Sudan: Menschenrechte nach Interessenlage
Wie wirtschaftliche und strategische Rücksichten den Druck auf die Unterstützer der RSF im Sudan begrenzen.
Der Krieg im Sudan zeigt, wie selektiv die Europäische Union und die Vereinigten Staaten auf schwere Gewalt reagieren. Sie verurteilen Verbrechen und berufen sich auf das Völkerrecht. Sobald wirksame Maßnahmen jedoch die Beziehungen zu Abu Dhabi belasten könnten, endet ihre Entschlossenheit häufig bei diplomatischen Erklärungen.
Eine Katastrophe mit Vorwarnung
In El Obeid, einer Stadt mit mehr als einer halben Million Einwohnern im Zentrum des Sudan, mehren sich die Anzeichen für ein weiteres Massenverbrechen. Die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) verstärken ihre Truppen, attackieren wichtige Infrastruktur mit Drohnen und treiben die Versorgungskrise weiter voran. Seit El Fascher im Oktober 2025 fiel und Berichte über ethnisch motivierte Tötungen bekannt wurden, lässt sich die Gefahr weder als abstrakt noch als überraschend abtun.
Die Vereinten Nationen, Menschenrechtsorganisationen und westliche Regierungen haben wiederholt davor gewarnt. Es fehlt also nicht an Informationen. Was fehlt, ist die politische Bereitschaft, aus diesen Erkenntnissen Konsequenzen zu ziehen, sobald einflussreiche Partner davon betroffen wären.
Am 9. Juli 2026 sprach sich das Europäische Parlament mit großer Mehrheit dafür aus, die RSF als Terrororganisation einzustufen. Die Entschließung forderte Sanktionen gegen Personen, die für Angriffe auf Zivilisten verantwortlich sind. Genannt wurde auch die in Abu Dhabi ansässige Global Security Services Group, der eine Beteiligung an der Rekrutierung kolumbianischer Kämpfer zugeschrieben wird . Zwei Tage später bezeichnete Nicholas Kristof die Vereinigten Arabischen Emirate als die „eigentliche Macht hinter RSF“. Wegen ihres Reichtums und politischen Einflusses würden sie jedoch behandelt wie „das Land, dessen Name nicht genannt werden darf“.
Genau dieser Gegensatz bestimmt die westliche Sudan-Politik. Gegenüber der RSF greifen Regierungen auf die Sprache des Völkerrechts zurück. Islamistische Netzwerke und iranischer Einfluss werden mit Terrorlisten und Sanktionen bekämpft. Bei den Vereinigten Arabischen Emiraten, einem bedeutenden Handels-, Investitions- und Sicherheitspartner, bleibt es dagegen meist bei vertraulichen Gesprächen und vorsichtig formulierten „Bedenken“. So entsteht der Eindruck, Menschenrechte seien kein allgemeingültiger Maßstab, sondern ein politisches Werkzeug, das je nach Bündnislage und wirtschaftlichem Interesse unterschiedlich eingesetzt wird.
Diese Kritik setzt die RSF nicht mit den sudanesischen Streitkräften (SAF) gleich. Der RSF werden Massentötungen, Vergewaltigungen, ethnische Verfolgung und die gezielte Zerstörung ziviler Lebensgrundlagen vorgeworfen. Auch gegen die SAF bestehen schwere Anschuldigungen. Dazu zählen Angriffe auf Zivilisten, die Zusammenarbeit mit islamistischen Kräften und nach Angaben der USA der Einsatz chemischer Waffen. Es geht daher nicht darum, Unterschiede zwischen beiden Seiten einzuebnen. Entscheidend ist, sämtliche Akteure nach denselben rechtlichen und politischen Maßstäben zu beurteilen.
El Obeid und das Scheitern frühzeitiger Prävention
Schon Monate vor der Einnahme El Faschers hatten Menschenrechtsexperten vor einem Massaker gewarnt. Nach dem Fall der Stadt wurden Tausende Tote gemeldet. Die Zahlen im vorliegenden Quellenkorpus reichen von mehr als 6.000 getöteten Zivilisten innerhalb von drei Tagen bis zu rund 60.000 Toten innerhalb weniger Wochen.
Die große Spannweite macht deutlich, wie schwer sich Opferzahlen in abgeschotteten Kriegsgebieten zuverlässig erfassen lassen. Am Kern der Sache ändert sie nichts: Die Bedrohung war lange bekannt, bevor es zu den mutmaßlichen Massentötungen kam.
