Jungle+ Artikel 01.10.2026
Die Armenier sind verrückt nach Schach

Tigrans langer Schatten

Schach ist in Armenien von nationaler Bedeutung und sogar Schulfach. Doch auch in Hinterhöfen, an Landstraßen und in Bars werden Bauernopfer geleistet – auch und gerade von jungen Leuten.

In einer ruhigen Straße unweit der monumentalen Eriwaner Kaskade hallt das Klackern von Würfeln wider. Auf einem Balkon eines Wohnblocks entscheidet gerade der Zufall über Sieg und Niederlage in einer Partie Backgammon mit. Bei einem anderen Spiel, das in Armenien gern gespielt wird, kann man allerdings nicht auf Würfelglück hoffen.

Die Bar »Esthetic Joys Embassy« mit ihrem subkulturellen Touch, die in Eriwan von russischen Künst­ler:in­nen aus Moskau nach der Invasion der Ukraine eröffnet wurde, hatte an diesem Sonntagnachmittag (wie sie das regelmäßig tut) zu einem Schachwettbewerb geladen. Etwa 20 mehr oder weniger ernsthafte Schach­spie­ler:in­nen fanden bei Club Mate, dünnen Zigaretten der Marke Ararat und intensiv schmeckendem Mineralwasser aus Dschermuk an den Brettern zusammen. Der Servicechef der Bar stellt neuen Be­suc­her:in­nen die Gastronomie- und Veranstaltungsflächen bei seiner kurzen Führung als »freiesten Ort in Eriwan« vor. An diesem Tag zeigt sich das nicht nur an dem auffällig queeren Publikum, sondern auch an dem betont ungezwungenen Verhältnis zum Spiel der Könige. Wer sonst nach Schach in Armenien fragt, ist schnell mit ganz großer Politik und Beschwörungen von nationaler Identität konfrontiert.

Tigran Petrosjan, der sowjetische Großmeister mit armenischem Hintergrund und berüchtigtem Defensivstil, war von 1963 bis 1969 Weltmeister und ist heutzutage als Nationalheld allgegenwärtig.

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