Sudan zwischen Drohnen, Gold und Gottesstaat
Wie Iran, Islamisten und regionale Mächte den Krieg verlängern, Ägypten unter Druck setzen und das Rote Meer zum nächsten Schauplatz ihrer Konkurrenz machen.
Seit April 2023 zerreißt der Krieg zwischen den sudanesischen Streitkräften (SAF) unter General Abdel Fattah al-Burhan und den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) unter Muhammad Hamdan Dagalo, genannt Hemedti, den Sudan. Der Konflikt ist aus einem Bruderkampf zweier bewaffneter Apparate entstanden. Doch er wird längst von außen gespeist. Iran unterstützt die SAF nach den vorliegenden Berichten mit Drohnen, Technik und Logistik; islamistische Netzwerke des gestürzten Regimes von Omar al-Bashir liefern Kämpfer und politischen Rückhalt. Zugleich stützen andere Regionalmächte, allen voran die Vereinigten Arabischen Emirate die die Rapid Support Forces und andere, mit der SAF konkurrierende Lager, sichern Handelswege, Goldströme und Einfluss. So verwandelt sich ein innerer Krieg in eine regionale Ordnungspolitik mit sudanesischen Leichen.
Die strategischen Folgen reichen über Khartum und Darfur hinaus. Eine dauerhafte iranische Präsenz an der sudanesischen Küste könnte Ägyptens Südgrenze belasten, Teherans Einfluss am Roten Meer mit den Huthis im Jemen verbinden und die Schifffahrt zwischen Bab al-Mandab, Golf von Aden und Suezkanal zusätzlich gefährden. Im Innern wächst zugleich die Gefahr einer dauerhaften Teilung: hier eine von der SAF kontrollierte Staatsfassade mit alten islamistischen Kadern, dort ein RSF-Machtgebiet mit eigener Regierung, eigenen Einnahmen und eigenen ausländischen Patronen. Beide Seiten sprechen im Namen des Sudan. Beide machen ihn kleiner.
Alte Bündnisse, neue Munition
Die Verbindung zwischen dem sudanesischen Islamismus und Iran begann nicht mit dem jetzigen Krieg. Nach dem Putsch von 1989 errichteten Omar al-Bashir und die Nationale Islamische Front unter Hassan al-Turabi einen Staat, in dem Militär, Sicherheitsdienste, Partei und islamistische Bewegung ineinandergriffen. Iran galt als Vorbild dafür, wie eine religiös begründete Bewegung den Staat erobern und halten konnte. Teheran bildete sudanesische Sicherheitskräfte aus und beteiligte sich am Aufbau der Rüstungsindustrie. Die Yarmouk-Fabrik, die Waffen für SLF produzierte, und sich „in den 1990er und 2000er Jahren teilweise im Besitz des Iran“ befand, wird als ein Kernstück dieser Zusammenarbeit beschrieben
Die Bindung hielt allerdings nur so lange, wie sie der Staatsführung nutzte. Nach der Abspaltung des Südsudan 2011 verlor Khartum einen großen Teil seiner Öleinnahmen. Gelder aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden wichtiger als revolutionäre Verwandtschaft. Sudan entsandte 2015 Truppen in den Jemen und brach 2016 die diplomatischen Beziehungen zu Iran ab. Das Bekenntnis zur islamischen Einheit endete vorläufig am Kontostand.
Der Krieg von 2023 änderte die Rechnung. Als die RSF Gebiete in Khartum und Gezira eroberte, benötigte die SAF Waffen, die schnell verfügbar waren. Im Juli 2024 nahmen Sudan und Iran ihre diplomatischen Beziehungen wieder auf. Berichte schreiben Teheran die Lieferung von Mohajer-6- und Ababil-3-Drohnen zu. Diese Systeme sollen der Armee bei Aufklärung und Angriffen geholfen und zu Geländegewinnen in Omdurman und Bahri beigetragen haben.
Heilbrunn und Silverman formulierten vorsichtiger: Nicht jedes Land, das iranische Drohnen kaufe, werde dadurch zu einem Stellvertreter Irans. Der Hinweis ist wichtig. Waffenabhängigkeit ist noch keine Gefolgschaft; sie kann aber der Anfang davon sein.
Die Quellen nennen neben den Drohnen technische Beratung, Munition, logistische Hilfe und nachrichtendienstliche Unterstützung. Mehrere Beiträge behaupten zudem eine Beteiligung der Quds-Einheit der Revolutionsgarden. Nicht alle Angaben sind unabhängig bestätigt. Einige stammen aus Publikationen mit erkennbarer politischer Positionierung. Als belastbarer Kern bleibt: Die SAF erhielt durch iranische Unterstützung militärischen Spielraum, während Teheran politischen Zugang zu einem Staat am Roten Meer zurückgewann.
