Samstag, 29.08.2026 / 23:16 Uhr

Andrew Tate und Joseph McBride: Der agitierende Muslim, der katholische Krieger und die Matrix

Gastbeitrag von Philipp Thiée
tate

    Andrew Tate

Bild:
Youtube, Wikimedia Commons (Bildquelle)

Der möchtegern konservative Zeitgeist hat viele Gesichter. Die Gesichter sind bunt und voller Vielfalt. Zusammenpassen muss nichts. Ein echter Mann kann sich da auch anziehen wie eine Tunte, solange er die richtigen Codes, die auf die Anbetung der Autorität gerichtet sind, verwendet.

Eines der bunten Gesichter, die besonders viel Vielfalt in sich vereinen, ist Andrew Tate. Er ist konvertierter Muslim, auch wenn er Teile der Islamisten, die ihn freudig in der Umma begrüßten, schon enttäuscht hat. Er konnte es trotz seines Glaubensbekenntnisses nicht lassen, zusammen mit ordinären Rassisten wie Tommy Robinson muslimische Vergewaltiger anzuprangern. Damit bewies er wohl Illoyalität im Glauben.

Tate konvertierte öffentlich im Oktober 2022. Das Video, in dem er mit Tam Khan in Dubai in einer Moschee betet, wurde zum Symbol dafür. Bereits vorher hatte Tate den Islam wiederholt als die Religion dargestellt, die sich seiner Meinung nach am konsequentesten gegen Liberalismus, sexuelle Freizügigkeit und den Zerfall traditioneller Familienstrukturen stelle. Er nennt den Islam die letzte echte Religion.

In einem Livestream mit Adin Ross im November 2022 ermutigte Tate den Streamer, sich eine islamische Ehefrau zu suchen, „that she wouldn’t cheat on you, she’d cook for you, she’d look after you, she wouldn’t have an OnlyFans”.

Ihm wurde vorgeworfen, es mit dem Islam nicht ernst zu nehmen, sondern nur den Moslem zu spielen, um in Dubai besser anzukommen. Bei der Islamisten Seite 5Pillars warf man ihm nach anfänglicher Begeisterung, dass er gegen muslimische Feministinnen antrete vor, auch nach Jahre nach seiner Konversion noch völlig ahnungslos vom Glauben zu sein.

Der Guardian ist dieser Frage nachgegangen und kam zu keinem eindeutigen Ergebnis. Menschen, die Tate persönlich kennen, hielten seine Konversion für authentisch; gleichzeitig gab es den Verdacht eines „reputation wash”. Tate selbst begründet seine Konversion dagegen damit, dass konservativer Islam seinen Vorstellungen von Familie, Geschlechterrollen und Männlichkeit entspreche.

Seit dem 18. Juli 2026 sitzen die Brüder Andrew und Tristan Tate, die ihr Geld mit Erotik Webcams und Schulungen für verunsicherte junge Männer im Umgang mit Geld und Frauen gemacht haben, in Miami in Haft. Großbritannien verlangt ihre Auslieferung. Zu den britischen Vorwürfen gegen Andrew Tate gehören Vergewaltigung, Körperverletzung, Menschenhandel beziehungsweise die Förderung sexueller Ausbeutung und – aus dem älteren Anklagekomplex – die Kontrolle von Prostituierten zu Erwerbszwecken. Hinzugekommen sind weitere Anklagepunkte wie Vergewaltigung und Kinderpornografiedelikte. Die Brüder bestreiten die Vorwürfe. 

Ob die Tates das amerikanische Auslieferungsverfahren weiter in Haft führen müssen oder bis zu einer Entscheidung frei bleiben dürfen, wurde am 27. August verhandelt. Acht Stunden dauerte die Anhörung in Miami. Bisher gibt es keine Entscheidung.

