Dienstag, 10.02.2026 / 20:24 Uhr

Saudi Arabien nähert sich den Muslimbrüdern an

Der saudische Kronprinz mit den türkischen Präsidenten

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IRNA

Während Saudi-Arabien die Muslimbruderschaft im eigenen Land verbietet, stärkt Kronprinz Mohammed bin Salman die islamistische Organisation im Ausland.

In jüngster Zeit hat Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman einen massiven Wandel in der saudischen Außenpolitik herbeigeführt, wie Michael Rubin in einer Analyse schreibt. Ein Jahrzehnt, nachdem Saudi-Arabien die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) um Hilfe bei seiner Militäraktion gegen die Huthi im Jemen gebeten hatte, bombardierte Riad nun die von den Emiraten ausgebildeten südlichen Streitkräfte und forderte sowohl diese als auch ihre Berater aus den Emiraten auf, das Land zu verlassen. »Die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und den Emiraten ist zwar nichts Neues, aber jemand in Riad hat einen Schalter umgelegt«, so Rubin, sodass sich das offizielle Saudi-Arabien mit einem Mal explizit gegen seine ehemaligen Verbündeten wendete.

Das Gleiche galt für Israel. Die plötzlichen antiisraelischen und antisemitischen Schmähungen von saudischen Beamten schockierten Diplomaten und US-Kongressabgeordnete. Der saudische Verteidigungsminister und Bruder des Kronprinzen, Khalid bin Salman, versuchte zwar in Washington die Bedenken zu zerstreuen, doch ist unklar, ob das mehr als Schadenbegrenzung war.  

Während Saudi-Arabien die Muslimbruderschaft im eigenen Land verbietet, stärkt Mohammed bin Salman sie im Ausland. Er nutzt die Muslimbruderschaft als seinen wichtigsten Stellvertreter im Jemen, trotz ihrer Verbindungen sowohl zu den Huthi als auch zu Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel. Die jüngste saudische Rhetorik deutet darauf hin, dass Riad eine Partnerschaft mit der Hamas gegenüber Israel bevorzugt. Geopolitisch gesehen fördert Mohammed bin Salman nun die Beziehungen zur Türkei und zu Katar, während sich die Kluft zu den Vereinigten Arabischen Emiraten vertieft.

Während das damalige »arabische Quartett« – Saudi-Arabien, Ägypten, Bahrain, VAE – und dessen Katar-Boykott von 2017 darauf abzielten, die destabilisierende Toleranz Dohas gegenüber der Muslimbruderschaft zu bestrafen, schafft Saudi-Arabiens Abkehr eine neue Achse, die darauf abzielt, die Abraham-Abkommen einzudämmen, wenn nicht sogar rückgängig zu machen, und die Vereinigten Arabischen Emirate und ihre Vision eines neuen Nahen Ostens zu isolieren.

Durch die Abkehr Saudi-Arabiens können Katar und die Türkei die Vereinigten Arabischen Emirate isolieren. »In Doha wird man darüber kaum traurig sein, denn aus Sicht Katars bekommt Abu Dhabi nun einen kleinen Vorgeschmack auf das, was es Katar vor knapp einem Jahrzehnt angetan hat. Washington seinerseits lernt nun die Nachteile kennen, die es mit sich bringt, seine regionale Strategie an einen einzelnen Mann statt an ein System zu knüpfen«, analysiert Rubin die Entwicklung unter Bezug auf den saudischen Kronprinzen.

Problem Mohammed bin Salman

Katar sollte jedoch vorsichtig sein, schreibt Rubin weiter, denn auch das Emirat werde unter der Kehrtwende Saudi-Arabiens leiden, selbst wenn die Hinwendung Riads zur Muslimbruderschaft für Doha geopolitisch vorteilhaft zu sein scheint. Während Katar sich nämlich auf Augenhöhe mit Saudi-Arabien sehen möchte, betrachten sich die saudischen Führer als die Ersten unter Gleichen. Traditionell blickt das Land auf alle seine Nachbarn am Golf herab, seien es die Vereinigten Arabischen Emirate oder Katar.

Diese Haltung wird noch verstärkt durch die Überzeugung der saudischen Führer, aber auch der Bevölkerung, dass das Land nicht nur die Rolle des Hüters der beiden Moscheen in Mekka und Medina innehat, sondern auch die Hüter über den »Geburtsort von Muhammad ibn Abd al-Wahhab, dem Begründer der Wahhabi-Doktrin, der sowohl Saudi-Arabien als auch Katar angehören« die in Najd, dem heutigen Kernland Saudi-Arabiens liegt, wie Rubin ausführt.

Der Wettbewerb zwischen Saudi-Arabien und Katar könnte sich zunächst in einer Art Prestigekampf manifestieren: »Wer kann welche Sport- oder internationalen Veranstaltungen ausrichten? Unter normalen Umständen könnte ein solcher Wettbewerb positiv sein, aber der saudische Kronprinz kann launisch sein und hegt Groll gegen seinen kleineren Nachbarn.« So gab es in der Vergangenheit immer wieder auch bewaffnet ausgetragene Grenzkonflikte, die Anfang des Jahrtausends durch ägyptische Vermittlung beigelegt werden konnten, was jedoch nicht bedeute, der saudische Kornprinz hätte diese Ereignisse vergessen.

»Bin Salmans Unberechenbarkeit ist so groß, dass Saudi-Arabien eine weitere Krise heraufbeschwören wird, wenn er das Gefühl hat, dass [der katarische Emir] Tamim ihm die Show stiehlt«, fasst Rubin die Situation zusammen. »In absoluten Monarchien ist Persönlichkeit Politik. Das Ego spielt eine Rolle.« Sicherlich spiele die Ideologie eine Rolle im aktuellen Streit zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, aber sie sei nicht der Hauptfaktor, der in Mohammed bin Salmans Ego und seiner Unreife liege, legt Rubin abschließend noch einmal das Problem dar, dass die USA ihre Politik am Golf zu lange allein auf den saudischen Kornprinzen konzentriert haben.

 

Beitrag zuerst erschienen auf Mena-Watch