: Man beteuert, die Demokratie – »unsere Demokratie!« – verteidigen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken zu wollen – und sabotiert dann gerade die Institutionen, die dafür nötig wären. Oft wird auf fehlendes Geld verwiesen. Das Problem scheinen im Fall der Berliner Bibliotheken aber eher mangelnde Weitsicht und allgemeine Wurstigkeit seitens der Verwaltung zu sein.

Als öffentlicher Raum wird die »Stabi« bis auf weiteres verschwinden – schließlich zeigt die Erfahrung, dass es kaum bei den geplanten elf Jahren Schließung bleiben dürfte.

900 Leseplätze weg

Die ab 1967 errichtete und 1978 eröffnete Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße gehört bau- und zeitgeschichtlich zu den wichtigsten Bibliotheksbauten des 20. Jahrhunderts. Der Entwurf von Hans Scharoun löst sich architektonisch vollständig von der Tradition wissenschaftlicher Bibliotheken, die neben Opernhäusern und Bahnhöfen zu den prägenden Prunk- und Repräsentationsbauten bürgerlicher Gesellschaften gehörten. Die »Stabi«, wie sie in der Stadt genannt wird, will gerade keine Kathedrale des Wissens sein. Ihr geht es nicht um Überwältigung, sondern um einen großzügigen, niedrigschwelligen, funktional und maßstäblich am Individuum orientierten öffentlichen Raum.

Noch kein Abonnement?

Um diesen Inhalt zu lesen, wird ein Online-Abo benötigt::