27.08.2026
Kulturelle Projekte haben es schwer in Sachsen-Anhalt

Jedes Wochenende »Sieg Heil«-Rufe

In Sachsen-Anhalt haben es Menschen, die sich in soziokulturellen Projekten engagieren, schwer. Sie versuchen, gegen den rechts­extremen Ungeist, der in dem Bundesland herrscht, halbwegs zivilisierte Verhältnisse aufrechtzuerhalten, doch diese Arbeit wird nicht genug gewürdigt. Die »Jungle World« hat mit einigen dieser Menschen gesprochen.

»Sollte die AfD an die Regierung kommen, wird uns allen die Arbeitsgrundlage entzogen«, sagt Nicole Tröger am Ende ihres Gesprächs mit der Jungle World. Im Kern ging es beim Telefonat mit ihr um das Theater, dessen Geschäfte sie führt.

Das vom Verein Werkstätten und Kultur Halle (Saale) e. V. (WUK) betriebene WUK-Theater-Quartier mischt sich mit den Mitteln der Kunst in Debatten ein und regt solche an. Wer Sachsen-Anhalt aus der Ferne wahrnimmt und nur auf die derzeitigen Wahlumfragen schaut, übersieht schon mal die Arbeit von Projekten wie dem WUK, das nur eines unter vielen ist. In zahlreichen Initiativen engagieren sich Menschen, doch sie stoßen dabei immer wieder an ihre Grenzen. Nicht allein aufgrund der Aktivitäten von Rechtsextremen, sondern auch weil Politiker und Behörden nicht selten vorauseilenden Gehorsam leisten mit Blick auf eine nicht unwahrscheinliche künftige AfD-geführte Landesregierung. Vor kurzem mahnte beispielsweise die Schulbehörde einen Lehrer in Arneburg ab, weil er seinen Schülern erklärt hatte, warum er nicht die AfD wählt. Mittlerweile wurde die Abmahnung zurückgezogen.

Vor kurzem mahnte die Schulbehörde einen Lehrer in Arneburg ab, weil er seinen Schülern erklärt hatte, warum er nicht die AfD wählt.

Für die freie Theaterszene in Sachsen-Anhalt war die Gründung des WUK 2017 entscheidend. Mit dem ehemaligen DDR-Kulturhaus »Kurt Wabbel« verfügt sie über einen eigenen Ort, den das Team um die Geschäftsführerin Tröger für kulturellen und intellektuellen Austausch offen hält und an dem rund 250 Veranstaltungen jährlich stattfinden. Derzeit experimentiert das Team damit, einen Bürgerrat in die Spielplangestaltung einzubeziehen. »Beteiligung zählt zu unserem Selbstverständnis«, sagt Tröger.

»Gläsernes Theater«

»Finanziell war die Situation nie gut«, ergänzt sie. Die derzeitigen Kürzungen im Kulturbereich machten das Arbeiten noch schwieriger. Zusätzlich fehlt in Sachsen-Anhalt eine institutionelle Förderung der freien Szene, wie es sie ­beispielsweise in Sachsen gibt. »Wir müssen uns über zusätzliche Projekte das Grundgerüst mitfinanzieren«, ­berichtet Tröger. Das mache das mittelfristige Planen schwierig. Und: »Wir stehen sicher nicht auf der Liste der Kulturorte, die die AfD mag.«

Die rechtsextreme Partei hat ihre Vorstellungen von einer heimattümelnden Kultur unmissverständlich mitgeteilt. »Patriotismus fördern – Kein Staatsgeld für antideutsche Kultur!«, heißt es in ihrem »Regierungsprogramm« genannten Wahlprogramm für Sachsen-­Anhalt. Ein »Bekenntnis zu Deutschland« sollen alle unterschreiben, die Förderung erhalten möchten, wenn die AfD regiert. Jüngst verlangte die Landtagsfraktion der Partei in einem Antrag, geförderte Projekte sollten eine Erklärung vorlegen, dass sie »Deutschlands Kultur nicht verächtlich machen«. Erst im Mai verabschiedete der Landtag ein Gesetz, mit dem sich Sachsen-Anhalt verpflichtet, dauerhaft kulturelle Angebote, Einrichtungen und Kulturschaffende zu fördern – das soll einen Kurswechsel durch eine mögliche zukünftige AfD-Regierung erschweren.

