Donnerstag, 04.12.2025 / 12:10 Uhr

Iran: In den Stadien wird es still

Ein Fan des iranischen Teams

Bild:
Kirill Wenediktov, Wikimedia Commons

Das iranische Regime beschränkt systematisch öffentliche Räume wie zum Beispiel Fußballstadien, um große Menschenansammlungen und damit mögliche Protestbewegungen zu verhindern.

Nach dem Ende eines der letzten Spiele zwischen der iranischen Nationalmannschaft und der von Usbekistan äußerte sich Mehdi Taremi, einer der bekanntesten Persönlichkeiten des iranischen Fußballs, ungewöhnlich offen zu einem Thema, das vielen Iranern vertraut ist: »Von ganz oben wird etwas unternommen, damit die Menschen das Interesse am Fußball verlieren. Sie haben alle Stadien aus dem Spielbetrieb genommen, sodass sich nie wieder fünfzig- oder sechzigtausend Menschen an einem Ort versammeln werden.«

Auf den ersten Blick mögen diese Äußerungen lediglich als eine mit dem Sport in Zusammenhang stehende Kritik erscheinen, aber in Wirklichkeit weisen sie auf ein viel tiefergehendes Problem hin, nämlich die systematische Beschränkung öffentlicher Räume, um große Versammlungen zu verhindern – eine Politik, welche die Islamische Republik in den letzten Jahren ausgeweitet hat.

Zugleich wurden genau diese Räume für alle Arten von staatlich geförderten Versammlungen genutzt wie beispielsweise die Versammlung von hunderttausend Basidsch-Anhängern im Teheraner Azadi-Stadion oder die Ausstrahlung verschiedener religiöser Hymnen während wichtiger nationaler Fußballspiele, um den von der Regierung definierten Werten einen öffentlichen Anstrich zu verleihen.

Orte politischer Kontrolle

In den letzten vier Jahrzehnten hat die iranische Regierung extreme Empfindlichkeit gegenüber jeder Art von Versammlung gezeigt, die außerhalb der offiziellen Strukturen des Staates stattfindet. Die Erfahrungen mit den Protesten aus dem Jahr 2022 und der Jin-Jiyan-Azadi-Bewegung nach dem Tod von Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam im Jahr 2023 haben diese Sensibilität auf ihren Höhepunkt getrieben. Nach diesen Ereignissen hat die Kontrolle öffentlicher Räume eine völlig neue Dimension angenommen.

In den letzten Jahren wurden viele der wichtigsten Stadien, darunter Naghsh-e Jahan in Isfahan, Yadegar-e Emam in Täbris, Imam Reza in Maschhad und das schon genannte Azadi-Stadion in Teheran, entweder unter dem Vorwand von Renovierungsarbeiten geschlossen oder zumindest die Aufnahme der vollen Zuschauerzahl nicht zugelassen.

Kritikern zufolge handelt es sich bei diesem Trend um eine bewusste Politik, die darauf abzielt, Zehntausende von Menschen daran zu hindern, sich an einem politisch unberechenbaren Ort zu versammeln – etwas, das sogar Prominente, die einst hinter der Regierung standen, inzwischen anerkennen.

Diese Einschränkung betrifft nicht nur den Fußball und die Stadien. Konzerte, Konferenzen und mittlerweile sogar staatlich geförderte Versammlungen werden mittlerweile oft erst kurz vor ihrer Abhaltung öffentlich gemacht, wobei die diesbezüglichen Ankündigungen so ungenau sind, dass viele Menschen nichts über Zeit und Ort erfahren. Aus Sicht von Analysten besteht das Ziel darin, die Bildung von Versammlungen zu verhindern, die außer Kontrolle geraten und zu einer Protestkundgebung gegen das Regime werden könnten.

Die Antwort auf die Frage, warum die iranische Regierung so besorgt über öffentliche Versammlungen ist, liegt in der Reihe von Krisen, die das Land heimsucht, darunter die beispiellose Inflation, der Zusammenbruch der Kaufkraft der Bevölkerung, die wachsende politische und soziale Unzufriedenheit und der durch all das bedingte Rückgang des Vertrauens der Öffentlichkeit in staatliche Institutionen. In einem solchen Klima können große Versammlungen schnell zu einer Plattform für den Ausdruck von Unzufriedenheit werden.

Fußball als politische Bühne

Taremis jüngste Kritik fand in der iranischen Gesellschaft große Beachtung, warf aber auch die Frage auf, warum so viele der Sportler, die diese Politik jetzt kritisieren, während früherer Protestwellen schwiegen. Während sich einige wenige Persönlichkeiten wie der Fußballer Voria Ghafouri, der ehemalige Spieler und heutige Trainer Ali Karimi oder der Sportreporter Adel Ferdosipour auf die Seite der Demonstranten stellten und dafür einen hohen Preis zahlten, entschieden sich viele Sportstars damals, zu schweigen – um erst Jahre später öffentlich ihre Ablehnung zu äußern.

Diese Veränderung kann als Zeichen wachsender Unzufriedenheit auf verschiedenen Ebenen gesehen werden. Während Prominente, die einst offene Kritik vermieden haben, sich nun zu Wort melden, treten auch vermehrt Soldaten in Militäruniformen an öffentlichen Orten auf, halten Flaggen der früheren Monarchie hoch und skandieren Parolen gegen das derzeitige Regime – ein Ereignis, das eine weitere Dimension der sich verschärfenden sozialen und wirtschaftlichen Krisen widerspiegelt, die sich von Tag zu Tag ausweiten.

Mehdi Taremis Äußerungen machen einmal mehr deutlich, dass der Fußball im Iran nicht nur ein Spiel ist und Stadien nicht nur Orte für Sportveranstaltungen sind. Denn diese Orte haben das Potenzial, zu wichtigen Plattformen öffentlicher Proteste zu werden, wie in den letzten Monaten und Jahren wiederholt zu beobachten war, etwa durch die negativen Reaktionen der Zuschauer auf Regierungssymbole und -slogans oder umgekehrt durch ihre Unterstützung für Sportler und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich gegen die Behörden stellten. Genau dieses Protestpotenzial motiviert den Staat, jene Orte um jeden Preis kontrollieren und eindämmen zu wollen.

Die wirtschaftlichen und allgemeinen Lebensbedingungen vieler Iraner haben sich so weit verschlechtert, dass es sogar in Bereichen, die zuvor als politisch irrelevant galten, zu Äußerungen der sozialen Unzufriedenheit kommt. Die Kritik prominenter Fußballer ist ein deutliches Beispiel für diesen Wandel: Ein Zeichen dafür, dass die Politik der Regierung, die Sportstätten zu kontrollieren, nicht nur gescheitert, sondern auch nach hinten losgegangen ist, hat sie doch die Kritik nicht eingedämmt, sondern lauter gemacht.

Beitrag zuerst erschienen auf Mena-Watch