27.08.2026
Nationalismus in Polen

Polen zuerst

Der polnische Präsident Karol Nawrocki feierte Anfang August den ersten Jahrestag seines Amtsantritts mit patriotischen Liedern, nationalistischen Parolen und Gästen aus dem rechten Milieu. Mit dabei: bekannte Rechtsextreme und ein zum Islam konvertierter Rapper.

Breslau. Polens politische Prominenz und Vertreter verschiedener Medien versammelten sich auf dem Innenhof vor dem Präsidentenpalast in Warschau. Hinter ihnen stand eine Gruppe Kinder in traditioneller Tracht aus dem Hochland; vor ihnen der Rapper Eldo (bürgerlicher Name Leszek Kaźmierczak), ein Muslim und bekennender Nationalist. Er rappte den Song »Nie pytaj o nią« (Frag nicht nach ihr) – eine patriotische Liebeserklärung an Polen. Das Lied enthält die Aufforderung, nicht danach zu fragen, was das Land einem gebe, sondern danach, was man selbst für es tun könne. An anderer Stelle ist von Treue »bis zum letzten Tropfen Blut« die Rede. Präsident Karol Nawrocki wippte im Takt mit dem Kopf und blickte sichtlich zufrieden auf die Bühne.

Es war der Höhepunkt der Feierlichkeiten zum ersten Jahrestag von Nawrockis Vereidigung am 6. August 2025 – und die erste Veranstaltung dieser Art im Präsidentenpalast. Nawrocki war als Kandidat der rechtskonservativen Oppositionspartei PiS gewählt worden und liegt seitdem mit der eher liberalen Regierung unter dem Ministerpräsidenten Donald Tusk im Clinch. Die Veranstaltung passte zu Nawrockis politischem Stil, der stark von direkter Kommunikation mit seinen Anhängern und nationalpatriotischer Symbolik geprägt ist. Demonstrative Nähe zu US-Präsident Donald Trump gehört ebenfalls zu seinem politischen Selbstverständnis; das Präsidialamt selbst nennt die »sehr guten Beziehungen« zu Trump als einen Erfolg des ersten Amtsjahrs Nawrockis.

Obwohl die polnische Rechte immigrantions- und muslimfeindlich auftritt, gibt es im nationalistischen Milieu Einzelne, die sich positiv auf den Islamismus beziehen.

Auf dem angrenzenden öffentlichen Gelände fand gleichzeitig eine Kundgebung von Nawrockis Unterstützern statt. Dort trat der rechtsextreme Aktivist Robert Bąkiewicz auf, der in der Vergangenheit wiederholt mit aggressiver, antisemitischer und gewaltverherrlichender Rhetorik aufgefallen ist. Beim Jahrestag des Pogroms polnischer Bürger an jüdischen Einwohnern in Jedwabne 1941 wenige Wochen vor Nawrockis Veranstaltung sagte Bąkiewicz: »Jedwabne ist ein Ort, der gleichbedeutend ist mit Lügen und mit Vorwürfen gegen Polen wegen angeblichem polnischem Antisemitismus.« Er sagte auch, Juden seien »zu einem Instrument der antipolnischen Politik geworden«.

Podium mit offenem Antisemiten

Nawrockis Veranstaltung hatte mit einer Gesprächsrunde begonnen. Auf dem Podium saßen unter anderem Rafał Ziemkiewicz, der seit Jahren zum rechtskonservativen und nationalistischen publizistischen Milieu gehört und dem bereits Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit, Homophobie und die Verharmlosung von Vergewaltigung vorgeworfen wurden. 2021 wurde ihm die Einreise ins Vereinigte Königreich verweigert. Die britischen Behörden begründeten die Entscheidung mit Ziemkiewiczs »Verhalten und seinen Ansichten, die im Widerspruch zu den britischen Werten stehen und wahrscheinlich Anstoß erregen«.

