Dienstag, 21.07.2026 / 12:20 Uhr

China im Sudan: Frieden predigen, Waffen liefern

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Forum on China-Africa Cooperation (FOCAC) Business Summit.

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Flickr, GovernmentZA (Bildquelle)

China erklärt sich im Sudan zum Hüter von Souveränität und Dialog. Zugleich kämpfen Armee und RSF mit chinesischem Gerät. Der Widerspruch führt über Norinco, Abu Dhabi, Öl und eine Diplomatie, die vor allem eines schützt: Pekings Handlungsspielraum.

Seit dem 15. April 2023 kämpfen im Sudan die regulären Streitkräfte (SAF) unter Abdel Fattah al-Burhan und die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) unter Mohamed Hamdan Dagalo um Staat, Territorium und Einnahmen. China ruft zum Waffenstillstand auf, erkennt die SAF-nahe Staatsführung an und beruft sich auf Nichteinmischung. Gleichzeitig finden Ermittler chinesische Mörser, Störsender, Drohnen, Lenkbomben und Haubitzen auf beiden Seiten. Ein Teil stammt aus alten Lieferbeziehungen zur Armee, ein anderer soll über die Vereinigten Arabischen Emirate zur RSF gelangt sein.

Damit ist China weder bloß neutraler Zuschauer noch eindeutig heimlicher Kriegsherr. Es ist Hersteller, Handelspartner, politischer Schutzpatron des Staates, möglicher Vermittler und Nutznießer einer Ordnung, deren Zerfall seine Investitionen bedroht. DAWN bezifferte die Bilanz bis Juli 2026 auf mindestens 59.000 Tote und rund 14 Millionen Vertriebene; die Organisation beruft sich dabei auf Berichte internationaler Stellen. In diesem Krieg ist Neutralität weniger Abstand als Arbeitsteilung.

1. Waffen mit Reisepass

Amnesty International wertete für sein Briefing von 2024 mehr als 1.900 Versanddatensätze sowie rund 2.000 Fotos und Videos aus. Die Organisation identifizierte Waffen aus China, Russland, Serbien, der Türkei, den VAE und dem Jemen. Chinesische Mörser, Anti-Material-Gewehre und Drohnenstörsender seien von beiden Kriegsparteien verwendet worden. Der Befund ist nüchtern genug, um vernichtend zu sein: „Der ständige Zustrom von Waffen in den Sudan verursacht weiterhin Tod und Leid unter der Zivilbevölkerung“.

Die Herkunft einer Waffe beweist noch nicht, wer sie wann an wen geliefert hat. Genau darin liegt die Stärke der vorsichtigen Formulierung – und die Schwäche mancher politischen Folgerung. „Chinesisch“ ist zunächst eine Herstellerangabe, keine vollständige Lieferkette. Doch wo Serien, Produktionsjahre, Importdaten und Einsatzorte zusammenpassen, wird aus dem Etikett eine Spur.

Das Ayin Network verfolgte diese Spur zu Norinco, dem chinesischen Staatskonzern, der seit Jahrzehnten mit Sudans Militärindustrie verbunden ist. Seine Systeme tauchten in Beständen beider Lager auf. Kholood Khair fasste die Geschäftslogik so zusammen: „Sie exportieren weiterhin auf beide Seiten, weil, ehrlich gesagt, beide Seiten zahlen“. Das ist eine These, kein Frachtbrief. Aber sie beschreibt ein System, in dem politische Loyalität zum Staat und kommerzielle Beweglichkeit sich nicht ausschließen.

2. Der Umweg über Abu Dhabi

Am besten dokumentiert ist die Route zur RSF. Amnesty International identifizierte Fragmente einer 2024 hergestellten Norinco-GB50A-Lenkbombe nach einem Angriff bei al-Malha in Nord-Darfur sowie eine 155-Millimeter-AH-4-Haubitze, die die SAF Ende März 2025 in Khartum von der RSF erbeutete. Nach den von Amnesty zitierten SIPRI-Daten waren die VAE 2019 der einzige bekannte Importeur dieser Haubitze aus China. Die Organisation folgert, die Systeme seien „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ von den VAE reexportiert worden.

