03.09.2026
AfD-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt

Die Ulrich-Siegmund-Show

In Sachsen-Anhalt könnte die AfD bei der Landtagswahl eine absolute Mehrheit der Mandate erringen. Die »Jungle World« hat sich die Stimmung in verschiedenen Ecken des Bundeslands angeschaut.

Das Sommerloch hat die sachsen-anhaltische Landeshauptstadt Magdeburg an einem Samstag Mitte Juli fest im Griff: Die Innenstadt wirkt wie ausgestorben und auch der Weg vom Regierungsviertel zum Messegelände ist recht einsam. Vor dem Eingang der Messehalle aber tummeln sich die Menschen, 3.000 Teilnehmer haben sich für die Veranstaltung zum Wahlkampfauftakt der AfD angemeldet. Die Warteschlange zieht sich über mehrere Hundert Meter.

Zwischen Männern in Klamotten der Neonazi-Marke Thor Steinar und schnittigen Rentnern in Anzügen warten dort auch Familien. Manche Wartende hüllen sich in Fahnen der AfD, etliche tragen das Konterfei des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund auf T-Shirts und Pappschildern zur Schau. Auf dem Messe-Parkplatz stehen ramponierte Gebrauchtwägen mit Aufklebern der Böhsen Onkelz neben schicken Maseratis, junge Männer fahren in einem Cabriolet an der Schlange vorbei. Aus der Halle dröhnt ein EDM-Verschnitt des Vicky-Leandros-Songs »Ich liebe das Leben«, über dem Eingang hängt ein Banner mit dem Wahlkampfslogan: »Alles ist möglich«.

Ritualisierter Ablauf in Magdeburg

Auf der Veranstaltung gibt man sich siegesgewiss, es ist, als habe Spitzenkandidat Ulrich Siegmund bereits das Ministerpräsidentenamt sicher. Als die Co-Bundesvorsitzende Alice Weidel die Bühne betritt, wird sie als »nächste Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland« angekündigt. Das Publikum feiert Weidel und Siegmund wie Popstars. Vor Beginn der Veranstaltung stehen Menschen Schlange, um Fotos mit Siegmund zu machen und sein Autogramm zu bekommen.

Währenddessen versammeln sich einige Hundert Meter entfernt 400 Menschen zum Gegenprotest. Den hat das Bündnis Solidarisches Magdeburg organisiert. Die Regionalbischöfin Bettina Schlauraff von der evangelischen Kirche hält eine Rede, die »Omas gegen rechts« sind dabei und vereinzelt stellen junge Menschen ihre Kufiyas zur Schau. Rechtsextreme Medien wie Auf1 und Compact beobachten und filmen den Protest. Auch verschiedene Streamer aus der Szene sind anwesend.

»Proteste finden teilweise in Dörfern statt, von denen ich noch nie gehört habe. Das sind normale Leute, die ihren Ort eben nicht der AfD überlassen wollen.« Lukas Wanke aus Halle

Einer von ihnen, Sebastian Weber von Weichreite TV, versucht, den Protest zu stören, indem er sich brüllend in eine Trommelgruppe stellt. Weber ist nicht nur Streamer, sondern sitzt auch für die AfD im Kreisrat des Landkreises Leipzig. Ein paar in pinke Westen gekleidete Linke verdecken ihm an diesem Tag mit Regenschirmen die Sicht, woraufhin Weber sich bei der Polizei über Einschränkung seiner Berichterstattung beschwert. Diese weist ihn ab. So weit, so erwartbar. Am Rande des Protests versuchen währenddessen Reporter des Compact-Magazins, Teilnehmer der Veranstaltung zu ihrem Verhältnis zur Gewalt zu befragen – eine Woche zuvor war es am Rande des AfD-Parteitags in Erfurt zu Angriffen von Gegendemonstranten auf rechte Pressevertreter gekommen.

Kundgebung gegen die AfD-Veranstaltung in Magedburg am 18. Juli

Kein Protest ohne Sambagruppe. Kundgebung gegen die AfD-Veranstaltung in Magedburg am 18. Juli

Bild:
Lukas Jocher

Wenige Tage bevor der Wahlkampf offiziell losgegangen war, hatte ein Videomitschnitt einer Bürgerdialog-Veranstaltung in Dessau Aufsehen erregt. Dort sangen Siegmund und der Co-Bundesvorsitzende Tino Chrupalla inbrünstig die DDR-Hymne. Zuvor hatte der Kabarettist Uwe Steimle darüber gewitzelt, dass man die ehemalige Kanzlerin Angela Merkel (CDU) »an die Wand stellen« müsse, und fragte: »Wo bleibt ein Stauffenberg, wenn man ihn mal braucht?« Dabei bezog er sich auf die Rüstungspolitik von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Diese mehr oder minder offene Tötungsphantasie blieb auf dem Podium unwidersprochen. 

