Dienstag, 12.08.2025 / 23:10 Uhr

Hunger als Kriegswaffe – Jemens vergessene Tragödie

Die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen setzen Hunger gezielt als Waffe ein. Gleichzeitig droht dem Land eine irreversible Wasserkrise – und die Welt schaut weg.

Im Jemen sterben Kinder, weil Essen und Wasser zu Waffen geworden sind. Seit Beginn des Bürgerkriegs 2014 haben die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen große Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht und Hilfslieferungen blockiert. 20 Millionen Menschen sind heute akut von Hunger bedroht, darunter Hunderttausende Kinder. Nach Schätzungen der unabhängigen jemenitischen Nachrichtenagentur khabaragency.net starben allein zwischen 2014 und 2018 rund 85.000 Kinder unter fünf Jahren an schwerer Unterernährung – ohne Zugang zu medizinischer Hilfe.

Zwischen Januar 2022 und Dezember 2024 behandelten von Médecins Sans Frontières (MSF) unterstützte Einrichtungen 35.442 unterernährte Kinder unter fünf Jahren in fünf Gouvernements: Amran, Saada, Hadschah, Taiz und Hudaida. Diese Zahlen spiegeln den anhaltenden Kampf der Familien um den Kauf von Nahrungsmitteln und den Zugang zu medizinischer Versorgung nach Jahren des Konflikts und der Instabilität wider, die durch die sich verschlechternde Wirtschaftslage des Landes noch verschärft wurden.  

Während Gaza zwei Millionen Einwohner hat, belagern die Huthi 20 Millionen Menschen im Jemen. Dieser Hunger ist kein Kollateralschaden – er ist ein gezieltes Mittel zur Kontrolle und Erpressung“, sagte eine jemenitische Quelle der Nachrichtenagentur AP. Trotz eines im April 2022 vereinbarten Waffenstillstands brachen Ende 2023 erneut Kämpfe aus, nachdem sich die Huthis Feindseligkeiten gegen Israel angeschlossen hatten. Die humanitäre Krise eskalierte weiter.

Die jüngsten Zahlen sind alarmierend: Laut einem UNICEF-Bericht vom August 2024 stiegen die Fälle schwerer Unterernährung bei Kindern in Regierungsgebieten nahe der Huthi-Frontlinien seit 2023 um 34 Prozent. Über 600.000 Kinder sind betroffen, davon 120.000 akut. Auch 223.000 schwangere und stillende Frauen leiden unter Mangelernährung. Hilfsorganisationen werfen den Huthis vor, Hilfsgüter zu beschlagnahmen, Importe mit hohen Steuern zu belegen und Hilfe als Druckmittel gegen oppositionelle Stämme einzusetzen.

Doch Hunger ist nur eine Seite der Katastrophe. Der Jemen leidet gleichzeitig unter einer massiven Wasserkrise. Das Land gehört zu den wasserärmsten der Welt – die jährlichen Niederschläge liegen mit 108 bis 114 Millimetern weit unter dem Minimum, das zur Versorgung von Städten und Dörfern nötig wäre. Über 90 Prozent des Wassers fließen in die Landwirtschaft, meist mit veralteten, verschwenderischen Bewässerungsmethoden.

Mit der Eskalation des Krieges wurde zudem ein Großteil der Wasserinfrastruktur zerstört: Dämme, Pumpstationen und Leitungsnetze liegen brach. Millionen Menschen müssen auf unsichere Quellen wie verschmutzte Brunnen oder teure Tankwagen zurückgreifen. Binnenvertreibungen verschärfen die Lage – in manchen Regionen hat sich der Wasserbedarf verdoppelt. „Wir erleben ein völliges Wasser-Governance-Chaos“, sagt ein lokaler Wasserexperte. „Ohne intakte Institutionen und Infrastruktur verlieren wir jeden Tag ein Stück Zukunft.“

Die humanitäre Hilfe steht unterdessen vor dem Kollaps. Laut einer Koalition von 116 Hilfsorganisationen ist das Hilfsprogramm für 2025 nur zu zehn Prozent finanziert. Hinzu kommt die gezielte Inhaftierung von UN-Mitarbeitern und humanitärem Personal durch die Huthis, von denen einige in Haft starben. Ärzte berichten von Korruption und dem Austausch qualifizierten Personals gegen politisch loyale Kräfte.

Die Kombination aus bewaffnetem Konflikt, Hunger als Kriegsstrategie und einer eskalierenden Wasserknappheit bedroht die Existenz von Millionen Menschen. Experten warnen: Ohne rasches Eingreifen der internationalen Gemeinschaft, worauf kaum zu hoffen ist, könnte sich der Jemen in eine Region verwandeln, in der Nahrungs- und Wassermangel dauerhaft als politische Waffen eingesetzt werden.