In El Obeid zeichnet sich nun ein ähnlicher Verlauf ab. Die RSF attackiert Transformatoren, Tankstellen, Brücken, Märkte und wichtige Versorgungsrouten. Lebensmittel und Trinkwasser verteuern sich, während ein möglicher Choleraausbruch die Lage weiter verschärfen könnte. Nach Angaben des Europäischen Parlaments leben 563.000 Zivilisten und 105.000 Binnenvertriebene in der Stadt. Weitere 700.000 Menschen halten sich in einem Umkreis von 30 Kilometern auf. Der UN-Sicherheitsrat warnte vor der „unmittelbaren Gefahr von Massenverbrechen“. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte verwies zudem auf das Risiko willkürlicher Hinrichtungen und sexueller Gewalt.
Für die sudanesische Bevölkerung hat diese institutionelle Aufteilung einen bitteren Effekt: Die Empörung ist öffentlich sichtbar, konkrete Folgen bleiben weitgehend aus.
Warnungen, Daten und politische Mittel sind also vorhanden. Sie werden nur nicht rechtzeitig eingesetzt. Kristof vertritt die Auffassung, dass zur Verhinderung weiterer Gräueltaten möglicherweise keine militärische Intervention nötig wäre.
Entscheidend sei vielmehr ein öffentlicher und ernsthafter Druck auf die Emirate. Erklärungen allein erzeugen allerdings noch keinen Druck. Dafür müssten Regierungen bereit sein, Waffenlieferungen auszusetzen, Vermögenswerte einzufrieren, beteiligte Unternehmen zu sanktionieren oder Handelsgespräche an klar überprüfbare Bedingungen zu binden.
Die Entschließung des Europäischen Parlaments ist deshalb wichtig, bleibt in ihrer Wirkung aber begrenzt. Sie benennt die Gefahr für El Obeid, verlangt humanitäre Korridore und fordert Rechenschaft für begangene Verbrechen. Verbindliche außenpolitische Schritte liegen jedoch vor allem in der Hand des Rates und der Mitgliedstaaten.
Das Parlament kann deutliche Worte finden, während Regierungen und Kommission ihre Beziehungen zu Abu Dhabi mit größerer Vorsicht pflegen. Für die sudanesische Bevölkerung hat diese institutionelle Aufteilung einen bitteren Effekt: Die Empörung ist öffentlich sichtbar, konkrete Folgen bleiben weitgehend aus.
Das Unterstützungsnetzwerk hinter der RSF
Die Quellen zeichnen aus verschiedenen Perspektiven ein Bild der Netzwerke, über die die RSF aus den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt werden soll. Die Vorwürfe betreffen Waffenlieferungen, Finanzstrukturen, Goldhandel, militärische Ausbildung und die Anwerbung ausländischer Kämpfer.
Trisha Sayal beschreibt diese Hilfe nicht als Reihe voneinander getrennter Leistungen. Ihrer Einschätzung nach handelt es sich um ein zusammenhängendes System, das „Ressourcen, Waffen und Geld“ in den Sudan bringt und so die militärische und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit der RSF sichert .
Human Rights Watch dokumentiert den Bericht eines kolumbianischen Militärunternehmers. Nach dessen eigener Darstellung wurde er auf einem Stützpunkt in den Emiraten ausgebildet, verdeckt durch einen Flughafen geschleust und anschließend über den Tschad nach Nyala geflogen. Die Organisation bringt diese Route mit der Global Security Services Group in Verbindung und verweist auf deren geschäftliche und politische Nähe zu hochrangigen Kreisen in den VAE .
Andere Recherchen berichten von Hunderten Kolumbianern, die zur Unterstützung der RSF angeworben worden sein sollen. Ein Teil von ihnen sei an Ausbildungs- und Kampfeinsätzen beteiligt gewesen. In diesem Zusammenhang sollen auch Minderjährige rekrutiert worden sein.
Die bisherigen Reaktionen westlicher Staaten richten sich hauptsächlich gegen Personen und Firmen, die solche Netzwerke praktisch betreiben. Die USA, Großbritannien und der UN-Sicherheitsrat verhängten Sanktionen gegen kolumbianische Einzelpersonen, Unternehmen und weitere Vermittler. Emiratische Geschäftsleute oder Firmen, denen eine zentrale Rolle bei Rekrutierung, Ausbildung und Transport zugeschrieben wird, wurden dagegen nicht in vergleichbarem Maß erfasst.
Damit entsteht eine klare politische Grenze: Sanktionen treffen Mittelsmänner, solange sie die Beziehungen zu einem strategisch wichtigen Staat nicht ernsthaft gefährden.