Der ehemalige  »Polizeiruf 110«-Kommissar und »Tatort«-Darsteller Steimle war stets für seine Ostdeutschtümelei bekannt; während die AfD aufstieg, konnte man beobachten, wie auch Steimles Positionen immer extremer wurden. Ein Gericht entschied schon 2017, dass die Bezeichnung Steimles als »völkisch-antisemitischer Jammer-Ossi« in bestimmten Zusammenhängen keine Beleidigung darstelle.

Missionarischer Eifer in Wittenberg

Am Rande der Kundgebung in Magdeburg berichtet Lukas Wanke, ein Antifaschist aus Halle, der Jungle World, dass die hohen Zustimmungswerte der AfD in Umfragen auch Unmut auslösten. An vielen Orten bildeten sich mittlerweile recht spontane Proteste gegen Bürgerdialoge der AfD: »Die finden teilweise in Dörfern statt, von denen ich noch nie gehört habe. Das sind dann ganz normale Leute, die ihren Ort eben nicht der AfD überlassen wollen.«

Carsten Liebelt ist Mitglied im Vorstand des Grünen-Ortsverbands Wittenberg. Die Stadt hat 45.000 Einwohn­er:in­nen, damit ist sie auf Platz vier der bevölkerungsreichsten Städte von Sachsen-Anhalt. Wittenberg geht es wirtschaftlich verhältnismäßig gut. Die Altstadt mit ihren netten Cafés ist gut in Schuss und vermittelt einen ganz anderen Eindruck als jene Städtchen in der Altmark oder im Süden des Bundeslands, in denen der Leerstand einem sofort ins Auge fällt.

»Als wir Wahlkampfhilfe aus Westdeutschland hatten, dachten unsere Parteifreunde aus dem Westen zunächst, dass das böse wird«, erzählt Liebelt in einem Telefonat mit der Jungle World. Die Ängste der Wahlhelfer haben sich glücklicherweise nicht bestätigt. Zumindest sei es nicht anders als in anderen Bundesländern abgelaufen. »Manche Passanten beschimpfen uns als Kriegstreiber, andere freuen sich aber auch, uns zu sehen«, sagt er. Die Stimmung beschreibt er als politisch aufgeladen: »Du kommst nirgendwo mehr vorbei, wo die Wahl nicht Thema ist.« Dabei geben sich die AfD-Anhänger auch durch ihren missionarischen Eifer zu erkennen: »Du merkst denen ihre Unzufriedenheit sofort an, die müssen dir das auch direkt erzählen.«

Eine Hüpfburg in Merseburg

Eine solche Stimmung herrschte auch beim »Großen Familienfest« der AfD. Obwohl die AfD im ländlichen Ostdeutschland vor allem von Kleinunternehmern und Handwerkern unterstützt wird, tummeln sich beim Familienfest in der kleinen Hochschulstadt Merseburg eher Menschen, denen man ihre prekären Lebensumstände anzusehen meint.

»Wir holen uns unser Land zurück«, heizt Siegmund von der Bühne aus ein. Seine Botschaft: Ich bin einer von euch! Zu dieser Gemeinschaft gehört an diesem Tag auch eine Delegation der Aryan Peoples Resistance, einer militanten Neonazi-Gruppe aus Sachsen. Siegmund aber betont, »nicht rechtsextrem, sondern nur extrem im Recht« zu sein. Auch nach diesem Auftritt stehen Hunderte Besucher in Merseburg für ein Selfie mit dem Spitzenkandidaten Schlange. Einige von ihnen nehmen dafür sogar weite Wege auf sich. Zum Beispiel ist ein Mitglied der AfD-Stadtratsfraktion aus Augsburg anwesend.

Außer Selfies mit Siegmund und einer Hüpfburg gibt es Freibier und Bockwurst, doch Stimmung will nicht richtig aufkommen.

