Das neue Epizentrum des Dschihad – Wie Terroristen das Machtvakuum im Sahel nutzen
Der Sahel ist zum Zentrum des globalen Dschihadismus geworden. Doch JNIM und der Islamische Staat expandieren nicht einfach, weil sie militärisch stärker wären. Ihr Aufstieg zeigt, was geschieht, wenn staatliche Gewalt Sicherheit verspricht, gesellschaftliche Ordnung aber immer weniger herstellen kann.
Auf den Karten der Terrorismusforschung hat sich das Zentrum der Welt verschoben. Afghanistan, Irak, Syrien – jene Länder, deren Namen zwei Jahrzehnte lang fast synonym mit dem globalen Dschihadismus waren – sind statistisch vom Sahel abgelöst worden. Mehr als die Hälfte der weltweiten Todesfälle durch Terrorismus entfiel 2024 auf diese Region; fünf der zehn am stärksten betroffenen Länder lagen dort. Burkina Faso stand zum zweiten Mal in Folge an der Spitze des Global Terrorism Index, Niger verzeichnete mit 930 Toten einen Anstieg um 94 Prozent. Was vor anderthalb Jahrzehnten als Randzone des internationalen Dschihadismus erschien, ist dessen tödlichster Schauplatz geworden.
Die Zahlen verführen zu einer einfachen Geschichte: Terroristen breiten sich aus, weil niemand sie rechtzeitig stoppt. Tatsächlich ist die Geschichte des Sahel komplizierter und unangenehmer. Denn an militärischen Versuchen, die Expansion aufzuhalten, herrschte kein Mangel. Frankreich intervenierte, UN-Soldaten kamen, europäische Spezialkräfte wurden entsandt, die USA bauten Aufklärungs- und Drohnenkapazitäten auf, regionale Armeen wurden ausgebildet, später traten Wagner und das russische Afrika-Korps auf. Trotzdem – und teilweise während dieser Interventionen – wanderte die Gewalt vom Norden Malis nach Zentralmali, Burkina Faso und Niger und schließlich in Richtung Benin und Togo.
Der Sahel ist deshalb nicht nur die Geschichte eines Erfolgs dschihadistischer Organisationen. Er ist ebenso die Bilanz einer Staats- und Sicherheitsordnung, die jahrelang glaubte, politische Herrschaft lasse sich dort stabilisieren, wo ihre gesellschaftlichen Voraussetzungen zerfallen. Der militärische Staat wurde verstärkt, während der soziale Staat in vielen ländlichen Gebieten eine Abstraktion blieb. In diese Lücke stießen Organisationen, die nicht nur Bomben legen, sondern Steuern eintreiben, Viehhandel kontrollieren, Konflikte schlichten und Regeln durchsetzen. Das Verstörende daran ist nicht, dass der Staat verschwunden wäre. Es ist, dass andere gelernt haben, einige seiner Funktionen zu übernehmen.
Der Krieg kommt aus Libyen
Der Ausgangspunkt der heutigen Krise liegt nicht in einer plötzlichen religiösen Radikalisierung Westafrikas. Die Vorgeschichte reicht über die algerischen Dschihadisten der 1990er-Jahre und Al-Qaida im Islamischen Maghreb zurück, doch der entscheidende Beschleuniger war der Zusammenbruch Libyens 2011. Mit dem Sturz Muammar al-Gaddafis zerfiel nicht nur ein Regime. Waffen und kampferfahrene Tuareg gelangten nach Mali und trafen dort auf einen alten Konflikt zwischen dem Zentrum und dem Norden. Anfang 2012 rebellierte die Nationale Bewegung für die Befreiung von Azawad. Mit ihr kämpften zunächst islamistische Gruppen wie AQIM, MUJAO und Ansar Dine.
Das Bündnis hielt nur so lange, wie der gemeinsame Gegner wichtiger war als die unterschiedlichen Ziele. Nachdem die malische Armee zurückgedrängt worden war, verdrängten die Islamisten ihre ehemaligen separatistischen Verbündeten und versuchten, ihre eigene Ordnung durchzusetzen. Als sie Anfang 2013 weiter nach Süden vorrückten und Konna einnahmen, intervenierte Frankreich. Operation Serval schlug die Dschihadisten aus den Städten zurück. Was sie nicht zerstörte, war das gesellschaftliche Gelände, auf dem der Aufstand fortbestehen konnte.