Die Zurückhaltung gegenüber Abu Dhabi dürfte deshalb weniger auf fehlenden Informationen beruhen. Vielmehr scheint es sich um eine politische Entscheidung zu handeln, die Verantwortung auf nachgeordnete Akteure zu beschränken.
Die VAE weisen jede Unterstützung der RSF zurück. Dieses Dementi gehört zur Bewertung der Vorwürfe, kann eine unabhängige Untersuchung jedoch nicht ersetzen. Zugleich muss unterschieden werden, ob Aktivitäten staatlich angeordnet, von Behörden geduldet oder von staatsnahen Unternehmen eigenständig betrieben wurden.
Human Rights Watch hält es angesichts des stark zentralisierten Sicherheitsapparats der Emirate allerdings für wenig plausibel, dass die Behörden nichts bemerkt hätten, falls private Kämpfer militärische oder staatliche Einrichtungen durchliefen.
Diese Einschätzung ist kein gerichtsfester Nachweis. Sie ist dennoch ein ernst zu nehmender Hinweis, der sorgfältig und konsequent untersucht werden müsste.
Auch die bereits verhängten westlichen Sanktionen lassen kaum den Schluss zu, Regierungen hätten keinerlei Kenntnis von diesen Verbindungen. Wenn Firmen mit Sitz in den Emiraten wegen Waffen- und Finanzgeschäften zugunsten der RSF sanktioniert werden, reicht das vorhandene Wissen offenbar aus, um wirtschaftliche Netzwerke zu identifizieren.
Die Zurückhaltung gegenüber Abu Dhabi dürfte deshalb weniger auf fehlenden Informationen beruhen. Vielmehr scheint es sich um eine politische Entscheidung zu handeln, die Verantwortung auf nachgeordnete Akteure zu beschränken.
Wirtschaftliche Interessen und diplomatische Schonung
Die vorsichtige Haltung der Europäischen Union lässt sich kaum von ihren wirtschaftlichen Zielen trennen. Die EU verhandelt mit den VAE über ein Handelsabkommen und verspricht sich davon einen besseren Zugang zu Energie, Investitionen und kritischen Rohstoffen. Abu Dhabi wiederum versucht, seine Wirtschaft breiter aufzustellen und seine Stellung als internationales Handels- und Finanzzentrum auszubauen .
Die Sudan-Politik wird unter diesen Umständen nicht für sich betrachtet. Sie steht neben anderen strategischen Interessen und wird gegen sie abgewogen.
Eine einfache Maßnahme, die die EU Ergreifen könnte, wäre den Abschluss der Handelsverhandlungen an glaubwürdige Maßnahmen der Emirate gegen Waffenlieferungen an die RSF zu knüpfen. Damit würde keine außergewöhnliche Bedingung geschaffen. Die EU würde lediglich ihr häufig betontes Versprechen einlösen, Handelsbeziehungen mit Menschenrechten und dem Völkerrecht zu verbinden.
Solange die Gespräche unabhängig vom Verhalten der VAE weitergeführt werden, verliert dieser Anspruch an Überzeugungskraft.
Wie diplomatische Rücksicht sprachlich aussieht, zeigt eine Stellungnahme der Europäischen Kommission. Ihr Sprecher Anouar el Anouni erklärte, Brüssel habe bei Gesprächen auf unterschiedlichen Ebenen „Bedenken“ über die mutmaßliche Unterstützung der RSF durch die Emirate geäußert . Diese Formulierung hält alle diplomatischen Wege offen, legt aber keinerlei Konsequenzen fest. Die RSF wird in öffentlichen Entschließungen scharf verurteilt. Die mögliche Verantwortung ihrer Unterstützer bleibt dagegen Gegenstand diskreter Gespräche.
In den Vereinigten Staaten tritt die Verbindung zwischen wirtschaftlichen Interessen und politischer Zurückhaltung noch deutlicher hervor. Elfadil Ibrahim verweist auf ein Investitionsversprechen der Emirate im Umfang von 1,4 Billionen US-Dollar. Dabei handelt es sich um zugesagte Investitionen, nicht um eine Summe, die bereits vollständig geflossen ist. Politisch entfaltet das Versprechen trotzdem Wirkung. Es stellt erhebliche künftige Vorteile in Aussicht und senkt damit die Bereitschaft, Sanktionen zu verhängen.
