Die dschihadistische Landnahme in Afrika
Fast 24.000 Tote 2025, neue Offensiven bis Bamako, wachsende Angriffe auf Benin und Togo: Milizen ersetzen den Staat, während internationale Politik das Problem weiter als „Regionalbrand“ behandelt.
Bamako, Mogadischu, Maiduguri, Lomé: Zwischen Sahel, Horn von Afrika und dem Tschadseebecken wächst ein zusammenhängender Krisenraum. 2025 wurden in Afrika 23.968 Menschen in Gewalt im Umfeld militanter islamistischer Gruppen getötet – 24 Prozent mehr als im Jahr davor. Der Befund stammt vom Africa Center for Strategic Studies (ACSS), das von Rekordwerten spricht.
Im Kern geht es nicht um eine Abfolge einzelner Anschläge. In Teilen der Sahelzone, Somalias und rund um den Tschadsee übernehmen bewaffnete Gruppen Aufgaben, die Staaten beanspruchen, aber nicht mehr leisten: Kontrolle von Straßen, Erhebung von Abgaben, Schlichtung von Konflikten. Wer dort lebt, begegnet dem Staat oft nur noch in Form von Uniformen – und nicht selten als Risiko.
UN-Generalsekretär António Guterres brachte das im Sicherheitsrat im November 2025 auf eine Formel: Terroristen gedeihen dort, wo der Gesellschaftsvertrag zerbricht.
Sahel: Rekordzahlen, struktureller Machtverlust
Der Sahel bleibt nach ACSS das tödlichste Konfliktfeld Afrikas. Mali, Burkina Faso und Niger verzeichneten 2025 zusammen knapp 9.826 Tote im Zusammenhang mit militanten Islamisten – 41 Prozent aller entsprechenden Todesfälle auf dem Kontinent.
Tragende Kraft dieser Entwicklung ist vielfach Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimeen (JNIM), ein Bündnis al-Qaida-naher Gruppen. ACSS führt 78 Prozent der sahelweiten Todesfälle 2025 auf JNIM zurück.
Die Logik ist dabei weniger „Glaubenskrieg“ als Organisation: lokale Einheiten, Anschluss an bestehende Konflikte, Einnahmen über Abgaben, Schmuggel, Kontrolle von Korridoren. Ein Sicherheitsanalyst, der seit Jahren zur Region arbeitet, beschreibt das als System, das „Religion als Banner“ nutzt und „Ökonomie als Motor“.
Mali: April 2026 – Angriffe bis in die Nähe der Macht
Am 25. und 26. April 2026 erreichte die Eskalation in Mali eine neue Stufe: Koordinierte Angriffe trafen Bamako, das nahe gelegene Militärzentrum Kati sowie Orte im Norden und Zentrum. Reuters berichtete von Attacken auf Armeestützpunkte, Explosionen und Schusswechseln; JNIM und Tuareg-Rebellen der Azawad Liberation Front (FLA) reklamierten Beteiligung.
Le Monde sprach von einem „beispiellosen“ Angriff, auch weil symbolische Ziele im Süden und Norden gleichzeitig getroffen wurden.
Parallel läuft eine zweite Front, weniger spektakulär, dafür wirksam: Seit September 2025 zielt JNIM laut ACSS darauf, Treibstoffimporte über Korridore aus Senegal und Côte d’Ivoire zu stören – mit Preisschüben und wirtschaftlichen Folgen.
Dass der Staat „70 Prozent des Territoriums“ verloren habe, lässt sich seriös nur mit Einschränkungen sagen: Kontrolle ist in diesen Konflikten selten eine durchgehende Linienherrschaft. Aber die operative Aussage ist überprüfbar: Der Staat kann außerhalb von Städten vielerorts nicht dauerhaft durchsetzen, was er verkündet – und genau dort wächst das Angebot der Bewaffneten.
Burkina Faso: Gegenterror, der Rekrutierung produziert
In Burkina Faso wird die politische Mathematik der Gegeninsurgenz besonders sichtbar: Wer im Namen der Ordnung Zivilisten trifft, stabilisiert die Gegner, die sich als Alternative verkaufen.
Human Rights Watch dokumentierte für den Zeitraum Januar 2023 bis August 2025 1.837 zivile Todesopfer; über 1.200 davon werden staatlichen Kräften und verbündeten Milizen zugeschrieben.
Das ist kein Randaspekt, sondern zentral. Denn JNIM und andere Gruppen leben politisch von einer einfachen Erzählung: Der Staat schützt nicht, er straft. Wo diese Erzählung Alltagserfahrung wird, braucht es kaum Propaganda.
Niger und Nigeria: Putsch, Druck nach Süden, erste JNIM-Spuren
Der Putsch in Niger am 26. Juli 2023, der Präsident Mohamed Bazoum stürzte, markierte eine Zäsur.
ACSS beschreibt für Niger eine deutliche Verschiebung: Der Anteil an sahelweiten Todesfällen sei stark gestiegen; zudem konsolidiere der „Islamische Staat“ in der Region Rückzugsräume nördlich von Niamey.