Die Sudan Tribune fasste denselben Befund als „eindeutigen Beweis“ für den Einsatz chinesischer Lenkbomben und Haubitzen zusammen. Eindeutig ist der Waffentyp; weniger eindeutig bleibt bei einzelnen Systemen der gesamte Weg vom Werk bis zur Stellung. Gerade deshalb ist die AH-4-Spur so bedeutsam: Ein exklusiver Importeur, ein späterer Fund bei der RSF und ein bestehendes Darfur-Embargo ergeben noch kein Gerichtsurteil, aber mehr als ein Gerücht.

Mohamed Suliman sieht China deshalb in der Pflicht, die Endverwendung durchzusetzen. Peking müsse „praktische Schritte“ unternehmen, um den Waffenfluss einzudämmen; andernfalls riskiere es, zum Komplizen weiterer Verbrechen zu werden. DAWN geht noch weiter und nennt die Belege für die Unterstützung der RSF durch die VAE „erdrückend“. Die Zuspitzung ist politisch, doch ihr Kern bleibt prüfbar: Wer Waffen an einen bekannten Umschlagplatz liefert, kann sich nicht unbegrenzt auf den Lieferschein berufen.

3. Neutralität mit Staatsanschluss

Peking bestreitet Beziehungen zur RSF. Nachdem Sudans Außenministerium im April 2025 Aufklärung über chinesische FH-95-Drohnen verlangt hatte, erklärte der chinesische Geschäftsträger, China unterhalte „keinerlei Beziehungen“ zu der Miliz. Die Formulierung beantwortet allerdings eine andere Frage. Keine politische Beziehung zu haben, schließt nicht aus, dass Waffen chinesischer Produktion über Dritte bei der RSF landen.

Zur SAF ist das Verhältnis weniger rätselhaft. China belieferte schon das Regime Omar al-Baschirs, unterstützte Khartum diplomatisch und pflegt bis heute Beziehungen zur staatlichen Seite. Chinesische Systeme gehören seit Jahren zum Arsenal der Armee. Pekings Neutralität ist daher nicht symmetrisch: Politisch bevorzugt es den Staat, wirtschaftlich begegnen seine Produkte beiden Fronten.

Nadia Helmy beschreibt die Linie als „Diplomatie im Hintergrund“: China unterstütze die Vereinten Nationen, die Afrikanische Union und andere Vermittler, ohne selbst die Bühne zu besetzen. Das klingt nach Zurückhaltung. Es kann ebenso als Risikomanagement gelesen werden. Peking vermeidet den Bruch mit der SAF, den VAE, Russland und den Golfstaaten und bewahrt sich zugleich das Ansehen des Friedensfreundes. Der Satz von der Nichteinmischung wird so zur außenpolitischen Mehrfachsteckdose: Jeder Partner findet einen Anschluss.

4. Frieden als Infrastrukturprojekt

Chinas Gegenentwurf zu westlicher Sanktions- und Demokratisierungspolitik lautet Entwicklungsfrieden. Infrastruktur, Handel und Armutsbekämpfung sollen Konfliktursachen entschärfen. Daran ist mehr richtig, als seine Kritiker gern zugeben: Ein zerstörter Staat wird nicht allein durch Wahltermine stabil, und Friedensabkommen ohne materielle Grundlage bleiben Papier mit Delegationsfoto.

Doch Entwicklung ist nicht neutral, wenn ihre Verträge mit Militärherrschern, Rohstoffnetzen und Rüstungsunternehmen verflochten sind. Straßen können Märkte verbinden oder Nachschub beschleunigen; Öl kann Haushalte finanzieren oder Machtapparate. Das Konzept entpolitisiert, was es zu lösen verspricht. Es behandelt Verteilung, Herrschaft und Straflosigkeit gern als technische Störungen eines Bauprojekts.

