Der Iran überaltert
Ältere Männer im Iran
Iranische Experten warnen seit mehreren Jahren vor einem Rückgang des Bevölkerungswachstums, wodurch das Land auf eine drastische Überalterung zusteuert.
Soziologen und Forscher im Iran warnen seit mehreren Jahren vor einem Rückgang des Bevölkerungswachstums und gehen davon aus, dass das Land bei einer Fortsetzung dieses Trends auf eine drastische »Überalterung der Bevölkerung« zusteuert. Die Vereinten Nationen hatten zuvor prognostiziert, dass bis 2050 ein Drittel der Bevölkerung sechzig Jahre oder älter sein wird – eine Zahl, die dreimal so hoch ist wie jene aus dem Jahr 2021.
Die Bevölkerungswachstumsrate liegt bei etwa 0,7 Prozent und ist weiter rückläufig. Werden keine Maßnahmen zur Steigerung der Geburtenrate ergriffen, könnte das Wachstum innerhalb der nächsten fünfundzwanzig bis dreißig Jahre auf null sinken. Dieser Trend führt nicht nur zu einer Überalterung der Bevölkerung, sondern auch zu zunehmender Einsamkeit und einem Zusammenbruch des Familienzusammenhalts. Darüber hinaus stellt die alternde Bevölkerung eine ernsthafte Herausforderung im Gesundheitssektor dar.
Ideologische Brille
Seit Jahren führt das Regime den Rückgang von Eheschließungen und Geburten auf die »Faulheit der Jugend«, den »Glaubensverlust«, »Verschwörungen des Feindes« oder auf einen »westlichen Lebensstil« zurück, während die wahren Ursachen dieser Krise in wirtschaftlichen Problemen, einer immer stärker steigenden Inflation, weit verbreiteter Arbeitslosigkeit und in einem gravierenden Wohnungsmangel liegen. Darüber hinaus wirken sich die Unsicherheit über die Zukunft, die soziopolitische Instabilität und die generationenübergreifende Hoffnungslosigkeit als psychologische Faktoren verschärfend aus. Bevölkerungspolitische Maßnahmen sind wertlos und zum Scheitern verurteilt, werden diese Ursachen nicht angegangen.
Um die Menschen zu Heirat und Familiengründung zu ermutigen, fordert das Regime junge Menschen zu einem bescheidenen Lebensstil auf, währenddessen seine eigenen Funktionäre und deren Familien einen wohlhabenden, sicheren und gut ausgestatteten genießen. Dieser Widerspruch beginnt beim Obersten Führer Ali Khamenei, dem es dank besonderer Fürsorge trotz seiner Krebserkrankung viel besser geht als den meisten seiner Altersgenossen.
Viele junge Iraner hingegen leiden mitunter aufgrund von Versorgungsengpässen, Unterernährung, schlechter Hygiene und dem immensen Druck und Stress, den die Folgen der Regimepolitik unter vorzeitiger Alterung. Wird diese Krise in den nächsten sieben bis acht Jahren weiterhin ignoriert, könnte sie innerhalb von dreißig bis vierzig Jahren nicht nur die Islamische Republik, sondern den Iran als Ganzes zerstören – ein Land, dessen Herrscher behaupten, sie wollten seine Flagge an den Imam Mahdi, den schiitischen Messias und verheißenen Retter, übergeben.
Das reaktionäre, veraltete Mullah-Regime betrachtet die Frage der Bevölkerungspolitik, der Eheschließungen und der Geburtenrate durch die ideologische Brille, anstatt sie unter dem Aspekt der wissenschaftlichen Politikgestaltung zu sehen. So proklamieren die Führer des Freitagsgebets die Fortpflanzung als »religiöse Pflicht« und stellen den Bevölkerungsrückgang als »Zerstörung des Irans und des Schiitentums« dar. Konzepte wie der zum Verschwörer und Sündenbock stilisierte, allgegenwärtige »Feind« und der als Retter gepriesene »Imam Mahdi« werden eingesetzt, um zusätzlichen Druck auf die Gesellschaft auszuüben.
Demografie ist jedoch eine Wissenschaft und kein Propagandainstrument. Will das Regime dieses Problem wirklich in den Griff bekommen, muss es Maßnahmen auf der Grundlage wissenschaftlicher Daten und forschungsorientierter Ansätze umsetzen, anstatt zu versuchen, es als religiöse Verpflichtung darzustellen und religiöse Gefühle zu manipulieren.
Repression und Unfähigkeit
Die Regimepolitik übt durch strenge Beschränkungen bei der pränatalen Untersuchung, den eingeschränkten Zugang zu Informationen über Verhütungsmittel und die Kriminalisierung von Abtreibungen eine Reihe struktureller Zwänge und Druckmittel auf Frauen aus. Diese Zwänge gefährden nicht nur ihre körperliche und geistige Gesundheit, sondern erhöhen auch das Risiko der Mütter- und Säuglingssterblichkeit, wodurch die Geburt eines Kindes von einer bewussten, menschlichen Entscheidung zu einem erzwungenen und ungewollten Vorgang wird.
