Jungle+ Artikel 01.10.2026
Der Völkermord an den Armeniern

Verdrängte Verantwortung

Der Genozid an den osmanischen Christen im Ersten Weltkrieg gehört nicht nur zur türkischen und armenischen Geschichte, sondern auch zur deutschen.

Mehr als die Hälfte der 1,5 bis zwei Millionen Armenierinnen und Armenier sowie etwa 200.000 assyrische Christinnen und Christen im Osmanischen Reich fielen während des Ersten Weltkriegs einem Genozid zum Opfer. Im April 1915 ließen die regierenden Jungtürken die armenischen Führungsschichten sowie Gelehrte und Geistliche mittels sorgfältig vorbereiteter Listen verhaften, foltern und später ermorden. Anschließend zwangen sie die armenische Bevölkerung zu Todesmärschen in die syrische Wüste und nach Mesopotamien. Wer dies überlebte, war noch lange nicht gerettet, denn die Region stand völlig unter dem Eindruck der Verrohung des Kriegs: Die wehrlosen Menschen wurden Opfer von Plünderungen, Sklaverei, Vergewaltigung und Mord.

Verantwortlich dafür waren nicht nur Politiker, Militärs und nationalistische Ideologen, sondern auch »ganz normale« Türken, Kurden, Syrer und andere Araber, die sich in einer Atmosphäre der entfesselten Gewalt an den Verfolgten ausließen oder von deren Ausschluss aus der osmanischen Gesellschaft oder deren Ermordung in der einen oder anderen Form profitierten. Nur Einzelne zeigten sich von ihrer besten Seite in ihrem Widerstand oder dem Drang, den Schwächsten zu helfen, während eine schier unglaubliche Masse an Menschen sich an ihren direkten Nachbarn und Mitbürgerinnen schuldig machte. Mets Yerern, das »große Verbrechen«, nennen die Armenier, was ihnen damals angetan wurde.

Deutsche haben sich nicht nur im Kolonialkrieg an den Völkern der Herero und Nama und in der Shoah an den europäischen Juden schuldig gemacht − sie waren auch an dem hierzulande verdrängten Völkermord der Jungtürken beteiligt.

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