Matai Muon und Brian Wong nannten China schon 2023 einen möglichen „Schlüssel zu einem künftigen Frieden“, mahnten aber, diese Hoffnung müsse „mit Realismus untermauert werden“. Sie verwiesen auf Pekings Zugang zu den Konfliktparteien, seine wirtschaftliche Präsenz und seine Fähigkeit, Menschen zu evakuieren. Zugleich warnten sie vor fehlender Beteiligung der sudanesischen Bevölkerung und vor einer Friedenspolitik, in der Übergangsjustiz keinen festen Platz hat. Ein Frieden, der nur die Pipelines wieder öffnet, wäre stabiler als Krieg – und ärmer als Politik.

5. Öl, Gold und Geduld

Chinas Bindung an den Sudan entstand nicht am Verhandlungstisch, sondern im Ölgeschäft. Als westliche Staaten Khartum in den 1990er- und 2000er-Jahren isolierten, finanzierten chinesische Unternehmen Förderung, Raffinerien und Pipelines. Nach der Abspaltung Südsudans 2011 verlor Khartum an Gewicht, blieb aber Transitland für südsudanesisches Öl. Hinzu kommen Bergbau, Landwirtschaft und die Lage am Roten Meer.

Diese Interessen erklären sowohl Pekings Friedenswunsch als auch seine Vorsicht. Ein Sieg der RSF könnte den Staat zersplittern; ein Bruch mit den VAE würde regionale Geschäfte beschädigen; offene Parteinahme nähme China den Anspruch auf Vermittlung. Also wartet Peking auf ein Kräfteverhältnis, in dem Friedensdiplomatie weniger kostet.

Hubert Kinkoh beschreibt den Krieg als Ergebnis externer Lebensadern: Ausländische Waffen und Logistik machten die Fortsetzung der Kämpfe für beide Seiten „rationaler […] als ein Verhandlungsabkommen“. Das trifft auch Chinas Lage. Peking will keinen endlosen Krieg, hat aber bislang nicht gezeigt, dass es bereit ist, seinen Anteil an dessen Ökonomie gegen seinen Anteil am Frieden einzutauschen.

6. Was Verantwortung heißt

China hat den Krieg nicht begonnen und unterstützt die RSF nach eigener Darstellung nicht. Es trägt dennoch Verantwortung für das, was es kontrollieren kann: Exportgenehmigungen, Endverbleibsklauseln, Lieferungen an riskante Zwischenhändler, die Aufsicht über Norinco und sein Gewicht im Sicherheitsrat. Als Vertragsstaat des Waffenhandelsvertrags muss es das Risiko von Umleitungen prüfen und ihnen entgegenwirken. Der Hinweis auf die VAE entlastet Peking daher nur teilweise; ein Zwischenhändler unterbricht die Kette nicht, er verlängert sie.

Auch die Quellen verlangen Prüfung. Amnesty legt Methoden und visuelle Belege offen. Ayin verbindet diese mit politischer Ökonomie. Der Sudan Tribune reproduziert im Kern Amnesty. Suliman und DAWN ziehen daraus weitergehende rechtliche und moralische Schlüsse, die nicht mit den forensischen Befunden verwechselt werden sollten. Helmy betont Chinas Vermittlungsabsicht stärker, Muon und Wong deren Möglichkeiten und Grenzen. Zusammengelesen entlarven sich die Texte nicht als falsch, sondern als perspektivisch: Jeder sieht einen anderen Abschnitt derselben Lieferkette.

Relevant ist das, weil der Sudan zeigt, wie Großmachtpolitik heute funktioniert. Waffen werden national produziert, über Partnerstaaten verschoben, in einem Bürgerkrieg eingesetzt und diplomatisch von ihren Herstellern getrennt. Frieden wird gefordert, solange er Handelswege öffnet; Verantwortung wird anerkannt, solange sie beim nächsten Glied beginnt. China könnte diesen Mechanismus bremsen: durch Exportstopps an riskante Empfänger, überprüfbare Endverbleibskontrollen, Druck auf die VAE und eine Vermittlung, die sudanesische Zivilkräfte einbezieht. Erst dann würde aus der Formel vom sudanesisch geführten Frieden mehr als die höfliche Begleitmusik chinesischer Reichweite.