Hier beginnt das Missverständnis, das die folgenden Jahre prägte. Ein Gegner, der Territorium hält, lässt sich bombardieren, vertreiben und anhand eroberter Städte vermessen. Ein Aufstand, der sich in lokale Konflikte einschreibt, funktioniert anders. Die Dschihadisten wichen in ländliche Räume und Grenzgebiete aus, während der Konflikt nach Zentralmali und später nach Burkina Faso und Niger wanderte. 2017 vereinigten sich mehrere Al-Qaida-nahe Gruppen zur Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin, kurz JNIM. Daneben etablierte sich der Islamische Staat in der Großsahara, aus dem der heutige IS Sahel hervorging.
Die französische Intervention hatte damit ein militärisches Problem gelöst und ein politisches offengelassen. Sie verhinderte 2013 den weiteren Vormarsch der Dschihadisten, aber nicht deren Verwandlung. Aus Organisationen, die im Norden Malis territoriale Herrschaft errichten wollten, entstanden bewegliche Aufstandsnetzwerke, die dort Anschluss fanden, wo Konflikte um Land, Wasser, Vieh, lokale Macht und staatliche Gewalt bereits existierten. Der Dschihad wurde nicht einfach exportiert. Er lokalisierte sich.
Die soziale Infrastruktur des Aufstands
Von „schwacher Regierungsführung“ ist in fast allen Analysen des Sahel die Rede. Der Ausdruck ist richtig und zugleich bequem. Er klingt, als habe jemand beim Regieren schlecht aufgepasst. Tatsächlich bezeichnet er eine räumlich und gesellschaftlich höchst ungleich verteilte Staatlichkeit. In vielen Sahelstaaten konzentrieren sich Verwaltung, Infrastruktur und politische Macht in den Städten und im Süden, während abgelegene ländliche Regionen nur sporadisch mit staatlichen Dienstleistungen, sehr wohl aber mit Polizei, Militär oder Steuerforderungen Bekanntschaft machen. Korruption, fehlende Gesundheits- und Bildungsangebote, Arbeitslosigkeit und politische Marginalisierung verbinden sich dort mit Konflikten um knapper werdende Ressourcen.
Der Klimawandel verschärft diese Konkurrenz. Die Temperaturen in der Region steigen schneller als im globalen Durchschnitt; Land und Wasser werden knapper, während ein großer Teil der Bevölkerung von Landwirtschaft und Viehzucht abhängt. Daraus folgt allerdings nicht die mechanische Formel „Klimawandel erzeugt Terrorismus“. Entscheidend ist, wie gesellschaftliche Konflikte bearbeitet werden. Wo Hirten und Bauern um Zugang zu Land konkurrieren, wo Gerichte fern oder korrupt erscheinen und Sicherheitskräfte ganze Bevölkerungsgruppen unter Kollaborationsverdacht stellen, wird der lokale Streit politisierbar.
Genau darin liegt eine Stärke der Dschihadisten. JNIM kann lokale Missstände in Rekrutierung und Loyalität übersetzen; ihre Kämpfer treten je nach Gebiet als Beschützer, Vermittler oder Richter auf. Das bedeutet keineswegs, dass die Bevölkerung ihre Ideologie teilt. Zustimmung, Duldung, Angst und Opportunismus lassen sich in einem Bürgerkrieg kaum sauber trennen. Wer zwischen einer abwesenden Verwaltung, einem übergriffigen Soldaten und einem bewaffneten Akteur wählen muss, der zumindest berechenbare Regeln anbietet, trifft keine Entscheidung im politikwissenschaftlichen Seminar.
