Donnerstag, 18.06.2026 / 16:33 Uhr

Sudan: Katastrophe per Drohne

Gastbeitrag von Peter Laskowski
Drone
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Lieser Law Firm (Bildquelle)

Wie ein Bürgerkrieg zum Versuchsfeld des ferngesteuerten Tötens wurde.

Genf/Khartum. Mehr als 1.000 Zivilisten sollen im Sudan zwischen Januar und Mai 2026 durch Drohnenangriffe getötet worden sein. Diese Zahl nannte UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk am 15. Juni vor dem Menschenrechtsrat in Genf. Sie beschreibt nicht nur die nächste Stufe eines Krieges, der seit April 2023 das Land zerlegt. Sie zeigt auch, wie sich Krieg verändert: Nicht mehr nur der Mann mit Gewehr entscheidet über Leben und Tod, sondern der Mann am Bildschirm, oft weit entfernt vom Ort, an dem Menschen sterben.

Die Front verläuft darum nicht bloß zwischen den Sudanesischen Streitkräften und den Rapid Support Forces. Sie schneidet durch Märkte, Kliniken, Flüchtlingslager und Wohnviertel.

Türk sagte vor dem Menschenrechtsrat, der furchtbare Konflikt im Sudan habe sich ausgeweitet und verschärft; sichtbar werde das unter anderem im stark gestiegenen Einsatz von Drohnen. Was sich wie eine technische Randnotiz anhört, ist längst politischer Alltag und humanitäre Verwüstung. Der Sudan ist zu einem der großen Schauplätze des Drohnenkriegs geworden.

Der Krieg kommt aus der Luft

Begonnen hatte der Bürgerkrieg am 15. April 2023 als Machtkampf zweier bewaffneter Apparate: der Sudanesischen Streitkräfte unter General Abdel Fattah al-Burhan und der paramilitärischen RSF unter Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti. Aus diesem Kampf ist ein Krieg geworden, in dem Drohnen keine Beigabe mehr sind. Sie gehören zum Zentrum.

Nach Angaben von. Die Organisation ACLED (Armed Conflict Location and Event Data Project), die Kriegsereignisse dokumentiert stieg die Zahl der durch Drohnen verursachten Todesfälle 2025 um rund 600 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die dokumentierten Drohnenangriffe nahmen um 81 Prozent zu. ACLED beschrieb den Sudan im Juni als einen „von Drohnen dominierten Konflikt“, in dem beide Seiten ihre Taktik laufend den technischen Möglichkeiten des Gegners anpassen .

Das ist nicht deshalb bemerkenswert, weil der Sudan als Hochtechnologiemacht bekannt wäre. Er ist es nicht. Gerade deshalb ist der Fall so aufschlussreich. Eine Form der Kriegsführung, die man eher mit der Ukraine oder mit dem Nahen Osten verbindet, hat sich in kurzer Zeit in einem Land festgesetzt, dessen Bevölkerung schon ohne diese Modernisierung genug Gründe zum Sterben hatte.

Die Drohne verbilligt den Luftkrieg. Sie macht ihn beweglicher, zugänglicher, leichter einsetzbar. Militärs nennen das Effizienz. Für Zivilisten bedeutet es meist: Die Gefahr hat jetzt Propeller.

Die Präzisionswaffe trifft Krankenhäuser

Drohnen kommen gern im Gewand der Präzision daher. Im Sudan sieht diese Präzision anders aus.

Am 21. März wurde das Lehrkrankenhaus von Al Deain in Ost-Darfur angegriffen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation starben mindestens 70 Menschen, darunter sieben Frauen und 13 Kinder. Auch ein Arzt und zwei Krankenschwestern wurden getötet.

Hala Khudari von der WHO sagte dazu nüchtern, ein Angriff auf ein Krankenhaus sei nicht nur ein Angriff auf ein Gebäude, sondern auf Menschen, die medizinische Hilfe suchen. Viel schlichter lässt sich Barbarei kaum beschreiben.

Das Krankenhaus versorgte mehr als zwei Millionen Menschen. Mit seiner Zerstörung fiel nicht bloß ein Gebäude aus. Es brach ein Stück gesellschaftlicher Überlebensfähigkeit weg.

Es blieb nicht bei diesem Fall. Ärzte ohne Grenzen (MSF) berichtete von Drohnenangriffen auf Schulen, Märkte, Gesundheitszentren, Wasserquellen und humanitäre Einrichtungen. Allein in den ersten beiden Februarwochen behandelte die Organisation 167 Verletzte mit Splitterwunden, Knochenbrüchen und schweren Kopfverletzungen infolge solcher Angriffe.

Die Technik entfernt den Täter vom Opfer. Die Gewalt bleibt, wo sie immer war: bei denen, die ihr nicht ausweichen können.

Kordofan als Brennpunkt

Besonders klar zeigt sich diese neue Kriegsführung in Kordofan.

Die Region verbindet die von den RSF kontrollierten Gebiete in Darfur mit dem Osten des Landes. Wer Kordofan hält, kontrolliert Nachschub, Bewegungsräume und strategische Tiefe. Deshalb häufen sich dort die Drohnenangriffe.

