»Dort draußen brennt die Welt«
Nach zwanzig Jahren: Aus welchen Motiven entstand die Kampagne und worauf sind Sie besonders stolz?
Wir haben »Kein Bock auf Nazis« in einer Zeit gegründet, als der »Nationalsozialistische Untergrund« sich noch nicht selbst enttarnt hatte und Rechtsextremismus außerhalb der radikalen Linken nur wenige Menschen und Medien interessierte. Wir wollten ein niedrigschwelliges Angebot schaffen, sich zu informieren und gegen Rechtsextreme zu engagieren – gerade auch für Jugendliche. Außerdem wollten wir vor allem eines klarmachen: Nazis und Rassismus sind brandgefährlich. Besonders wichtig war uns von Anfang an, dass wir auch für Menschen ansprechbar sind, die nicht ihre ganze Jugend in autonomen Zentren verbracht haben. Also raus aus dieser exklusiven Antifa-Bubble, zugänglich für alle! Es mag banal klingen, aber ehrlich gesagt freut uns am meisten, dass es uns auch nach 20 Jahren immer noch gibt und unsere Kampagne so groß ist wie noch nie. Wir haben viele Leute, mit denen wir große Projekte stemmen können. Und das alles komplett unabhängig, ohne irgendwelche Fördergelder. Das ist gerade in diesen Zeiten sehr viel wert.
»Wir wollen einen Grundkonsens bei jungen Leuten, der Rassismus und rechtes Gedankengut verurteilt.«
Wie steht es derzeit um linke Gegenkultur für Jugendliche?
Im Vergleich zu damals hat sich die Welt inzwischen auf vielen Ebenen komplett auf den Kopf gestellt: Internet, Social Media, Bots, Krieg in Europa und vor allem eine offen demokratiefeindliche Partei im Bundestag. Um heutzutage junge Menschen zu erreichen, müssen wir sehr aktiv auf Social Media sein. Und gleichzeitig merken wir, wie viel Druck inzwischen von rechts kommt, wenn man sich als Privatperson öffentlich gegen Nazis und die AfD positioniert. Unser Ziel ist es, eine nichtrechte Jugendkultur zu fördern. Wir wollen einen Grundkonsens bei jungen Leuten, der Rassismus und rechtes Gedankengut verurteilt. Man muss sie dazu ermutigen und dabei unterstützen. Wenn die großen Bands, mit denen wir zusammenarbeiten, sich als Vorbilder positionieren und wir auch noch mit unseren Ständen auf den Festivals sind, fühlen sich die Leute gesehen und ermutigt, etwas gegen Nazis zu tun.
Wie nutzen Sie die sozialen Medien?
Soziale Medien spielen eine Riesenrolle und sind gleichzeitig sehr aufwendig zu betreuen, wenn man das gut machen will. Wir machen aber weiterhin auch sehr gerne offline Aktionen, die Aufmerksamkeit erregen. Zum Beispiel ein Flugzeug mit Banner chartern, eine Drohnenshow oder das Bemalen riesiger Hauswände. So etwas konnten wir früher schon allein finanziell nicht realisieren. Inzwischen ist unser Verein so groß, dass wir auch so aufwendige Protestaktionen stemmen können. Das freut uns enorm.
Mit Blick auf die Zukunft: Was erhoffen Sie sich von der eigenen Szene?
Wir würden uns sehr wünschen, dass dieses gegenseitige Köpfeeinschlagen in der linken Bubble aufhört. Diese Unversöhnlichkeit, mit der Debatten geführt werden, ist so frustrierend. Das blockiert wichtige Arbeit und zieht viel Energie. Dort draußen brennt die Welt, während sich so viele Leute nur mit internen Szenestreitigkeiten beschäftigen.