Solche Maßnahmen führen nicht nur zu weit verbreiteter Unzufriedenheit, sondern auch zu Misstrauen und Protesten unter Ärzten und Angehörigen der Gesundheitsberufe. Anstatt die Familie zu stärken, schaffen sie tiefgreifende soziale und medizinische Probleme.
Während die Islamische Republik von den Gefahren einer alternden Bevölkerung spricht, hat sie praktisch keinen realistischen Plan, um die Zukunft zu bewältigen. Das Gesundheitssystem steht kurz vor dem Zusammenbruch, die Rentenkassen sind bankrott, und wichtige Dienstleistungen für ältere Menschen – von der Pflege und angemessenen Versicherung bis hin zu Standardpflegeeinrichtungen – existieren entweder gar nicht oder sind höchst ineffizient.
Die städtische Infrastruktur ist nicht auf das Leben älterer Menschen ausgerichtet und kann die Bedürfnisse der wachsenden alternden Bevölkerung nicht erfüllen. Selbst wenn die Geburtenraten steigen, wird die Alterungskrise weiterbestehen, da das Kernproblem nicht die Anzahl der Geburten ist, sondern die mangelnde strukturelle Vorbereitung auf die Unterstützung der älteren Generation.
Zugleich hat das Fehlen wirksamer Fördermaßnahmen dazu geführt, dass alle Programme zur Steigerung der Geburtenrate wirkungslos geblieben sind. Die Regierung erwartet von den Menschen, dass sie Kinder bekommen, bietet ihnen jedoch nur wertlose Kredite, keinen Zugang zu angemessenem Wohnraum, teure und ineffiziente Einrichtungen und keine sicheren Arbeitsplätze. Darüber hinaus sind junge Menschen sozialer und kultureller Unterdrückung ausgesetzt und sehen keine Zukunft.
Unter solchen Bedingungen fühlt sich keine (Jung-)Familie sicher und stabil genug, Kinder zu bekommen. Ohne Sozialleistungen, wirtschaftliche Sicherheit, soziale Freiheit und eine vorhersehbare Zukunft für die jüngere Generation sind selbst erzwungene bevölkerungspolitische Maßnahmen zum Scheitern verurteilt.
All das hat dazu geführt, dass die Menschen nicht mehr darauf vertrauen, dass die Regierung ihre Versprechen einhält, eine sichere Zukunft schafft oder die notwendigen Voraussetzungen für die Kindererziehung schafft. Infolgedessen sind Heirat und Kinderkriegen von einer natürlichen, hoffnungsvollen zu einer risikoreichen Entscheidung geworden. Dieses weit verbreitete Misstrauen, das auf jahrelanger Ineffizienz, gebrochenen Versprechen und Managementkrisen beruht, ist heute einer der wichtigsten Faktoren für den Rückgang der Heirats- und Geburtenraten im Land.
Tiefgreifende Probleme
Das Ignorieren der begrenzten Ressourcen ist einer der grundlegendsten Fehler in der Bevölkerungspolitik. Der Iran ist ein Land, in dem nur etwa zehn Prozent der Fläche bewohnbar sind und das seit Langem mit Wasserkrisen, Bodenerosion, weit verbreiteten Dürren, Luftverschmutzung und sinkender landwirtschaftlicher Produktivität zu kämpfen hat. Unter solchen Bedingungen ist der Druck, die Bevölkerung zu vergrößern, nicht nur kontraproduktiv, sondern verschärft auch die Risiken von Hungersnöten, Ernährungsunsicherheit und groß angelegter Zwangsmigration. Ein Bevölkerungswachstum ohne wissenschaftlich geplantes Ressourcenmanagement treibt den Iran in eine sich immer weiter verschärfende Krise, der die bestehende Infrastruktur nicht standhalten kann.
Insgesamt steht der Iran vor einer Reihe tiefgreifender struktureller Bevölkerungsprobleme: die rasche (Über-)Alterung der Bevölkerung; die wachsende Krise der Rentenfonds; eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung; ein Gesundheitssystem, das mit chronischen altersbedingten Krankheiten überfordert ist sowie zunehmende Einsamkeit, Depressionen und andere psychische Erkrankungen, die Vermeidung von Eheschließungen und dauerhafte Single-Existenz – dies sind nur einige der Folgen dieses Trends.
Darüber hinaus bewegt sich das Land auf eine unvermeidliche Notwendigkeit der Arbeitsmigration zu, um den Arbeitskräftemangel auszugleichen, während die iranischen Städte strukturell ineffizient und für eine alternde Bevölkerung ungeeignet bleiben. Die weit verbreitete Abwanderung junger Menschen, das verlangsamte Wirtschaftswachstum, die zunehmende Ungleichheit zwischen den Generationen und die Geburtenkrise verkomplizieren die Situation zusätzlich. In diesem Zusammenhang sind die Bevölkerungspolitiken der Islamischen Republik weder wissenschaftlich noch lösungsorientiert, basieren sie doch weder auf wirtschaftlichen Berechnungen noch auf sozialem Verständnis, sondern auf religiösen und ideologischen Dogmen.