Was von den Vorwürfe selbst am Ende bewiesen werden kann, ist eine andere Frage. Auch eine Frau, die sich freiwillig auf eine sexuelle und ökonomische Beziehung mit einem daran verdienenden Mann einlässt, verliert dadurch – anders als häufige ideologische Vorstellungen von Polizei, Justiz und NGOs - weder ihre Handlungsfähigkeit noch wird sie automatisch zum Opfer einer Straftat. Häufig wechseln Aussagen in derartigen Verfahren nach der jeweils aktuellen Interessenlage der Zeugin. Welche Aussagen glaubhaft sind, was die Telefonauswertungen bringen werden, wo gegebenenfalls die Grenze zur Straftat überschritten wurde, wird im Strafprozess im Vereinigten Königreich geklärt werden. Es wird bei der Menge der Vorwürfe der Erfahrung nach etwas hängen bleiben. 

Der katholische Krieger

Auftritt des Joseph McBride, der schon einige der Kapitolsstürmer vom 6. Januar vertrat: Er vertritt nun Andrew und Tristan Tate sowohl im Internet als auch im juristischen Auslieferungsverfahren. Nach ihrer Festnahme bezeichnete er sie als political prisoners”. Zu den neuen britischen Vorwürfen erklärte er öffentlich: „Their enemies know it best of all. That is exactly why they have been attacked.” Damit setzt er die Erzählung, die Tate seit Jahren selbst verbreitet, fort: Wer die Matrix durchschaut, wird von der Matrix angegriffen.

McBride suggeriert öffentlich, die britischen Anschuldigungen ließen sich nun in Amerika als Verleumdung und politisch motivierter Angriff entlarven. Nach einer Anhörung erklärte er etwa: „They don’t have anything but the accusations. It’s just their word against ours right now.” Als amerikanischer Strafverteidiger weiß McBride allerdings, dass das Auslieferungsverfahren gerade nicht der britische Strafprozess ist. Die Spielräume der Verteidigung sind bei der Auslieferung gering.

Das amerikanische Justizministerium beschreibt die extradition hearing ausdrücklich als not intended to be a trial on the merits”. Geprüft werden nur die rechtlichen Voraussetzungen der Auslieferung (gegenseitige Strafbarkeit, Ne bis in Idem etc.) und den probable cause – ob der vorgeworfene Sachverhalt im ausländischen Haftbefehl schlüssig dargestellt ist – nicht ob die Beweise ausreichen. Der Supreme Court hat schon vor hundert Jahren klargestellt, dass der Auslieferungsrichter nicht darüber entscheidet, ob der Beschuldigte schuldig ist. Die Verteidigung kann nicht einfach den vollständigen britischen Strafprozess nach Miami verlagern. Die Internetkampagne McBrides verwischt diese Trennung auffällig.

Er präsentiert sich auf X als „Traditional Catholic Warrior”. Und für seine muslimischen Mandanten lässt der katholische Krieger sogar katholische Messen lesen. Der konvertierte Zuhältermuslim und sein katholischer Krieger haben sich gefunden.

Religion als Stammesfetisch

Leo Löwenthal und Norbert Guterman beschrieben 1949 in Lügenpropheten, wie der Agitator Religion politisch umformt:

„Ganz gleich verfährt der Agitator mit der Religion. Er verfälscht sie dadurch ins Partikularistische, daß er das Christentum auf ein exklusives Glaubensbekenntnis reduziert, und so eine Art Stammesfetisch daraus macht, der die primitiven Attribute stammesverwandtschaftlicher Zusammengehörigkeit der Eigengruppe und Gewalttätigkeit gegenüber Fremdgruppen aufweist.”

Der Begriff des „Stammesfetischs” trifft ziemlich genau, worum es geht. Religion muss nicht verschwinden, wenn ihr universaler oder spiritueller Gehalt zurücktritt. Im Gegenteil: Das Bekenntnis kann umso demonstrativer werden. Es beantwortet dann weniger die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zu Gott als die Frage, wer zu uns und wer zu den anderen gehört.

Damit wird auch die Kombination aus Tate und McBride weniger merkwürdig. Der muslimische Tate und der „Traditional Catholic Warrior” müssen keine gemeinsame Theologie besitzen. Ihre Religion kann gesellschaftlich dieselbe Grenze markieren: hier Tradition, Ordnung, Disziplin, Männlichkeit und verbindliche Werte – dort eine als dekadent, verweichlicht und orientierungslos vorgestellte Moderne.