Außer Selfies mit Siegmund und einer Hüpfburg gibt es Freibier und Bockwurst, doch Stimmung will nicht richtig aufkommen. So entscheidet jemand aus der Selfie-Warteschlange kurzerhand, den sozialdemokratischen Streamer Hannes Kreschel »triggern« zu wollen, und eilt auf eine Gruppe von Streamern zu. Kreschel filmt gerade, wie der rechtsextreme Streamer Matthäus Westfal, bekannt als »Aktivist Mann«, ein Presseteam von »Spiegel TV« anpöbelt. Westfal ist – wie Sebastian Weber – einer der zahlreichen AfD-nahen Streamer, die den Wahlkampf in die sozialen Medien tragen. Auch der mehrfach verurteilte Neonazi Sebastian Schmidtke, der früher NPD-Politiker und Mitglied der Autonomen Nationalisten war, berichtet regelmäßig von Wahlkampfveranstaltung der AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Als Siegmund ihm beim Bundesparteitag in Erfurt ein Interview gab, sorgte das für Aufsehen, weil die AfD Schmidtke als Journalist akkreditiert hatte.

Das AfD-Familienfest ist nicht die einzige Veranstaltung in Merseburg an diesem Tag. In der Innenstadt findet zeitgleich ein inklusives Straßenfest statt, das, so erzählt es der Streetworker Max, der im angrenzenden Kontaktcafé arbeitet, schon lange vor der rechtsextremen Veranstaltung geplant worden sei. »Natürlich sind wir für viele der rechten Jugendlichen ein Feindbild, trotzdem kommen manche von ihnen in Krisensituationen zu uns«, erzählt er der Jungle World. Diese Situation sei herausfordernd für ihn und sein Kollegium, »denn natürlich wollen wir den hilfesuchenden jungen Menschen Unterstützung anbieten, aber dennoch Grenzen ziehen, zum Beispiel wenn sie rechtsextreme Symbole tätowiert haben. Dann bitten wir sie, diese Symbole abzudecken, und manchmal funktioniert das auch sehr gut.«

Im Gespräch mit zwei Studierenden aus Merseburg, die auch auf dem Straßenfest sind, kommt die Frage nach der persönlichen Zukunft im Bundesland auf: »Natürlich wollen wir nicht kampflos aufgeben, aber wir wissen auch nicht, was uns ab September erwartet«, konstatiert eine der beiden.

Düstere Aussichten im Harz

Quedlinburg liegt im Norden des Harzes, etwa eine Autostunde westlich von Halle. Die Stadt lebt vom Tourismus, es gibt idyllische Fachwerkhäuser und eine schön sanierte Innenstadt. Auch hier treten die Rechtsextremen aus der Region zuletzt immer offensiver auf. Im benachbarten Halberstadt siedelten sich ab 2022 Alexander Deptolla aus Dortmund und seine Neonazi-Freunde an. Deptolla ist als Organisator der rechtsextremen Kampfsportveranstaltung »Kampf der Nibelungen« bekannt.

Abends in einer Bar am Rande der Altstadt erzählt Tina, eine junge Auszubildende aus Quedlinburg, dass sie aus einem AfD-nahen Haushalt kommt. Sie habe sich von der Einstellung ihrer Familie mittlerweile klar distanziert, erzählt sie der Jungle World. Eine gute Freundin habe ihr eine andere Perspektive aufzeigen und sie schlussendlich davon überzeugen können, dass die AfD keine sinnvollen Lösungen anbietet. Heutzutage bezeichnet sie sich als »eher unpolitisch«. Marius, ein junger Mann, der sich selbst eher dem konservativen Lager zurechnet, äußert sich besorgt darüber, welche Konsequenzen eine AfD-Regierung haben könnte.

Die Mopeds der DDR-Kultmarke sind mittlerweile zu einem Symbol rechter Jugendkultur in Ostdeutschland geworden. Bei den vielerorts stattfindenden »Simson«-Treffen sind manchmal mehr Neonazis zu sehen als auf den Demonstrationen der Szene.

Am darauffolgenden Tag, es ist der 23. August, versammeln sich auf einer Festwiese am Rande der Quedlinburger Altstadt Tausende Menschen. Die AfD hatte zur »4. Simson-Ausfahrt mit Ulrich Siegmund« eingeladen. Die Mopeds der DDR-Kultmarke sind mittlerweile zu einem Symbol rechter Jugendkultur in Ostdeutschland geworden. Bei den vielerorts stattfindenden »Simson«-Treffen sind manchmal mehr Neonazis zu sehen als auf den Demonstrationen der Szene. Die AfD hat sich dieses Symbol ebenfalls angeeignet. Auch in Quedlinburg fällt man an diesem Tag mit Kleidung rechter Modemarken wie Thor Steinar, Erik and Sons oder Label 23 nicht groß auf. Mitglieder der Neonazi-Gruppe »Harz verteidigen« aus dem Umfeld von Deptolla sind ebenfalls zu sehen.

