»Eigentlich war es ein sehr unwahrscheinliches Werk«
Claude Lanzmanns »Shoah« sperrt sich allein schon aufgrund seiner Dauer von neun Stunden den üblichen Sehgewohnheiten. Weißt du noch, wann du »Shoah« das erste Mal gesehen hast?
Nicht exakt, das war irgendwann im Studium. Im Spätprogramm des WDR lief der Film über vier Abende verteilt, jeweils ungefähr zwei Stunden, in den vier Teilen, die man von der DVD-Fassung kennt. Das müsste in den neunziger Jahren gewesen sein.
Ich habe ihn das erste Mal im Universitätskontext gesehen, also auch in Ausschnitten. Man hat es im Grunde mit einem Werk zu tun, das man als Ganzes gar nicht sofort wahrnehmen kann.
»Man muss etwas Draufgängerisches haben, um sich auf so ein Vorhaben einzulassen, von dem gar nicht klar ist, ob es funktioniert und wie lange es dauert. Das Ganze hätte ja auch ein katastrophaler Reinfall werden können.«
Es gibt ja auch nur wenige Gelegenheiten, wo der Film am Stück gezeigt wird. Die Berlinale 2025 war eine davon. Davor war ich zwei Mal an Vorführungen in voller Länge beteiligt. Man muss dann eben am Vormittag anfangen und dann geht das mit einer Pause bis abends. Das ist eigentlich auch sinnvoll. Nur so erfährt man, welche Zumutung der Film eigentlich darstellt. Wenn man ihn in verträglichen Portionen, je nach Bedarf, schaut, dann richtet man sich ja nicht nach dem Film, sondern der Film muss sich nach einem selbst richten. Eigentlich sitzt man davor und der Film gibt das Tempo vor. Dieses zähe Dahinfließen hat etwas Quälendes, dem muss man sich erst mal aussetzen.
Du arbeitest an einem Forschungsprojekt zur Werkgenese von »Shoah«. Anfang Februar beschäftigte sich eine Konferenz im Jüdischen Museum in Berlin mit der Vorbereitung des Filmdrehs; seit 2022 besitzt das Museum 152 Magnettonkassetten mit Tonaufzeichnungen von Lanzmanns Vorgesprächen, mit denen du auch arbeitest. Worum geht es genau in deinem Projekt?
Noch kein Abonnement?
Um diesen Inhalt zu lesen, wird ein Online-Abo benötigt::