Besonders aufschlussreich ist ein älterer Essay Ziemkiewiczs über das Verhältnis von Nationalismus und Faschismus in der Wochenendbeilage der Tageszeitung Rzeczpospolita. Darin schrieb er über Horst Wessel, Wilhelm Gustloff und ihre »Kampfgenossen«, sie hätten gegen ein »monströses und offensichtliches Übel« gekämpft. Ziemkiewicz argumentierte, die Verbrechen des Nationalsozialismus seien zu diesem Zeitpunkt noch nicht geschehen, während die Verbrechen des Bolschewismus, der das »monströse Übel« vorstelle, bereits bekannt gewesen seien.
Zum Abschluss der Veranstaltung hielt Nawrocki eine kurze Rede. Er stellte sich darin als Gegenspieler der liberalen Regierung dar, schürte antiukrainische Stimmung, skandierte die Parole »Po pierwsze Polska« (Polen zuerst) und hob die Bedeutung der »gewöhnlichen« Polen hervor. 

Nach Eldos Auftritt sagte der Präsident, über Jahrzehnte habe die Stimme gewöhnlicher Menschen den Präsidentenpalast und den Sejm nicht erreicht. Künstler aus Bereichen wie dem HipHop dagegen brächten den Schmerz und die Gefühle vieler Polinnen und Polen zum Ausdruck.
Doch wer ist dieser Künstler, den Nawrocki als Stimme gewöhnlicher Polen präsentierte und der auf dessen ausdrücklichen Wunsch auftrat? Eldo ist ein in die Jahre gekommener Rapper aus der Pioniergeneration des polnischen HipHop. In den neunziger Jahren wurde er als Mitglied der Gruppe Grammatik bekannt. Sein Ruhm ist in den vergangenen Jahren erheblich verblasst. Eldo konvertierte nach eigenen Angaben zum Islam, nachdem er als junger Mann den Katholizismus verlassen hatte. In einem älteren Interview sagte er, er habe sich, solange er sich erinnern könne, für den Islam interessiert, und im Geschichtsunterricht hätten ihn besonders die arabischen Eroberungen fasziniert. Außerdem sagte er, der Koran reiche ihm als Grundlage für seinen Glauben.

Islamischer Glauben und polnischer Nationalismus

Zudem prahlt Eldo in seinen Songs damit, die ultrakonservativen, nationalistischen katholischen Zeitschriften Fronda und 44 zu lesen, und bezeichnet sich als narodowiec, also als Vertreter des nationalistischen Lagers. Polnische Nationalisten (narodowcy) führen ihre Ideologie historisch auf Roman Dmowski zurück, einen Politiker vom Anfang des 20. Jahrhunderts und vehementen Antisemiten, der Mussolini und den Faschismus bewunderte. Eldo beschränkte sich nicht auf künstlerische Selbstinszenierung; er hielt auch Reden bei Veranstaltungen der nationalistischen Allpolnischen Jugend (Młodzież Wszechpolska).

Seine Konversion zum Islam stellt Eldo als eine persönliche Reaktion auf die Säkularisierung und auf eine katholische Kirche dar, die er als nicht konservativ genug empfand.

Diese Verbindung von islamischem Glauben und polnischem Nationalismus ist bemerkenswert. Denn obwohl die polnische Rechte seit Jahren stark immigrantions- und muslimfeindlich auftritt, gibt es im nationalistischen Milieu Einzelne, die sich positiv auf den politischen Islam und den Islamismus beziehen. Eldo selbst verbindet seinen Glauben allerdings mit einem ausgeprägt nationalkonservativen Verständnis von Polen und betont, dass Polen katholisch bleiben müsse. Seine Konversion zum Islam stellt er als eine persönliche Reaktion auf die Säkularisierung und auf eine katholische Kirche dar, die er als nicht konservativ genug empfand.