Die Kritik an der Schonung der Emirate darf nicht dazu führen, die SAF zum legitimen Gegenpol der RSF zu erklären. Der Krieg begann im April 2023 als Machtkampf zwischen General Abdel Fattah al-Burhan und dem RSF-Kommandeur Mohamed Hamdan Dagalo.
Der Umgang mit Ruanda verdeutlicht die unterschiedlichen Maßstäbe. Die Trump-Regierung belegte das ruandische Militär und hochrangige Offiziere wegen der Unterstützung einer Miliz in der Demokratischen Republik Kongo mit Sanktionen. Gegenüber den Emiraten bleibt Washington zurückhaltender, obwohl ihnen die Unterstützung eines besonders gewalttätigen Stellvertreters vorgeworfen.
Der entscheidende Unterschied liegt offenbar weniger in der Art der Anschuldigung als im politischen und wirtschaftlichen Gewicht des jeweiligen Partners.
Auch die Gesetzesvorhaben im US-Kongress stoßen an diese Grenze. Verschiedene Entwürfe sollen Staaten benennen, die Waffen an die RSF liefern, und amerikanische Rüstungsexporte an solche Länder einschränken. Zugleich enthalten sie Ausnahmen für das „nationale Interesse“ oder überlassen Sanktionen dem Ermessen des Präsidenten.
Ein Änderungsantrag von Senator Chris Van Hollen, der Waffenlieferungen an die VAE aussetzen wollte, solange diese die RSF unterstützen, scheiterte mit 15 zu 7 Stimmen. Der mögliche Hebel ist damit bekannt. Die politischen Entscheidungsträger verzichten dennoch darauf, ihn konsequent zu nutzen.
Auch die SAF darf nicht entlastet werden
Die Kritik an der Schonung der Emirate darf nicht dazu führen, die SAF zum legitimen Gegenpol der RSF zu erklären. Der Krieg begann im April 2023 als Machtkampf zwischen General Abdel Fattah al-Burhan und dem RSF-Kommandeur Mohamed Hamdan Dagalo. Gegen beide Lager bestehen Vorwürfe wegen Angriffen auf Zivilisten und Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht.
Unterschiede beim Ausmaß, bei den Zielen und bei der regionalen Verteilung der Verbrechen müssen berücksichtigt werden. Sie rechtfertigen jedoch nicht, eine der Konfliktparteien politisch von ihrer Verantwortung freizusprechen.
Besonders schwer wiegt der Vorwurf der USA, die SAF habe im Jahr 2024 chemische Waffen eingesetzt. Washington verlangte internationale Inspektionen und verhängte eine zweite Runde von Sanktionen gegen die vom Militär gestützten Behörden in Port Sudan. Die sudanesische Regierung bestreitet die Anschuldigungen und richtete einen nationalen Untersuchungsausschuss ein. Aus Sicht der Vereinigten Staaten reicht dies nicht aus; sie fordern eine unabhängige internationale Überprüfung.
Solange eine solche Untersuchung nicht abgeschlossen ist, wäre eine endgültige Schuldzuweisung voreilig. Ebenso unangebracht wäre es, die Vorwürfe herunterzuspielen.
Erschwerend kommt hinzu, dass islamistische Netzwerke aus der Ära Omar al-Bashirs wieder an Einfluss gewinnen. Radio Dabanga berichtet, die USA hätten die Sudanesische Muslimbruderschaft im März 2026 als „Specially Designated Global Terrorist“ eingestuft und angekündigt, sie auch als ausländische Terrororganisation zu listen. Als Gründe wurden Gewalt gegen Zivilisten und Verbindungen zum Iran genannt.
Der Sudan ist weder das Libyen des Jahres 2011 noch der Irak von 2003. Ein Wiederaufbau, der militärische Macht lediglich absichert, ohne zivile Institutionen zu stärken, würde die Ursachen des Konflikts nicht beseitigen.
Solche Strukturen könnten sowohl den Wiederaufbau als auch einen Übergang zu ziviler Herrschaft erheblich behindern. Das gilt besonders dann, wenn sie weiterhin im Militär, in staatlichen Behörden und in der Wirtschaft verankert bleiben.
Samiya Mohammed warnt vor dem Zerfall staatlicher Institutionen und zieht Parallelen zu Libyen und dem Irak. Ihr Argument überzeugt dort, wo es daran erinnert, dass der Zusammenbruch von Sicherheitsstrukturen keineswegs automatisch zu Demokratie führt. Fragwürdig wird es, sobald historische Vergleiche nahelegen, nur der bestehende Militärapparat könne den Staat vor dem völligen Zerfall bewahren.
