Sudan: Das Protokoll der Ohnmacht
23 Jahre nach den nahezu vollendeten Völkermordverbrechen in Darfur und nur zehn Monate nach den Massakern von El Fasher droht sich das bekannte Muster erneut zu wiederholen: Wieder steht eine Stadt mit überwiegend nichtarabischer Bevölkerung vor einer Miliz, die aus den Janjaweed hervorgegangen ist und der eine arabisch-nationalistische, suprematistische Gewaltideologie sowie gezielte Verfolgung nichtarabischer Gemeinschaften vorgeworfen wird. Und wieder weiß die Welt, was geschehen könnte – bevor es geschieht.
Die Welt liebt Warnungen. Sie sind billig, moralisch dekorativ und verlangen zunächst nichts weiter als einen Konferenztisch, einen Pressesprecher und die Fähigkeit, das Wort „Besorgnis“ in verschiedenen Tonlagen auszusprechen. Im Sudan ist diese Vorliebe inzwischen zu einer eigenen politischen Gattung geworden. Die Vereinten Nationen sprechen von einer „unmittelbaren Gefahr von Massenverbrechen“, westliche Regierungen äußern „tiefe Besorgnis“, Washington erkennt „alarmierende Anzeichen dafür, dass Massenverbrechen unmittelbar bevorstehen könnten“. Man könnte meinen, die Welt bereite eine Rettungsmission vor. Tatsächlich bereitet sie vor allem ihre spätere Rechtfertigung vor.
Rund um El Obeid ziehen die Rapid Support Forces Kämpfer und schweres Gerät zusammen. Hunderttausende Menschen, darunter Zehntausende Vertriebene, sitzen in einer Stadt fest, deren strategische Bedeutung inzwischen ausführlicher beschrieben wird als das Schicksal ihrer Bewohner. Pipelines, Verkehrsachsen, Militärlogistik: Alles von größter Wichtigkeit. Die Menschen erscheinen in dieser Aufzählung oft wie ein nachträglicher Zusatz.
Dabei ist die politische Grammatik des Krieges denkbar einfach. Wer Kordofan kontrolliert, kontrolliert Transportwege, Ressourcen und einen erheblichen Teil der sudanesischen Wirtschaft. Wer El Obeid hält, entscheidet über die Verbindung zwischen Darfur und dem Osten des Landes. Aus militärischer Sicht ist die Stadt ein Objekt. Aus humanitärer Sicht ist sie eine Heimat. Im Krieg gewinnt gewöhnlich die erste Definition.
Die dritte Ankündigung
Der Zynismus dieses Konflikts besteht nicht darin, dass die Welt nichts weiß. Er besteht darin, dass sie alles weiß. Nach Darfur wusste man von den Folgen ethnischer Gewalt. Nach El Fascher wusste man, was geschieht, wenn eine belagerte Stadt fällt. Nun steht El Obeid vor einer ähnlichen Bedrohung, und wieder werden Berichte geschrieben, Resolutionen verabschiedet und Warnungen ausgesprochen.
Die Warnungen wiegen nicht deshalb schwer, weil irgendwo eine weitere Front zusammenbricht. Sie wiegen schwer, weil die Geschichte der Männer, die heute vor El Obeid stehen, nicht in Nord-Kordofan beginnt. Die Rapid Support Forces gingen aus den Janjaweed-Milizen die von einer arabisch-nationalistischen und suprematistischen Ideologie angetrieben wurden hervor, die während des Darfur-Krieges zu einem Synonym für ethnisierte Gewalt wurden. Menschenrechtsorganisationen, UN-Ermittler und Überlebende haben über Jahre dokumentiert, wie arabisch-suprematistische Milizen und ihre Verbündeten systematisch gegen nichtarabische „ Zurga“ Bevölkerungsgruppen wie namentlich die Fur, Masaalit und Zaghawa vorgingen. Die Organisationsformen haben sich verändert, die Uniformen wurden ausgetauscht und die Kommandostrukturen professionalisiert; die Furcht vieler Bewohner der südlichen Zentralregion Kordofan und El Obeid speist sich jedoch aus der Erfahrung, dass die Logik der Gewalt der RFS unverändert rassistisch geblieben ist. Wenn heute vor einem Angriff auf El Obeid gewarnt wird, geschieht das deshalb vor dem Hintergrund eines bereits dokumentierten Musters und nicht im luftleeren Raum militärischer Spekulation.
El Fasher war das jüngste Kapitel dieser Geschichte. Schon dort lagen Berichte über drohende Massaker, ethnisch motivierte Übergriffe und die Gefahr einer humanitären Katastrophe auf den Tischen internationaler Institutionen. Die Welt wusste, was mit einer Stadt geschieht, die eingeschlossen, ausgehungert und schließlich militärisch überwältigt wird – und dennoch blieb die politische Reaktion hinter der Dringlichkeit der Warnungen zurück. Genau deshalb erscheint El Obeid vielen Sudanesen nicht als neue Krise, sondern als die dritte Ankündigung derselben Tragödie: zuerst Darfur, dann El Fasher und nun Kordofan. Der eigentliche Skandal besteht nicht darin, dass die internationale Gemeinschaft die Gefahr unterschätzt, sondern darin, dass sie die Wiederholung eines bekannten Gewaltmusters erkennt und trotzdem vor allem ihre Besorgnis verwaltet.