Gerade deshalb greift die Vorstellung von „Radikalisierung“ zu kurz, wenn sie vor allem nach extremistischer Ideologie sucht. Die Dschihadisten bieten nicht bloß eine Weltanschauung an. Sie greifen in bestehende Macht- und Verteilungskonflikte ein. Ihre religiöse Ordnung wird konkurrenzfähig, wenn die staatliche Ordnung als willkürlich, käuflich oder schlicht nicht vorhanden erfahren wird. Der Aufstand besitzt damit eine soziale Infrastruktur, die sich nicht aus Waffenlagern bombardieren lässt.
Ein Staat neben dem Staat
JNIM und IS Sahel sind Terrororganisationen, aber wer sie ausschließlich als Ansammlungen bewaffneter Fanatiker beschreibt, versteht ihre Haltbarkeit nicht. In Teilen ihrer Einflussgebiete entwickeln sie Formen von Herrschaft. JNIM erhebt Abgaben, reguliert Handel und setzt soziale Vorschriften durch. In stärker kontrollierten ländlichen Gemeinden reichen die Regeln bis zu Kleidung, Hochzeitsfeiern und Geschlechtertrennung. IS Sahel wiederum hat eine Verwaltungsstruktur mit Schura-Rat, Militär-, Logistik-, Medien- und Rechtsapparat aufgebaut; in seinen Kerngebieten bewegt sich die Organisation von episodischer Massengewalt zu territorialer Kontrolle.
Diese Ordnung ist repressiv und mit brutaler Gewalt abgesichert. Aber gerade deshalb sollte man sie als Herrschaft ernst nehmen. Denn Herrschaft benötigt materielle Grundlagen. JNIM verdient an Verkehrswegen, Vieh, Entführungen, Gold und anderen Waren. In Mali erwirtschaftete die Gruppe nach Recherchen, die die BBC zitiert, allein in einem Distrikt innerhalb eines Jahres 770.000 US-Dollar mit Viehhandel; außerdem besteuert sie Gold und Warenströme durch kontrollierte Gebiete. Paterson beziffert JNIMs Einnahmen aus Erpressung an Verkehrskorridoren, handwerklichem Bergbau und Entführungen auf jährlich 18 bis 35 Millionen Dollar.
Dabei ist die Grenze zwischen „legaler“ und „illegaler“ Ökonomie weniger eindeutig, als der Begriff Terrorfinanzierung suggeriert. Vieh muss verkauft, Gold transportiert, Ware über Straßen bewegt werden. Dschihadistische Gruppen verdienen nicht nur, indem sie selbst schmuggeln oder stehlen, sondern indem sie die Bedingungen kontrollieren, unter denen andere wirtschaften. Sie besteuern Zirkulation. Wo der Staat keine zuverlässige Sicherheit garantiert, verkaufen sie Schutz – gelegentlich vor jener Unsicherheit, die sie selbst erzeugen. Das ist Erpressung, aber eine politisch produktive: Wer Steuern eintreibt, Handelswege reguliert und Streit entscheidet, beansprucht nicht bloß Einkommen, sondern Souveränität.
Der Ressourcenreichtum des Sahel bildet deshalb keinen Gegenpol zu seiner Armut. Gold, Uran, Vieh und Transitrouten schaffen Einkommen, ohne notwendig öffentliche Institutionen zu finanzieren. Die entscheidende Frage lautet, wer Zugriff auf diese Ströme besitzt. Der Aufstand lebt nicht außerhalb der Ökonomie. Er lebt von ihr.
Die Sicherheitsmaschine
Seit 2013 wurde im Sahel eine bemerkenswerte Menge militärischer Infrastruktur aufgebaut. Frankreich weitete Serval zur regionalen Operation Barkhane aus; zeitweise waren 5.100 französische Soldaten im Einsatz, begleitet von rund 15.000 UN-Kräften. Hinzu kamen die G5-Sahel-Truppe, europäische Einheiten und amerikanische Soldaten, Berater und Drohnenkapazitäten. Gemessen an diesem Aufwand müsste die Geschichte des Sahel eine Geschichte der Eindämmung sein. Sie wurde eine der Expansion.
