Mittwoch, 17.09.2025 / 21:17 Uhr

Israel: Auf dem Weg zum Super Sparta?

Die israelische Offensive auf Gaza Stadt hat begonnen. Sie findet gegen den Willen der Armeeführung statt und auch zwei Drittel der Israelis votieren für ein Abkommen zur Freilassung der Geiseln statt für eine Fortführung des Krieges.

Angesichts der zunehmenden Boykotte gegen Israel hat Netanyahu gestern die Alarmglocken geläutet und die Notwendigkeit einer autarken Wirtschaft dargelegt. Israel müsse Super Sparta werden, erklärte der Premier. Der wirtschaftliche Schaden durch die Isolation taucht immer prominenter in den Nachrichten und den Zeitungen auf und ist zunehmend auch mit Zahlen zu unterlegen. Regierungskritiker weisen darauf hin, dass es nicht Aufgabe des Premiers ist, die Isolation zu kommentieren, sondern etwas dagegen zu tun. Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass Experten vor einem halben Jahr genau vor dem Szenario diplomatischer und wirtschaftlicher Isolation gewarnt haben, sollte Israel die Kampfhandlungen in Gaza auf Kosten eines Abkommens wieder aufzunehmen. Heute Abend hat Netanyahu in einer Pressekonferenz erklärt, dass seine Super Sparta Rede ein Missverständnis gewesen sei.

Konsequenzen des Angriffs auf Hamas-Führung in Katar unklar

Hinsichtlich der Bewertung des Schlages gegen die Hamas Führung in Katar ist die Fragestellung wichtig. Wenn es nur darum ging die Führungsriege der Hamas im Ausland auszuschalten, war es nach inzwischen übereinstimmenden Einschätzungen ein Misserfolg. Wenn der Zeitpunkt des Angriffs, wie von den Angehörigen beklagt, so gewählt war, dass damit die Verhandlungen über ein Abkommen zur Befreiung der Geiseln begraben werden sollte, wurde dies erreicht. Die Konsequenzen des Angriffs sind bis dato: Alle Verhandlungen über ein Abkommen liegen auf Eis, alle arabischen Staaten, einschließlich derjenigen, die mit Israel vor paar Jahren Abkommen zur Normalisierung der Beziehungen zu Israel beschlossen haben, sind zum einen enger zusammengerückt und zum anderen weiter von Israel abgerückt. Dies kann ein temporäres Phänomen sein. Die USA sind verstimmt, aber ohne Israel mit Konsequenzen zu belangen. Der Mossad Chef, so weiß man heute, war gegen den Schlag zum jetzigen Zeitpunkt.

Offensive auf Gaza Stadt

Der Eroberung von Gaza Stadt, die gestern Nacht begonnen hat und Israelis bis ins Zentrum zu Audiozeugen gemacht hat, gingen noch einmal scharfe Auseinandersetzungen voraus. So wies der Generalstabschef Zamir noch einmal darauf hin, dass niemand wisse, was der Eroberung der Stadt folgen soll und die Hamas unter diesen Umständen nicht vollständig zu besiegen sein. Im Chor mit der Mehrheit der Sicherheitsexperten verwies er auch noch einmal auf die Lebensgefahr für die Geiseln. Am Sonntag soll er in einem engen Forum mit Kabinettsministern noch einmal gefordert haben, alles für ein Abkommen zu tun. Des Weiteren kritisierte Zamir die GHF als „Fehlschlag“ und fragte, warum die Zahl der Verteilungszentren auf zwölf erhöht wurde, nachdem das Programm mit vier Zentren nicht erfolgreich gewesen sei.

Zwei Drittel aller Israelis für Abkommen

Um eines hier klarzustellen: Nach den letzten Umfragen sind mehr als 2/3 der Israelis für ein Abkommen. Der nichtsdestotrotz bei den letzten Wahlen demokratisch legitimierte Premier ist dadurch nicht gebunden und kann gegen diese Mehrheit entscheiden. Jetzt, wo die Panzer im Zentrum von Gaza Stadt stehen, stehen die Israelis alle hinter der Armee. Wenn die Sache aber im Desaster endet, ist jedem Versuch des Premiers, sich dann aus der Verantwortung zu ziehen, zu widersprechen. Es ist im Gegensatz zum Krieg nach 7/10 kein Krieg mehr, zu dem es keine Alternative gibt. Ein Teil- bzw. Stufenabkommen lag bis zum Angriff auf die Hamas Führung auf dem Tisch. Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, ob gelingt, was die meisten Israelis inzwischen für nicht möglich halten – die Hamas zu besiegen und die lebenden Geiseln lebend zurückzuholen. Aber den Soldaten, die jetzt gerade in Gaza Stadt kämpfen, gilt der bedingungslose Rückhalt der israelischen Bevölkerung, aus der sie sich rekrutieren.

Sinnbildlich dafür wurde gestern der Enkel einer Bewohnerin des Heims, die sich Tag und Nacht über Netanyahu und den Krieg aufregt, im Fernsehen gezeigt. Er gehört zu den Truppen, die Gaza Stadt einnehmen sollen. Und die Bewohnerin war sehr stolz. Mit ihrem Enkel befindet sich der Generalstabschef bei den Truppen an der Front und hat heute Abend in einer Ansprache versichert, dass er sich der moralischen Verpflichtung, die Geiseln zurückzuholen und die Hamas zu zerstören verpflichtet fühle. 

Gleichzeitig schreibt mir eine Angehörige: „Verrückte Tage. Ich kann wegen des Krieges in Gaza nicht atmen. Horror“. Und in Jerusalem ruft Einav Zangaukeer vor der Residenz des Premiers die Israelis dazu auf, sich dem Kampf für die Freilassung der Geiseln anzuschließen. 

Ein ausführlicher Artikel zu den Angehörigen in diesen Tagen von mir findet sich hier.