Fast möchte man den Vereinten Nationen für ihre Präzision gratulieren. Selten wurde eine mögliche Katastrophe so sorgfältig angekündigt. Der Sicherheitsrat warnt vor Massenverbrechen, Hilfsorganisationen verweisen auf die Gefahr ethnischer Säuberungen , europäische Regierungen mahnen zur Zurückhaltung. Es fehlt lediglich die Antwort auf die unangenehme Frage, warum all diese Erkenntnisse politisch so folgenlos bleiben.
Denn die Katastrophe beginnt nicht erst, wenn die ersten Milizionäre in die Stadt einrücken. Sie beginnt, wenn Stromnetze zerstört werden, Wasserleitungen versiegen und Krankenhäuser schließen müssen. Genau das geschieht bereits. Drohnenangriffe haben Umspannwerke, Treibstofflager und zivile Infrastruktur getroffen. Tausende Haushalte sind ohne Wasser, medizinische Einrichtungen mussten ihren Betrieb einschränken, die Preise für lebensnotwendige Güter steigen dramatisch.
Die moderne Belagerung braucht keine Stadtmauern mehr. Sie operiert mit Stromausfällen und kaputten Pumpen. Früher schnitt man Handelswege ab; heute genügt ein Angriff auf ein Umspannwerk. Das Ergebnis bleibt dasselbe: Die Bevölkerung wird zermürbt, lange bevor die eigentliche Schlacht beginnt.
Dennoch spricht die internationale Debatte über El Obeid häufig in der Zukunftsform. Man warnt vor dem, was geschehen könnte, während das, was bereits geschieht, sprachlich in den Konjunktiv verbannt wird. Die politische Klasse des Westens scheint überzeugt zu sein, dass eine humanitäre Katastrophe erst dann beginnt, wenn CNN die Bilder sendet.
Humanität und Interessen
Der Sudan wird gern als tragischer Bürgerkrieg beschrieben, als Zusammenstoß lokaler Akteure in einem fernen Land. Das ist bequem, weil es die Verantwortung verteilt und damit verdünnt. Tatsächlich ist der Konflikt längst Teil regionaler Machtkämpfe. Gegen die Vereinigten Arabischen Emirate stehen Vorwürfe im Raum, die RSF militärisch unterstützt zu haben; Abu Dhabi weist sie zurück. Gleichzeitig wird berichtet, dass die sudanesische Armee Waffen aus Russland, der Türkei und dem Iran erhalten habe.
Die internationale Gemeinschaft verurteilt also einen Krieg, an dessen materiellen Voraussetzungen ihre eigenen Partner und Verbündeten beteiligt sind. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Strukturprinzip moderner Außenpolitik. Menschenrechte gelten als universell, solange sie nicht mit geopolitischen Interessen kollidieren. Sobald Pipelines, Einflusszonen oder strategische Allianzen ins Spiel kommen, verwandelt sich moralische Entschlossenheit erstaunlich schnell in diplomatische Vorsicht.
Gerade darin liegt die eigentliche Tragödie von El Obeid. Die Stadt droht nicht deshalb unterzugehen, weil niemand die Gefahr erkennt. Sie droht unterzugehen, weil die Anerkennung der Gefahr politisch längst als ausreichende Handlung gilt. Die Warnung ersetzt das Eingreifen. Die Erklärung ersetzt die Konsequenz. Das Mitgefühl ersetzt die Verantwortung.
Natürlich wäre es naiv zu glauben, jede Katastrophe ließe sich verhindern. Internationale Politik ist kein allmächtiges Instrument, und Bürgerkriege folgen selten der Logik diplomatischer Appelle. Aber zwischen Allmacht und demonstrativer Hilflosigkeit liegt ein breites Feld politischen Handelns: Druck auf Waffenlieferanten, wirksame Sanktionen, humanitäre Korridore, unabhängige Ermittlungen und ernsthafte diplomatische Initiativen. Dass vieles davon ausbleibt, ist keine Naturgewalt, sondern eine politische Entscheidung.
Der Westen wird später erklären, man habe gewarnt. Das stimmt sogar. Man wird Resolutionen zitieren, Presseerklärungen vorlegen und auf die zahlreichen Appelle verweisen. Die Archive werden voll sein. Vielleicht besteht der eigentliche Zweck moderner Diplomatie längst darin, die eigene Unschuld zu dokumentieren.
El Obeid ist deshalb mehr als eine Stadt in Nord-Kordofan. Sie ist ein Prüfstein für eine internationale Ordnung, die Katastrophen immer genauer analysiert und immer schlechter verhindert. Sollte die Stadt fallen und sollten die befürchteten Verbrechen eintreten, wird niemand behaupten können, er habe nichts gewusst.
Die Frage wird eine andere sein: Welchen Wert besitzen Warnungen in einer Welt, die sie längst mit Handlung verwechselt?