»Patriotismus fördern – Kein Staatsgeld für antideutsche Kultur!«, heißt es im AfD-Wahlprogramm für Sachsen-­Anhalt. Ein »Bekenntnis zu Deutschland« sollen alle unterschreiben, die Förderung erhalten möchten, wenn die AfD regiert.

»Wir orientieren uns an gesellschaftlich relevanten Themen, die wir mit Stücken, Lesungen, Workshops anbieten, um die Stadtgesellschaft einzubinden und zur Diskussion zu bringen«, sagt Tröger. Die Spielzeiten stehen unter Mottos wie »Kapitalismus« oder »Besser leben«. Kooperationsformate sind fürs WUK selbstverständlich. Mit der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft e. V., dem Selbsthilfeverein Lebenshilfe und ansässigen Künstlern werden seit Jahren Nachbarschaftsfeste veranstaltet.

Ziel ist es, auch jene zu erreichen, die eine gewisse Scheu vor Stätten der Hochkultur haben. »Zu uns kommen viele Menschen, die sich selbst nicht als Theaterpublikum verstehen. Die sagen: ›So habe ich Theater noch nie erlebt!‹« Das funktioniere auch dank ihres auf der Saale ankernden Theaterschiffs, so Tröger. Das ehemalige Fahrgastschiff dient als mobiler Spielort. »Wie können wir Theater sichtbarer machen?«, das sei der Grundgedanke dahinter gewesen. »Wir sind ein gläsernes Theater. Passant:innen sehen, dass da etwas passiert, verirren sich zu uns.«

Offensive Nazis

Gut gesehen werden zu können, strebt auch »Wir mit dir e. V.« aus Aken an, ­einer Stadt an der Elbe. Der soziokulturelle Verein ist gut vernetzt in der Region, zum Beispiel mit dem Bündnis offenes Köthen, aber auch in Bitterfeld-Wolfen und Dessau-Roßlau. Mit verschiedenen niedrigschwelligen Angeboten wolle man die Menschen erreichen, sagt das Vereinsmitglied Jenny Marek der Jungle World. »Am Anfang wurden wir belächelt, aber wir machen weiter.« Der Anfang, das war 2015, als sich Marek mit anderen in der Geflüchtetenhilfe engagierte. »Fürs Spendensammeln brauchten wir eine Rechtsform«, sagt sie. Der Verein hat zurzeit 16 Mitglieder, erhält mitunter Unterstützung aus deren privatem Umfeld, beispielsweise gespendetes Gebäck für einen Kuchenbasar.

Mit Angeboten wie Kinderschminken und einer Siebdruckwerkstatt stellt der Verein Kontakt zu den Leuten her. »Wir sind überall dabei, wo etwas los ist. Die Menschen sollen merken, dass man mit Menschen wie uns reden kann, auch wenn wir vielleicht anders aussehen.«

Die Landtagswahl begleitet man mit der Plakatkampagne »Ich wähle demokratisch, weil …«. Auch über rechte Codes klärt »Wir mit dir« auf, zum Beispiel mit Workshops.

Einmal bestand eine Demonstration gegen rechts – unter Nazi-Beobachtung – nur aus zwölf Leuten, weil von auswärts niemand gekommen war.