Und Nigeria? Dort beanspruchte JNIM im Oktober 2025 erstmals die Verantwortung für einen Angriff; Reuters nannte ihn das „erste bekannte“ JNIM-Ereignis im Land.
Das ist nicht nur ein zusätzlicher Brandherd, sondern eine Verbindungslinie: Wenn bewaffnete Systeme aus dem Sahel in Kontakt mit nigerianischen Konfliktlandschaften treten, entsteht ein Sicherheitsmix, der sich nicht an Grenzen hält.
Küstenstaaten: Benin und Togo rücken ins Blickfeld
Die Küste galt lange als Puffer. Der Puffer wird dünner.
Für Benin nennt ACSS 305 Tote durch militant-islamistische Gewalt 2025 – der höchste Wert bislang, plus 76 Prozent.
Für Togo berichtete Reuters Ende Juli 2025, JNIM habe in 15 Angriffen 54 Zivilisten und acht Soldaten getötet, nach Angaben des Außenministers.
Wer sich fragt, warum Gruppen überhaupt Richtung Küste drängen, braucht keine Ideologie-Erklärung, sondern eine Kartenansicht: Häfen, Handelsströme, neue Einnahmequellen – und neue Erpressbarkeit.
Somalia: der Krieg, der als „chronisch“ abgehakt wird
Während der Sahel Schlagzeilen macht, verzeichnete Somalia 2025 laut ACSS den größten Sprung: 8.813 Tote, plus 93 Prozent – zugeschrieben vor allem al-Shabaab und dem „Islamischen Staat“.
Al-Shabaab finanziert sich über ein Steuersystem, das in seiner Rationalität wie eine Schattenverwaltung wirkt. Reuters berichtete bereits 2020 über ein ausgefeiltes Abgabensystem, das fast so viel einnehmen könne wie der Staat.
2024 erklärte die US-Regierung im Kontext von Sanktionen, al-Shabaab generiere über 100 Millionen US-Dollar jährlich, unter anderem durch Erpressung.
Wer das für „lokal“ hält, sollte sich erinnern, was aus „lokalen“ Konflikten wird, sobald sie Lieferketten, Migration und Sicherheitspolitik berühren: internationale Themen, nur ohne internationale Konsequenzbereitschaft.
Die geopolitische Lücke: Abzug, Ende von MINUSMA, russischer Ersatz
Frankreich beendete seine große Sahel-Operation Barkhane 2022.
Die UN-Mission MINUSMA wurde 2023 beendet; die UN bestätigte das Missionsende und den Rückzug.
Die entstandenen Lücken blieben nicht leer. In Mali stützt sich die Junta auf russische Kräfte, inzwischen vor allem über das staatlich geführte „Africa Corps“, das Wagner-Strukturen ersetzte – darüber berichteten u. a. AP und europäische Medien.
Und die Bilanz? Menschenrechtsorganisationen dokumentieren seit Jahren schwere Übergriffe durch malische Kräfte und russische Partner. Human Rights Watch bezeichnete das Massaker von Moura 2022 als Beispiel für eine Strategie, die vermeintliche Terrorbekämpfung mit Gewalt gegen Zivilisten verwechselt.
Warum wächst die Gewalt – trotz aller „Sicherheitsmaßnahmen“?
Drei Muster sind in den Quellen auffällig konsistent:
Putsche untergraben Legitimität, ohne automatisch Sicherheit zu schaffen – Niger ist dafür der jüngste Beleg.
Gewalt gegen Zivilisten durch Sicherheitskräfte wirkt als Treibstoff für Rekrutierung – HRW/ACLED-Auswertungen stützen das für Burkina Faso und Mali.
Bewaffnete Gruppen bieten Ordnung als Dienstleistung: Abgaben statt Steuern, Schiedsgerichte statt Verwaltung, bewaffnete Präsenz statt Polizei.
Das klingt nüchtern – und ist politisch unerquicklich. Denn es verschiebt die Frage: Nicht „Wie bekämpft man Terror?“, sondern „Warum wirkt der Staat vielerorts wie eine fremde Macht im eigenen Land?“
Einordnung: Was heißt das – und warum betrifft es mehr als die Region?
Westafrika ist Transitgebiet für Rohstoffe und Handel; Instabilität wirkt auf Migration, Versorgungslinien und Sicherheitskooperation. ACSS spricht von einer Ausweitung der Bedrohung bis in Küstenstaaten und von Rekordzahlen nahezu überall.
Die eigentliche Zumutung liegt darin, dass die Entwicklung seit Jahren beschrieben wird – von UN, Forschern, NGOs – und dennoch politisch behandelt wird wie ein Wetterbericht: Man nimmt zur Kenntnis, dass es stürmt, und wundert sich über Überschwemmungen.
Vielleicht ist das die moderne Form der „Fernwirkung“: Der Brand ist weit weg, also nennt man ihn „regional“. Bis der Rauch nicht mehr nach Geografie fragt.