Das heißt nicht, dass die Interventionen wirkungslos waren. Französische Truppen verhinderten 2013 den Fall weiterer malischer Gebiete und töteten zahlreiche dschihadistische Kommandeure. Auch militärischer Druck begrenzt Handlungsspielräume. Aber taktischer Erfolg und politische Stabilisierung sind verschiedene Dinge. Wenn eine Operation Kämpfer tötet, während die Bedingungen ihrer Rekrutierung fortbestehen, produziert sie bestenfalls eine Pause. Wenn Sicherheitskräfte dabei Zivilisten misshandeln oder töten, kann aus Terrorismusbekämpfung sogar Rekrutierungshilfe werden.
Gerade hier liegt die fatale Rückkopplung. Menschenrechtsverletzungen durch staatliche Sicherheitskräfte untergruben die regionalen Gegenstrategien schon vor den jüngsten Militärregimen. Die Juntas verschärften das Problem. In Mali, Burkina Faso und Niger kamen sie mit dem Versprechen an die Macht, jene Sicherheit herzustellen, an der zivile Regierungen und westliche Partner angeblich gescheitert waren. Doch die Gewalt nahm weiter zu. Gleichzeitig wurden Journalisten, Kritiker, Richter und zivilgesellschaftliche Akteure unter Druck gesetzt – ausgerechnet jene Stimmen also, die staatliches Versagen sichtbar machen könnten.
Die Pointe ist bitter: Der Staat reagiert auf seinen Legitimitätsverlust mit der Ausweitung jener Zwangsmittel, die Legitimität nicht erzeugen können. Wer Kritik als Sicherheitsproblem behandelt, verbessert nicht die Sicherheitslage; er verbessert die Statistik der Zustimmung. Die Militärregierung kann dann Stärke inszenieren, während ihre tatsächliche Kontrolle über das Territorium schrumpft.
Neue Partner, alte Logik
Der Bruch mit dem Westen schien zunächst einen Ausweg zu bieten. Frankreich zog 2022 aus Mali ab, später auch aus Burkina Faso; die USA beendeten 2024 ihren militärischen Abzug aus Niger. Mali, Burkina Faso und Niger rückten politisch zusammen und orientierten sich sicherheitspolitisch stärker an Russland. Wagner und später das Afrika-Korps boten den Juntas etwas, das westliche Partner zunehmend nur unter Bedingungen liefern wollten: militärische Unterstützung ohne Forderung nach demokratischer Öffnung oder Regierungsreformen.
Das änderte den Partner, nicht aber das Prinzip. Wieder sollte militärische Überlegenheit ein politisches Problem lösen. Nach Paterson stieg die Gewalt unter Beteiligung russischer Söldner in Mali, während russische Kräfte zugleich selbst schwere Verluste erlitten. ADF kommt zu einem ähnlich skeptischen Befund: Harte Reaktionen militärgeführter Regierungen und der Einsatz unkontrollierter Söldner hätten die Krise kaum eingedämmt und könnten sie verschärfen.
Dabei wäre es ebenso bequem, aus dem Scheitern Russlands nachträglich den Erfolg des Westens zu konstruieren. Auch unter Barkhane breitete sich der Aufstand aus. Die westliche Sicherheitsarchitektur verfügte über bessere Aufklärung und erhebliche militärische Fähigkeiten, doch ihre politische Bilanz war offenkundig unzureichend. Paterson betont den Verlust westlicher Nachrichtendienstkapazitäten nach dem Rückzug und sieht einen Zusammenhang mit den jüngsten Erfolgen der Aufständischen. Diese Diagnose widerspricht nicht der Kritik an der früheren Strategie; sie macht vielmehr deren Dilemma sichtbar. Militärische Präsenz konnte Dschihadisten begrenzen, aber nicht die Krise lösen. Ihr Rückzug beseitigte dann selbst diese Begrenzung.
Das Resultat ist kein sauberer Übergang von einer westlichen zu einer russischen Sicherheitsordnung, sondern ein Wettbewerb externer Mächte in Staaten mit sinkender territorialer Kontrolle. Die Regime gewinnen neue Schutzpatrone, während die Bevölkerung nicht notwendig mehr Schutz gewinnt. Souveränität wird beschworen, weil ihre materielle Grundlage erodiert.