Umberto Eco beschreibt in Ur-Faschismus einen verwandten Mechanismus. Der italienische Faschismus sei ein Bienenstock von Widersprüchen gewesen. Mussolini habe keine Philosophie besessen, sondern nur Rhetorik. Mussolini war militanter Atheist. Später schloss derselbe Mann das Konkordat mit der katholischen Kirche, empfing Bischöfe, die faschistische Fahnen segneten, berief sich auf Gott und akzeptierte seine Bezeichnung als „Mann der Vorsehung”.

Der Widerspruch gehört zur beliebigen Sache. Der Inhalt kann wechseln, solange die politische und psychologische Funktion erhalten bleibt. Islam oder Katholizismus. Das Totem kann im der Farbe wechseln. Es muss nur dieselbe Grenze markieren.

Die Matrix und die Erfolglosen

Tate schlicht einen Faschisten zu nennen, greift zu kurz. Als moderner Agitator im Sinne Löwenthals und Gutermans ist er interessanter. Diese schreiben:

Einerseits brandmarkt der Agitator seine Mitläufer als Ausgesaugte, reitet er auf den Leiden herum, die sie in ihrem erfolglosen Leben zu ertragen hatten und befriedigt damit ihren latenten Masochismus. Andererseits verwandelt er diese Erniedrigung in etwas, auf das man stolz sein kann – ein Merkmal der neuen Elite, die sich eines Tages erheben wird.”

Das ist wie eine Gebrauchsanweisung von Tates Geschäftsmodell. Mehr als Frauen beutet er junge Männer ökonomisch aus, die sein Frauenbild teilen. Der erfolglose junge Mann besitzt wenig Geld, wenig Status, wenig Erfolg bei Frauen. Tate bestreitet seine Kränkung nicht. Er bestätigt sie. Er gibt dem Verursacher der Schwäche seine Anhänger einen Namen:

The Matrix.

Du bist nicht einfach gescheitert. Du wurdest betrogen. Und aus der Erniedrigung entsteht bereits die künftige Elite: Wer die Matrix erkannt hat, gehört nicht mehr zu den Schafen. Der entscheidende Satz bei Löwenthal und Guterman folgt unmittelbar:

„Damit offeriert er seinen Anhängern die Möglichkeit, aller zukünftigen Erniedrigung subjektiv erfolgreich zu begegnen, ohne sie praktisch zu beseitigen und ohne an den Zuständen, in denen sie wurzelt, etwas zu ändern.”

Genau das ist die Pointe von Tates Rebellion. Die Konkurrenz soll nicht verschwinden. Du sollst gewinnen. Die Macht des Geldes soll nicht verschwinden. Du sollst reich werden. Hierarchien sollen nicht verschwinden. Du sollst oben stehen. Herrschaft ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass du beherrscht wirst.

Geh zur Schule!

Wie gut dieses Verhältnis aus Rebellion und Autorität funktioniert, zeigte Tate selbst bei einer kleinen Begegnung vor einem rumänischen Gericht.

Ein jugendlicher Anhänger hatte die Schule geschwänzt, um Tate zu sehen. Andrew, der Kämpfer gegen die Matrix, freute sich zwar über den kleinen Akt anti-institutioneller Rebellion. Er maßregelte den Jungen zugleich gütig:

It’s not about the thing they teach you, it’s about the fact that you need to be disciplined, you need to get up on time, be presentable, etc.” Und dann: “I don’t want to see you in court during the week young man. Go to school, be disciplined.” Der bemerkenswerte Satz ist der erste. Was die Schule lehrt, ist Tate ausdrücklich egal. Entscheidend ist ihre disziplinierende Funktion.

Nun darf man einmal spekulieren und die Szene umdrehen. Was hätte Tate wohl gesagt, wenn derselbe Junge erklärt hätte: Andrew, ich kann dich leider nur kurz in der Freistunde unterstützen. Ich muss gleich zur Schule.