Der Sudan ist weder das Libyen des Jahres 2011 noch der Irak von 2003. Ein Wiederaufbau, der militärische Macht lediglich absichert, ohne zivile Institutionen zu stärken, würde die Ursachen des Konflikts nicht beseitigen. Er würde sie fortführen.
Auch Analysen, die den Sudan vor allem als möglichen Engpass am Roten Meer, als Rückzugsgebiet iranischer Netzwerke oder als Gefahr für internationale Lieferketten betrachten, bleiben unvollständig. Diese geopolitischen Interessen existieren. Dennoch darf die sudanesische Bevölkerung nicht auf einen Faktor in Sicherheits- und Handelsrechnungen reduziert werden.
Eine glaubwürdige Politik müsste die Verbrechen der RSF, Angriffe der SAF, mutmaßliche Unterstützung aus den Emiraten, iranische und andere ausländische Einflüsse sowie islamistische Netzwerke anhand derselben rechtlichen Grundsätze untersuchen.
Anforderungen an eine glaubwürdige Außenpolitik
Der Sudan ist ein Test für die Glaubwürdigkeit westlicher Außenpolitik, weil die möglichen Instrumente längst bekannt sind. Die EU könnte ihre Handelsgespräche mit den VAE an messbare und überprüfbare Bedingungen knüpfen. Sie könnte beteiligte Unternehmen und Verantwortliche sanktionieren, ein Waffenembargo prüfen und lokale Hilfsorganisationen unmittelbar unterstützen.
Die Vereinigten Staaten könnten Waffenlieferungen an die Emirate aussetzen, Ausnahmen enger begrenzen, Prüfverfahren nach dem Global Magnitsky Act einleiten und vorhandene Erkenntnisse über die Unterstützungsnetzwerke veröffentlichen. Gleichzeitig müssten beide Seiten auf unabhängigen Untersuchungen zu Verbrechen der RSF und der SAF bestehen.
Keine dieser Maßnahmen würde das Ende des Krieges garantieren. Sie könnten jedoch die politischen und wirtschaftlichen Kosten externer Unterstützung deutlich erhöhen. Derzeit bleibt es für ausländische Akteure vergleichsweise günstig, bewaffnete Gruppen materiell zu fördern. Den eigentlichen Preis zahlt die sudanesische Zivilbevölkerung.
Die Kluft zwischen scharfer Sprache und zurückhaltendem Handeln beschädigt deshalb mehr als nur die Sudan-Politik. Sie untergräbt auch den Anspruch, internationale Beziehungen nach verbindlichen Regeln zu ordnen.
Für El Obeid bedeutet Prävention, zu handeln, bevor ein möglicher Angriff beginnt.
Dabei darf die sudanesische Zivilgesellschaft nicht ausschließlich als Opfer erscheinen. Widerstandskomitees, Berufsverbände, lokale Hilfsnetzwerke und demokratische Bündnisse haben schon vor Kriegsbeginn gegen die Herrschaft des Militärs und gegen islamistische Machtstrukturen gekämpft. Ihre Arbeit widerlegt die Vorstellung, die Außenwelt könne nur zwischen zwei bewaffneten Lagern wählen.
Weder die RSF noch eine dauerhaft militarisierte SAF kann einen tragfähigen politischen Übergang führen.
Für El Obeid bedeutet Prävention, zu handeln, bevor ein möglicher Angriff beginnt. Nötig wären öffentlicher Druck auf die VAE, transparente Lieferketten, Sanktionen gegen beteiligte Firmen, ein überprüfbarer Stopp von Waffen- und Munitionslieferungen sowie geschützte humanitäre Korridore. Zugleich müssen Angriffe der SAF untersucht, gewaltbereite islamistische Netzwerke zurückgedrängt und zivile Kräfte verbindlich an politischen Verhandlungen beteiligt werden.
Rabab Mohamed Ali Baldo fordert, die internationale Gemeinschaft müsse aufhören, erst nach Gräueltaten zu reagieren, und stattdessen damit beginnen, sie zu verhindern. Für El Obeid liegt die Warnung offen auf dem Tisch.
Sollte die Stadt dennoch zum Schauplatz eines weiteren Massakers werden, könnte später niemand glaubwürdig behaupten, die Gefahr sei nicht absehbar gewesen. Das Versagen läge nicht an fehlendem Wissen. Es wäre das Ergebnis einer Außenpolitik, die ihre Grundsätze zwar kennt, sie gegenüber mächtigen Partnern aber nicht durchsetzt.