Die Grenze wandert nach Süden
Inzwischen reicht die Krise über Mali, Burkina Faso und Niger hinaus. Gewaltereignisse mit Bezug zu militanten Sahelgruppen in oder nahe den westafrikanischen Küstenstaaten nahmen binnen zwei Jahren um mehr als 250 Prozent zu; besonders Benin und Togo sind betroffen. JNIM ist dabei erfolgreicher als IS Sahel. Die Crisis Group warnt jedoch vor einer allzu mechanischen Vorstellung einer unaufhaltsamen Eroberungsbewegung: Innerhalb von JNIM bestehen Spannungen zwischen lokalen Verbänden, die von Expansion profitieren, und einer Führung, die Überdehnung und organisatorische Zersplitterung fürchtet. ACLED wiederum zeigt, dass Versuche des IS Sahel, sich in Benin festzusetzen, bislang unter anderem an Konkurrenz mit JNIM und lokalen Dynamiken scheiterten.
Diese Unterschiede sind wichtig. „Der Dschihadismus“ marschiert nicht wie eine einheitliche Armee zum Golf von Guinea. Gruppen konkurrieren miteinander, verfolgen unterschiedliche Strategien und sind von lokalen Bündnissen abhängig. Gerade darin liegt aber die Warnung für die Küstenstaaten. Wenn sie den Sahel lediglich als militärische Ansteckungszone behandeln, können sie jene Bedingungen selbst erzeugen, von denen die Aufständischen profitieren. Die Crisis Group rät deshalb Staaten, die noch nicht unter starkem dschihadistischem Druck stehen, ausdrücklich davon ab, vorschnell das Militär in Grenzregionen zu schicken. Willkürliche Verhaftungen und die pauschale Verdächtigung etwa transhumanter Hirten könnten Bevölkerungsgruppen erst in Opposition zum Staat treiben.
Der entscheidende Exportartikel des Sahel ist also nicht eine fertige Terrororganisation. Es ist eine politische Konstellation: periphere Regionen, schwache öffentliche Dienstleistungen, umkämpfte Ressourcen, Sicherheitskräfte mit geringer lokaler Legitimität und Regierungen, die auf daraus entstehende Konflikte vor allem militärisch reagieren. Wo diese Konstellation reproduziert wird, finden JNIM oder andere bewaffnete Akteure Anschlussmöglichkeiten.
Fast anderthalb Jahrzehnte Terrorismusbekämpfung haben damit ein eigentümliches Ergebnis hervorgebracht. Der Staat besitzt mehr Waffen, seine Gegner besitzen mehr Raum. Die internationalen Partner wechselten, die Grundannahme blieb: Sicherheit werde hergestellt, indem genügend bewaffnete Männer die richtigen bewaffneten Männer besiegen. Doch im Sahel entscheidet sich der Konflikt nicht allein darüber, wer eine Militärbasis hält. Er entscheidet sich darüber, wer Steuern erheben kann, ohne sofort vertrieben zu werden; wer einen Streit um Weideland schlichtet; wer eine Straße kontrolliert; wer Schutz glaubwürdig verspricht und wer von der Bevölkerung als größere Gefahr erlebt wird.
Dschihadistische Herrschaft ist keine emanzipatorische Alternative zu einem versagenden Staat. Sie ist autoritär, gewaltsam und parasitär. Aber gerade deshalb ist ihr Erfolg politisch so vernichtend: Sie muss nicht gut regieren. Es genügt, wenn der Staat schlechter erscheint. Solange Terrorismusbekämpfung diesen Wettbewerb auf die Frage reduziert, wer über mehr Feuerkraft verfügt, wird sie weiter Symptome bekämpfen und ihre Voraussetzungen konservieren. Die neue Front des Dschihad verläuft deshalb nicht zuerst zwischen Sahel und Küste. Sie verläuft durch Gesellschaften, in denen der Staat seine Bürger vor allem dann erreicht, wenn er etwas von ihnen verlangt oder sie verdächtigt.