Am Rande der Festwiese sitzt eine Familie vor ihrem überdimensionierten Wohnmobil mit Magdeburger Kennzeichen. Es ist mit Wahlwerbung der AfD geschmückt. Siegmunds Konterfei ist allgegenwärtig. Auf der Bühne sagt der AfD-Direktkandidat Matthias Büttner, der im Wahlkreis Staßfurt antritt, dass man sich nicht von einer Familie in den USA sagen lasse, was man dürfe, »nur weil sie zufälligerweise denselben Namen wie unsere Mopeds haben«.

Gemeint sind die in den USA lebenden Nachfahren der deutsch-jüdischen Industriellenfamilie Simson, die im Nationalsozialismus enteignet und vertrieben wurden. Denn sie haben sich empört über die Instrumentalisierung ihres Familiennamens durch AfD-Anhänger geäußert. Doch Büttner ist mit seiner Aussage ganz auf der geschichtspolitischen Linie der Partei: »mehr Bismarck, weniger Hitler«. Das heißt, die AfD leugnet die NS-Verbrechen nicht explizit, sie möchte schlicht, dass sie in Vergessenheit geraten. Als Hauptautor des Wahlprogramms für Sachsen-Anhalt gilt der Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider. Der promovierte Islamwissenschaftler erklärt an diesem Tag das AfD-Programm, doch hält sich das Interesse der Anwesenden sichtbar in Grenzen. Die meisten sind wegen Siegmund hier und warten in der Autogrammschlange.

Ein blaues Simson-Moped ist gut sichtbar vor der Bühne platziert. Die AfD hat mit ihrer offensiven Ostalgie offensichtlich Erfolg. »Ob das alles so strategisch geplant war, ist zu bezweifeln«, sagt der Soziologe Alexander Leistner im Gespräch mit der Jungle World. Viele AfD-Wähler in Ostdeutschland wollen die DDR inzwischen als rechtsextremen Gesellschaftsentwurf verstehen: eine »symbolische Mauer gegen alles Fremde, oder was man dafür hält, und gegen das Westdeutsche oder was man dafür hält – mittlerweile sind das oft Grundrechte und repräsentative Demokratie«, sagt Leistner und fügt hinzu, zynisch könne man sagen: »Wo die Sonne der politischen Kultur tief steht, werfen Kleinkrafträder aus DDR-Produktion große Schatten.«

Mit Gegenwehr ist zu rechnen

Als sich ein Pulk besagter Kleinkrafträder in Bewegung setzt, stürmen die Angereisten, die Schaulustigen und Journalisten nach vorne, um Siegmund auf seiner Simson zu sehen.

Vorneweg fahren Geländewagen, von denen aus Siegmunds Pose aufgenommen wird. Hinter Siegmund folgt Simon Kaupert in einem weißen Transporter. Er ist Mitglied im sogenannten Filmkunstkollektiv. Dieses ist aus der Identitären Bewegung hervorgegangen und hat für die AfD verschiedene Image-Videos gedreht, besonders im derzeitigen Wahlkampf. Eines der Gründungsmitglieder war bei der 2009 verbotenen Neonazi-Organisation Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) aktiv. Über die klaren Verbindungen zwischen AfD und Neonazi-Milieu ist vielfach berichtet worden. In der AfD-Landtagsfraktion sind mehrere frühere Mitglieder der HDJ, darunter der Fraktionsgeschäftsführer und Pressesprecher Patrick Harr, der im Falle eines Wahlsiegs der AfD in Sachsen-Anhalt als Kandidat für die Staatskanzlei gehandelt wird.

Doch das geht im knatternden Motorenlärm und in den Abgasgerüchen unter. Über vierzig Prozent der Wählerschaft scheint jüngsten Umfragen zufolge die Neonazi-Vergangenheit des AfD-Personals nicht zu stören. Sollte die AfD bei der Wahl in Sachsen-Anhalt eine absolute Mehrheit der Mandate gewinnen und somit eine rechtsextreme Partei erstmals seit 1945 eine deutsche Landesregierung stellen, werden für Gegner:innen der AfD und Menschen, die in ihrem Weltbild weniger wert sind als andere, harte Zeiten anbrechen. Eines zeigt eine Reise durch das Bundesland aber auch: Mit Gegenwehr ist zu rechnen.