Freitag, 06.02.2026 / 21:05 Uhr

In Gaza erstarkt die bewaffnete Opposition

Die Counterterrorism Strike Force von Hussam al-Astal

Bild:
Facebook

Die Entwicklungen im Gazastreifen lassen deutlich werden, dass die interne Lage nicht mehr allein auf den andauernden Krieg zwischen der Hamas und Israel reduziert werden kann.

Der Gazastreifen bewegt sich stetig auf eine interne Konfrontation mit der Hamas zu, angetrieben von bewaffneten palästinensischen Gruppen, die inmitten des beispiellosen humanitären und sicherheitspolitischen Zusammenbruchs offen die Fortsetzung der Gewaltherrschaft der Terrorgruppe ablehnen. Dies beschränkt sich nicht mehr auf die Handlungen oder Äußerungen einzelner Personen wie auf jene von Ghassan al-Dahini, der dem Clan-Führer Yasser Abu Shabab nach dessen Tod folgte, sondern hat sich auch auf andere Akteure ausgeweitet, die sich der Herrschaft der Hamas immer offener widersetzen.

Diese Vielzahl von Akteuren spiegelt einen qualitativen Wandel in der internen Dynamik des Gazastreifens wider: Die Opposition ist nicht mehr individuell oder marginal, sondern fragmentiert und multizentrisch, zunehmend schwieriger durch traditionelle Sicherheitsmaßnahmen einzudämmen und ein Zeichen für die Erosion der zentralisierten Kontrolle innerhalb des Gazastreifens.

Als einer der lautstärksten Vertreter dieser Entwicklung zeigt sich Hussam al-Astal. Über seinen persönlichen Facebook-Account kündigte er die Durchführung von Sicherheitsoperationen gegen Hamas-Mitglieder an, schwor weitere Eskalationen und stellte die kommende Phase als eine der direkten Konfrontation dar. Dabei präsentiert er sich nicht nur als Anführer einer bewaffneten Gruppe, sondern als Ausdruck einer Wut der Bevölkerung, welche die Hamas nicht mehr als repräsentativ ansieht und deren fortgesetzte Herrschaft als einen Kernfaktor für die Zerstörung, die Isolation und den systemischen Zusammenbruch des Gazastreifens betrachtet.

Öffentliches Schweigen

Im Gegensatz dazu klammert sich die Hamas weiterhin mit aller Gewalt an die Macht, ohne ihre politische oder sicherheitspolitische Ausrichtung auch nur ansatzweise zu überdenken bzw. die Verantwortung für den anhaltenden inneren Zusammenbruch anzuerkennen. Exorbitante Steuern, Restriktionen, ein festgefahrenes Sicherheitssystem und das Fehlen jeglichen Raums für Kritik haben die Kluft zwischen der regierenden Hamas und der Gesellschaft vertieft und eine weit verbreitete Wut geschürt, die noch keinen offenen Ausdruck gefunden hat.

Trotz der wachsenden Unzufriedenheit herrscht öffentliches Schweigen, das jedoch keine Akzeptanz oder Zustimmung widerspiegelt, sondern vielmehr die gewachsene Angst vor dem Sicherheitsapparat der Hamas. Dieser hat zwar erfolgreich verhindert, dass die Menschen offen ihre Rechte einfordern, nicht aber, dass sich eine bewaffnete Opposition gebildet hat, die bereit ist, sich innerhalb des Gazastreifens gegen die Hamas zu stellen.

Die Vergangenheit zeigt, dass Menschen in autoritär regierten Gesellschaften in ständiger Furcht vor Denunziation und Bestrafung leben und das Schweigen dem offenen Widerspruch vorziehen. Doch dieses aufgezwungene Schweigen konnte nicht verhindern, dass Widerstand entstand, der zunächst diskret und randständig begann, sich später aber zu Bewegungen entwickelte, die das Monopol der Autorität über Wahrheit und Macht brachen. Diese historische Erfahrung zeigt, dass Unterdrückung keine dauerhafte Stabilität schafft und durch Angst erzwungenes Schweigen den Dissens nicht beseitigt, sondern lediglich unterdrückt und verdrängt, bis er eine andere Form annimmt.

Hoffnungsschimmer oder Explosion?

Für Teile der Bevölkerung des Gazastreifens stellen diese bewaffneten Gruppen einen Hoffnungsschimmer auf das Ende der Hamas-Herrschaft dar, insbesondere angesichts der Schließung aller politischen Kanäle und des Fehlens eines gangbaren Wegs für einen friedlichen Wandel. Gleichzeitig herrscht die weit verbreitete Sorge, dieser Kurs könne zu gewalttätigen internen Auseinandersetzungen führen, die das Leiden der Zivilbevölkerung weiter verschlimmern, und die Küstenenklave in ein unkontrollierbares Sicherheitschaos stürzen würde.

In Summe bringen diese Dynamiken Gaza an einen gefährlichen inneren Scheideweg: Eine an der Macht festhaltende Regierungsbehörde, eine aus Angst schweigende Bevölkerung und eine bewaffnete Opposition, die davon überzeugt ist, dass Gewalt die einzige verbleibende Sprache ist. Angesichts dieser Elemente stellt sich nicht mehr die Frage, ob es zu internen Auseinandersetzungen kommen wird, sondern wann, wie und zu welchen Kosten für die Zivilbevölkerung.

Mohammed Nafez Altlooli ist Autor und Friedensaktivist. Er war als Koordinator für zivile Angelegenheiten tätig und ist eine führende Persönlichkeit in der von Jugendlichen geführten Bewegung Bedna Na’eesh (»Wir wollen leben«) im Gazastreifen. Seine Arbeit konzentriert sich auf die Bekämpfung extremistischer Ideologien sowohl im Nahen Osten als auch im Westen.

Beitrag zuerst erschienen auf Mena-Watch