Kotau vor dem Mäzen der Hetzer
Falls künftige Historiker (sofern es nach dem nächsten deutschen Faschismus so etwas noch geben wird) jemals nach Texten suchen sollten, die anschaulich machen, wie sich der liberale deutsche Edeljournalismus zum herannahenden Unheil verhalten hat, sollten sie auf ein in der Zeit erschienenes Porträt des Multimillionärs Frank Gotthardt zurückgreifen. Unter der Überschrift »Ich bin ein Typ, der auch mal eingreift« kann dieser Text als im unguten Sinn exemplarisch gelten: sowohl für einen Reportage-Stil, der den Gegenstand der Betrachtung auf dem Niveau von Groschenromanen präsentiert (»Seine Frau Brigitte und er werden vom Kapitän begrüßt, der eine weiße Uniform trägt und früher für die Bundeswehr flog. Inzwischen befördert er die Gotthardts durch halb Europa. Seine Bundeswehr, das ist jetzt Frank Gotthardt.«), als auch für die merkwürdig devote Entzückung, die noch der übelste rechte Hetzer beim Journalisten auslöst.
Der »Chefreporter der Chefredaktion«, Stefan Willeke, kriegt sich in seinem Text, in dessen Online-Version sich beeindruckende 20mal der Name »Frank Gotthardt« findet, gar nicht mehr ein vor lauter Hingerissenheit über seinen »Frank Gotthardt«, den »leisen Mann«, »der nicht gern auf sich aufmerksam macht« und in dessen Lebensgeschichte »sich Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit auf mysteriöse Weise abwechseln«. Offenbar hat Willeke über all den Privatflügen, Aufenthalten in dreistöckigen Villen und Dinners mit gebratenen Lachsfilets, zu denen er von Gotthardt mitgenommen wurde, ein wenig den Verstand verloren; jedenfalls macht er den Gründer der journalistischen Jauchegrube Nius zu einer Art gutherzigen Alten, der eigentlich nichts Böses will: »Er wirkt so ganz anders als die Kommentatoren bei Nius, so zurückhaltend, in sich ruhend, abwägend.« Hach!
In Willekes Rührstück erfahren wir viel über Gotthardts beeindruckendes Luxusleben und wenig darüber, wie Gotthardt sein Geld verdient und was er damit gemacht hat.
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