»Die Nazis agieren jetzt offensiver«, erzählt Marek. Eine Gruppe sehr junger Rechtsextremer mache Aken derzeit unsicher. Seit zwei, drei Jahren habe sich die Situation verschlimmert. Einige »stabile Leute« seien nach Leipzig-Connewitz gezogen und hätten eine Lücke hinterlassen. »Du hörst jetzt jedes Wochenende ›Sieg Heil‹-Rufe auf dem Markt. Ich will mich nicht daran gewöhnen und will nicht, dass sich diese Stadt daran gewöhnt.« Auch Marek selbst musste Pöbeleien hinnehmen. Einmal bestand eine Demonstration gegen rechts – unter Nazi-Beobachtung – nur aus zwölf Leuten, weil von auswärts niemand gekommen war. »Da dachte ich: Alter! Städter, was ist mit euch los?« Derzeit ist sie froh, dass ihr Verein nicht allein ist. Mit dem Wagenplatz »Wertvolle Zukunft« ist in Aken ein weiterer Ort entstanden, dem sie sich verbunden fühlt. »Nicht, dass ich auch noch nach Leipzig ziehe.«

Feindbild soziokulturelle Zentren

Wie wichtig solche Orte sind, weiß auch Robert Fietzke. Er leitet das von Zora e. V. betriebene Soziokulturelle Zentrum in Halberstadt; der Name ist Kurt Helds Roman »Die rote Zora und ihre Bande« entnommen. Seit den frühen Neunzigern engagiert es sich in der Kinder- und Jugendarbeit. Schon in den sogenannten Baseballschlägerjahren war das Zentrum einer der wenigen sicheren Orte in der Stadt. »Das Klima hier hat sich nicht wirklich verändert, Anfeindungen kennt die ›Zora‹ schon immer«, sagt Fietzke. »Wir verbinden hier gemeinsame Erlebnisse mit Erinnerungsarbeit.«

Derzeit hat man besonders mit aus Dortmund zugezogenen Neonazis zu kämpfen, die eine »national befreite Zone« ausrufen wollen, was ihnen bisher nicht gelang.

Als diskriminierungsfreier Raum zieht die »Zora« Aggressionen Rechtsextremer automatisch an, selbst wenn keine explizit politische Arbeit geleistet wird. Neben einer Druck- und Fahrradwerkstatt gibt es Mental-Health-Beratung, Termine für Selbsthilfegruppen, eine Küche für alle; Open Jams und Flohmärkte finden statt; bei Techno-Partys ist schon mal der ganze Hof voller Menschen. »Es ist ein sozialer Raum der Begegnung, den nicht nur Kinder und Jugendliche annehmen«, weiß Fietzke, der einer von drei Hauptamtlichen ist. Viele Ehrenamtler arbeiten mit. »Es geht darum, sich ausleben zu können und Gleichgesinnte jenseits von Alltagsdiskriminierung zu treffen.«

Anfeindungen ist man gewohnt. Derzeit hat man besonders mit aus Dortmund zugezogenen Neonazis zu kämpfen, die eine »national befreite Zone« ausrufen wollen, was ihnen bisher nicht gelang.

Finanziert wird die »Zora« vor allem durch kommunale Gelder. Mit einer Spendenkampagne wirbt das Zentrum zusätzliche Unterstützung ein. In ­anderen Kommunen Sachsen-Anhalts ­wurden der Demokratiearbeit bereits Mittel gestrichen: In Salzwedel lehnte die CDU zusammen mit der AfD und der Freien Fraktion bereits bewilligte Fördergelder im Umfang von mehreren Hunderttausend Euro vom Bund ab, die für ein Demokratieprojekt vorgesehen waren und mit denen unter anderen ein Jugendforum gefördert werden sollten (Jungle World 11/2025).

Zwar erfahren die Kulturprojekte Unterstützung durch jene Bürgerinnen und Bürger Sachsen-Anhalts, die nicht die AfD wählen. Doch falls es zu einer ­Alleinregierung der Rechtsextremen kommen sollte, könnten die ­Kommunen unter Druck gesetzt werden, befürchtet Fietzke. Aber das will er sich noch nicht ausmalen. »Für die AfD gibt es kein größeres Feindbild als die soziokulturellen Zentren«, sagt er.