Nach Angaben des UN-Menschenrechtsbüros wurden zwischen Januar und Mitte März mehr als 500 Zivilisten durch Drohnenangriffe getötet; die meisten Opfer kamen aus den Bundesstaaten Kordofans.

Am 11. Juni trafen Drohnen El-Obeid. Gesundheitsbehörden meldeten mindestens 15 Tote, Emergency Lawyers sprach von bis zu 23 Opfern. Getroffen wurden Wohngebiete, eine Trauerfeier und ein Lastwagen mit Lebensmitteln.

Moderne Kriegsführung hat hier ihre eigene Logik. Je genauer eine Waffe angeblich trifft, desto schneller findet sich jemand, der ihren Einsatz überall für vertretbar hält.

Ein sudanesischer Krieg ist das längst nicht mehr

Der Drohnenkrieg im Sudan endet nicht an den Grenzen des Sudan. Eine Recherche der New York Times dokumentierte Anfang 2026 einen geheimen Drohnenstützpunkt in Ägypten, von dem aus türkische Baykar-Akinci-Drohnen operieren sollen . Laut amerikanischen und nahöstlichen Beamten dienen die Anlagen der Unterstützung des sudanesischen Militärs gegen die RSF.

Auf der anderen Seite sollen die Vereinigten Arabischen Emirate chinesische CH-95-Drohnen an die RSF geliefert haben.

So wird der Sudan zur Bühne eines Krieges, in dem andere Mächte ihre Interessen mitspielen lassen, ohne sich offen die Hände schmutzig zu machen. Die Drohne ist dafür das passende Gerät. Sie bringt Einfluss, Reichweite und Abstreitbarkeit zusammen.

Im Kalten Krieg lieferten Großmächte Waffen an Stellvertreter. Heute liefern sie auch die Augen und Hände des Krieges.

Kurmuk und die Gefahr der Ausweitung

Wie stark Drohnen inzwischen militärisches Denken bestimmen, zeigt Kurmuk im Bundesstaat Blue Nile. Nach Angaben von Militärquellen verstärkten die SAF Anfang Juni ihre Drohnenoffensive, um die strategisch wichtige Grenzstadt von einem Bündnis aus RSF und SPLM-N zurückzuerobern.

Zehntausende Menschen wurden durch die Kämpfe vertrieben. Zugleich wächst die Gefahr, dass der Krieg weiter ausgreift. Schon im Mai starben bei einem Drohnenangriff nahe der äthiopischen Grenze mindestens acht Zivilisten, darunter ein Mitarbeiter der Internationalen Organisation für Migration .

Marta Hurtado vom UN-Menschenrechtsbüro warnte, die Drohnenangriffe breiteten sich über Sudans Grenzen hinweg aus und schüfen ein ernstes Risiko weiterer Eskalation mit regionalen Folgen.

Die Landkarte des Krieges verschiebt sich. Grenzen schützen nicht mehr, sie werden überflogen.

Katastrophe mit zusätzlichem Motor

Die Drohnen haben die sudanesische Katastrophe nicht verursacht. Sie treiben sie weiter an.

Nach Angaben der Vereinten Nationen brauchen inzwischen rund 34 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Mehr als 13,6 Millionen sind auf der Flucht. Über 20 Millionen benötigen medizinische Versorgung, 21 Millionen leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit .

Dazu kommen Berichte der Vereinten Nationen und internationaler Menschenrechtsgruppen über Gräueltaten, die den Krieg prägen: Massenvergewaltigungen, ethnisch motivierte Tötungen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Türk fasste es in einem Satz zusammen: „Vergewaltigung und sexuelle Gewalt sind weit verbreitet.“

Die Drohne ersetzt die alten Verbrechen des Krieges nicht. Sie ergänzt sie. Früher mussten Milizen ein Dorf erreichen, um Terror zu verbreiten. Heute kann der Terror aus der Luft kommen. Das macht ihn nicht immer tödlicher. Aber es macht ihn gegenwärtiger.

Der Krieg der Zukunft läuft schon

Der Sudan wird in der Weltpolitik oft wie eine Randnotiz behandelt. Der Blick geht zur Ukraine, nach Gaza, nach Taiwan. Doch gerade der Sudan zeigt, wohin viele Kriege gehen könnten.

Drohnen senken den Preis moderner Kriegsführung. Sie geben Staaten und Milizen eine Luftmacht, die früher wenigen Armeen vorbehalten war. Sie schaffen Abstand zwischen Täter und Tat. Zwischen Gewalt und Opfer schaffen sie keinen.

Volker Türk brachte die politische Folgerung auf den Satz, autonome Waffensysteme dürften keine Lizenz für Gräueltaten sein. Das klingt selbstverständlich. Im Sudan sieht man, wie wenig Selbstverständlichkeiten zählen, wenn sie niemand durchsetzt.

Technische Präzision erzeugt keine politische Verantwortung. Der Bildschirm ersetzt kein Gewissen. Er macht dessen Fehlen nur wirksamer.

Der Krieg des 21. Jahrhunderts wird aus der Distanz geführt. Die Toten bleiben nah.