Eine Neigung zum Islamismus zeigt sich auch bei Grzegorz Braun von der rechtsextremen Partei Konfederacja Korony Polskiej (Jungle World 2/2026). Er ist für antisemitische Äußerungen und Aktionen bekannt. Im Präsidentschaftswahlkampf 2025 machte er die Auseinandersetzung über die polnische Mitverantwortung für Verbrechen an Juden zu einem seiner Kernthemen. Während der Fernsehdebatten zur Wahl ließ Braun eine Tirade los, in der er warnte, dass Juden den Polen irgendwann das antun würden, was sie den Palästinensern antäten, und sagte, dass die Polen bereit sein müssten, zu kämpfen und ihren Glauben zu verteidigen, genau wie diese (Jungle World 26/2025).

Nachdem Braun es nicht in die Stichwahl geschafft hatte, rief er seine Anhänger dazu auf, für Nawrocki zu stimmen; dieser hatte im Gegenzug versprochen, gegen Historiker vorzugehen, die eine polnische Mitschuld am Holocaust erforschen. Braun verwendet offen Slogans wie: »Warschau – Teheran: gemeinsame Sache!« Er hat die Botschaft der Islamischen Republik Iran besucht, sich nach dem Tod des iranischen Obersten Führers Ali Khamenei in das Kondolenzbuch eingetragen und zeigt bei seinen Kundgebungen regelmäßig palästinensische Flaggen.
Und wo steht die polnische Linke dabei? Einige Mitglieder der linken Partei Lewica Razem äußerten im Präsidentschaftswahlkampf 2025 vor der Stichwahl die Absicht, Nawrocki zu wählen. Dieser begrüßte die Beihilfe ausdrücklich, unterstützt von Stimmen aus dem rechtsextremen Milieu, die Gemeinsamkeiten mit Razem geltend machten – im Gegensatz zum verachteten linksliberalen Establishment, zu dem in solchen Kreisen andere linke Parteien und viele Kulturinstitutionen gerechnet werden.

Mostafa Fadaghi, ein in Warschau lebender islamistischer Agitator, sprach der polnischen Gruppe Sitwa zufolge im April auf einer Kundgebung Brauns, bevor er kurz darauf bei einer von linken Gruppen wie der Global Sumud Polska und Akademia dla Palestyny organisierten antiisraelischen Demonstration genau dieselben Argumente vorbrachte. Als selbst aus antizionistischen Kreisen Einwände gegen die faschistische Rhetorik auf der Bühne erhoben wurden – Fadaghi hatte demnach unter anderem Israel als ein »Krebsgeschwür« und Khamenei als »geliebten Märtyrer« bezeichnet –, stellten die Organisatoren diese Einwände umgehend als »Rassismus« dar. Ein Organisator der Demonstration behauptete in den sozialen Medien, Kritiker hätten den Redner einfach nur nicht gemocht, weil er »nichtweiße Ansichten« vertrat. In dieser Weltanschauung werden Faschismus, Islamismus und religiöser Extremismus zu »nichtweißen Per­spektiven« umgedeutet, die Anspruch auf besonderen Schutz hätten, sofern die Agitatoren aus dem sogenannten Globalen Süden stammen – eine Prämisse, die selbst zutiefst rassistisch ist.

Nationalistische und rechtsextreme Positionen sind in Polen so alltäglich geworden, dass selbst Leute wie Ziemkiewicz fast ohne Protest eine öffentliche Bühne bekommen. Ein Teil der Linken, weit entfernt davon, sich der vordringenden extremen Rechten entgegenzustellen, mischt bei diesem politischen Theater gerne mit. Fundamentalismus zu relativieren und Antisemitismus unter dem Deckmantel »antiimperialistischer« oder »nichtweißer« Solidarität zu ignorieren, bedeutet ideologischen Bankrott. Wenn Menschen, die sich für progressiv halten, Ausreden für kompromisslosen Nationalismus und religiösen Fanatismus finden, werden sie zu nützlichen Idioten für Autoritäre.