Es wäre vollständig mit Tates sonstiger Rhetorik vereinbar gewesen, ihm nun zu erklären, er solle selbst denken und sich nicht von der Matrix diktieren lassen, was wichtig sei. Wenn er es ernst meine, müsse er den Bros beistehen und dürfe sich nicht von Lehrern rumschupsen lassen. Beide Antworten passen. Denn die eigentliche Regel lautet weder „Geh zur Schule” noch „Rebelliere gegen die Schule”. Sie lautet:

Der Agitator entscheidet, wann Gehorsam Disziplin und wann Gehorsam Sklaverei ist.

Wieder dasselbe Muster. Der Inhalt wechselt. Die Funktion bleibt.

Autoritärer Individualismus

Damit landet man bei Adornos Untersuchungen zum autoritären Charakter. Eine Kategorie seiner F-Skala heißt „Power and Toughness”: die Fixierung auf Macht, Härte, Dominanz und Unterwerfung, auf stark und schwach, Führer und Geführte.

Das Tate'sche Universum ist entlang genau dieser Achse sortiert. Gewinner und Verlierer. Starke und schwache Männer. Reiche und Arme. Männer, die Frauen bekommen – wobei letztere nicht begehrt werden, sondern nur das Vehikel für den eigenen Status sind beim Angeben in der Männerumkleide - und Männer, die keine bekommen. Männer, die bestimmen, und Männer, über die bestimmt wird.

Tate fordert dabei keinen starken Staat. Im Gegenteil. Er verspricht dem Einzelnen, sich von allen Autoritäten zu befreien. Das könnte man einen autoritären Individualismus nennen.

Die emanzipatorische Forderung lautet: Es soll keine Herren und Knechte geben. Tates Forderung lautet: Sei kein Knecht. Die Verhältnisse müssen sich dafür überhaupt nicht ändern. Nur die eigene Position in ihnen.

Und natürlich schafft der radikale, agitierende Individualist für seine ihn nacheifernden Anhängern mit Bezahlchatgruppen wie z.B. War Room, Hustler’s University und The Real World zugleich sein eigenes Kollektiv. Er ist dort „Bro” und Führer zugleich, einer von ihnen und derjenige, der sie lobt, tadelt und ihnen erklärt, wie ein freier Mann zu leben hat.

Löwenthal und Guterman beschreiben diese Beziehung mit bemerkenswerter Präzision:

Der Agitator bringt die Menschen in die Stimmung; laßt uns zugeben, daß wir desillusioniert, unwissend und betrogen sind. Wer das Gefühl hat, immer ‚unverstanden’ gewesen zu sein, wird ihm folgen. Und: „Der Agitator scheint ausgesprochen am kleinen Mann, der nicht avanciert ist, interessiert zu sein.”

Er führt diesen kleinen Mann allerdings nicht aus den Verhältnissen heraus, die ihn klein gemacht haben. Er verspricht ihm, darin aufzusteigen. Und so schließt sich der Kreis zur Gegenwart in Miami.

Der muslimische Agitator sitzt jetzt im Gefängnis. Draußen steht sein „Traditional Catholic Warrior” und erklärt seinen Anhängern, welche vor dem Knast zu Ehren der Tates gemeinsam Liegestütze machen, die Brüder seien unschuldig, ihre Feinde wüssten das und genau deshalb würden sie angegriffen. Nur die Bros Trump und Rubio könnten jetzt noch helfen. Die Strafverfolgung ist Aktion der Matrix. Dass das System Tate verfolgt, bestätigt die Erzählung der Befreiung. Und der katholische Krieger des muslimischen Konvertiten posiert mit den Tategläubigen, betet und zetert und rechnet dabei – hoffentlich für ihn, denn sonst wär er als Anwalt einfach irre und unfähig – seine Stunden ab.

Der moderne Agitator braucht keinen Führerstaat und keine Uniform mehr. Er kann seinen Anhängern sogar versprechen, sie von jeder Autorität zu befreien. Er muss ihnen nur beibringen, dass die Welt aus Herrschenden und Beherrschten besteht. Und dann hinzufügen:

Folge mir – und ich zeige dir, wie du auf die richtige Seite kommst. Jeder Inhalt orthodox, muslimisch, katholisch oder protestantisch ist nur ein Totem für den angepassten Rebellen.