Journalisten im Nahen Osten im Visier
Von Bagdad bis London geraten Journalisten zunehmend ins Visier, ohne dass dies nennenswerte Konsequenzen nach sich zieht.
Von Kriegen über repressive Regierungen bis hin zu bewaffneten extremistischen Gruppen – Journalisten im gesamten Nahen Osten sind seit vielen Jahren einer Vielzahl tödlicher Gefahren ausgesetzt.
Letzte Woche erreichte diese Gefahr sogar London. Drei Männer wurden nach einem versuchten Anschlag in der Nähe der Büros von Iran International festgenommen, einem persischsprachigen Sender, der seit langem im Fadenkreuz der Islamischen Republik und vieler ihrer Apologeten steht. Seit Jahren leben seine Mitarbeiter unter Bedrohung, genau wie viele andere Journalisten in der gesamten Region derzeit.
Am Abend des 15. April wurde einem verdächtigen Fahrzeug Berichten zufolge die Zufahrt zum Gelände verwehrt. Kurz darauf wurden Brandbomben auf den Parkplatz eines benachbarten Gebäudes geworfen. Die Verdächtigen flohen daraufhin in einem schwarzen SUV, bevor sie nach einer Verfolgungsjagd durch die Polizei festgenommen wurden.
Die Botschaft ist unmissverständlich. Entfernung bietet keinen Schutz vor dem iranischen Regime. Kritisierst du das Regime? Dann werden sie oder ihre Handlanger dich holen. Für regimekritische Iraner ist dies seit Jahren die Norm. Und nun breitet sich dieses Risiko in der gesamten Region aus.
Irak und anderswo
Nehmen wir den Irak. Die amerikanische Journalistin Shelly Kittleson wurde Ende März in Bagdad entführt. Sie wurde eine Woche lang von ihren Entführern – der vom iranischen Regime unterstützten Kata’ib Hisbollah – festgehalten, bevor sie freigelassen wurde. Ihre Entführung war eine beunruhigende Erinnerung daran, dass der Irak immer noch ein Ort ist, an dem bewaffnete Akteure sowohl irakische Zivilisten als auch westliche Besucher verschleppen. Journalisten sind besonders von Entführungen bedroht.
Kittlesons Fall ähnelt einer noch längeren Tortur: der Entführung von Elizabeth Tsurkov. Tsurkov, eine russisch-israelische Frau, wurde 2023 im Irak verschleppt und mehr als zwei Jahre lang von derselben Gruppe festgehalten, die auch Kittleson entführt hatte.
Tsurkov ist eher eine wissenschaftliche Forscherin als eine Journalistin. Doch ihr Fall ist Teil eines sich verschärfenden Musters. Forscher, Autoren und Reporter reisen. Sie stellen Fragen. Manchmal machen diese Fragen den Menschen Unbehagen. Das kann sie zur Zielscheibe machen.
Tsurkov schrieb über ihre Erlebnisse in einem Beitrag für The Atlantic mit dem Titel: »Ich wurde von Idioten gekidnappt«.
In Kuwait soll Ahmed Shihab-Eldin, ein kuwaitisch-amerikanischer Journalist, seit Anfang März inhaftiert sein. Ihm wurde vorgeworfen, falsche Informationen verbreitet, die nationale Sicherheit gefährdet und sein Mobiltelefon missbraucht zu haben. Der Fall scheint sich auf Social-Media-Beiträge zu konzentrieren, die mit dem aktuellen Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran in Verbindung stehen. Dazu gehören Aufnahmen eines Absturzes eines US-Kampfflugzeugs in der Nähe eines US-Luftwaffenstützpunkts in Kuwait, die er auf seinem Substack-Kanal gepostet hatte.
Während der jüngsten Eskalationen zwischen dem israelischen Militär und der Hisbollah im Libanon wurden ebenfalls Journalisten bedroht und verletzt. Drei amerikanische freiberufliche Journalisten berichteten dem Komitee zum Schutz von Journalisten, dass sie angegriffen wurden, während sie über die Evakuierung von Zivilisten aus den südlichen Vororten Beiruts berichteten. Die mutmaßlichen Angreifer wurden bislang noch nicht öffentlich identifiziert.
Wichtig für freie Gesellschaften
Jeder dieser Fälle sollte jeden beunruhigen, dem die Zukunft des Nahen Ostens am Herzen liegt. Journalismus, das muss immer wieder betont werden, sollte niemals als Verbrechen oder Vergehen behandelt werden. Scharfe Kritik an Regierungen ist eines der wenigen wirksamen Mittel gegen Korruption und Missbrauch. Aggressive Berichterstattung, pointierte Kommentare und die Aufdeckung von Korruption, Inkompetenz, Unterdrückung oder Gewalt gehören zu den besten Katalysatoren, damit eine Gesellschaft sich selbst korrigieren kann.
Untersuchungen zeigen, dass dies sowohl für Freiheit als auch für Wohlstand von Bedeutung ist. Gesellschaften, in denen Journalisten frei recherchieren und sich frei äußern dürfen, sind in der Regel besser regiert. Sie sind tendenziell weniger korrupt. Sie sind auch tendenziell besser in der Lage, eine nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten. Eine freie Presse macht es viel schwieriger, dass Inkompetenz und staatliches Versagen im Verborgenen bleiben und uns im Dunkeln plagen.
Diese Beweggründe haben mich dazu inspiriert, selbst als Autor und Journalist zu arbeiten. Meine Kollegen im gesamten Nahen Osten verdienen es, ihre Arbeit frei und ohne die Gefahr von Entführungen – oder Schlimmerem – auszuüben.
Wenn die Angriffe auf Journalisten im Nahen Osten anhalten, werden die Folgen spürbar sein. Weniger Reporter werden Risiken eingehen. Weniger Geschichten werden erzählt werden. Die Berichterstattung wird lückenhaft werden und durch Gerüchte, Propaganda und Schweigen ersetzt werden. Genau das ist das Ergebnis, das diese Akteure anstreben.
Journalisten werden ins Visier genommen, weil sie wirksam sind. Sie dokumentieren, was andere zu verbergen versuchen. Sie zwingen unbequeme Fakten in die öffentliche Wahrnehmung. Deshalb werden sie bedroht, festgenommen und in manchen Fällen grenzüberschreitend gejagt.
Dies darf nicht als Nebengeräusch des regionalen Konflikts abgetan werden. Es ist Teil des Konflikts. Regierungen, die vorgeben, Stabilität und Ordnung zu schätzen, dürfen nicht wegsehen, während bewaffnete Gruppen und staatlich unterstützte Akteure die Berichterstattung zu einer Belastung machen, die mit Gewalt und Freiheitsberaubung bestraft wird.
Eine Region, in der Journalisten zum Schweigen gebracht werden, ist eine Region, in der Missbrauch ungehindert bleibt und Macht ohne Einschränkungen agiert. Das ist die Richtung, in die es geht, wenn es keine echten Konsequenzen für diejenigen gibt, die Journalisten ins Visier nehmen.
(Der Artikel ist auf Englisch zuerst bei Middle East Uncovered veröffentlicht worden. Deutsche Übersetzung von Florian Markl.)
Siehe auch: Press in Crossfire: Who Has Legitimacy to Regulate Media in Kurdistan Region of Iraq?