Die Rückkehr der Islamisten in Uniform
Der Krieg hat die Netzwerke des Bashir-Regimes reaktiviert. Ehemalige Geheimdienstoffiziere, Kader der islamistischen Bewegung und Reste früherer Volksverteidigungskräfte kämpfen aufseiten der SAF. Die Al-Baraa-Bin-Malik-Brigade gilt in mehreren Quellen als deren sichtbarste Formation. Ayoub spricht von mehr als 20.000 mobilisierten Kämpfern und bezeichnet die Brigade als ideologische Stoßtruppe innerhalb der SAF-Struktur. Radio Dabanga nennt unter Berufung auf das US-Außenministerium dieselbe Größenordnung.
Die Zahl ist politisch bedeutsam, allerdings quellenkritisch heikel. Gleiches gilt für den Vorwurf, Kämpfer der Brigade hätten Massenhinrichtungen verübt und Menschen nach ethnischer Zugehörigkeit oder vermuteter Unterstützung der Opposition ausgewählt. Diese Vorwürfe verlangen Untersuchung. Ihre Wiederholung allein ersetzt den Beleg nicht. Allerdings machen sie Meldungen von Humanitären NGOs wie Médecins Sans Frontières (Akk. Ärzte ohne Grenzen), Human Right Watch und Oppositioneller Preese wie Horn Review, Radio Dabanga, Sudan Tribune, Al-Taghyir und Radio Tamazuj, um nur einige zu nennen.
Die Bedeutung der Brigade liegt jedoch nicht nur in ihrer behaupteten Stärke. Die SAF braucht Bodentruppen. Die Islamisten brauchen Zugang zum Staat. Aus diesem Tausch entsteht ein Bündnis, in dem beide Seiten voneinander abhängig sind und einander zugleich misstrauen.
Al-Burhan soll vor einer offenen Solidarität mit Teheran gewarnt haben, nachdem die Brigade Anfang 2026 Iran öffentlich unterstützt hatte. Darin zeigt sich die Grenze der Allianz: Der General benötigt iranische Waffen, will aber nicht notwendig iranische Vormundschaft. Die islamistischen Hardliner trennen das eine weniger gern vom anderen.
Washington hat die sudanesische Muslimbruderschaft und ihren bewaffneten Arm am 10. März 2026 als Terrororganisation eingestuft und nennt den 16. März 2026 als Wirksamkeitsdatum.
Nicht nur die Realen Sanktionen infolge der Einstufung, sondern bereits die Aussicht auf Sanktionen verschärften den Widerspruch innerhalb des SAF-Lagers. Je enger die Armee mit einer gelisteten Organisation kooperiert, desto größer werden ihre finanziellen und diplomatischen Risiken. Für al-Burhan kann der internationale Druck deshalb Anlass sein, islamistische Hardliner einzuhegen. Er kann aber ebenso dazu führen, dass sich diese Gruppen noch enger an Iran binden. Druck erzeugt nicht automatisch Mäßigung. Manchmal erzeugt er nur festere Lager.
Ägyptens Grenze ...
Für Ägypten verbindet der Krieg drei Risiken. Erstens grenzt das Land an einen zerfallenden Staat. Flüchtlingsbewegungen, Waffenhandel und Schmuggel lassen sich an einer langen Wüstengrenze nicht mit Presseerklärungen aufhalten. Zweitens betrachtet Kairo die Muslimbruderschaft als innenpolitische Bedrohung. Ein bewaffnetes islamistisches Netzwerk im Sudan berührt daher nicht nur die Außenpolitik, sondern die Sicherheitsdoktrin des ägyptischen Staates.
Drittens unterstützt Ägypten traditionell die SAF. Kairo sieht in einem einheitlichen, militärisch geführten Sudan eher einen berechenbaren Nachbarn als in einem Flickenteppich konkurrierender Milizen. Darin liegt jedoch ein Widerspruch: Die SAF gilt Ägypten als Bollwerk gegen den Zerfall, ist aber auf Kräfte angewiesen, die der ägyptische Staat ideologisch bekämpft. Je stärker islamistische Brigaden innerhalb des SAF-Lagers werden, desto schwerer kann Kairo zwischen staatlicher Armee und Muslimbruderschaft unterscheiden. Die Grenze wird dann nicht nur geografisch durchlässig, sondern politisch.
Eine dauerhafte Teilung Sudans würde diesen Druck erhöhen. Flüchtlingsrouten könnten sich verstetigen, Schmuggelnetze professionalisieren und bewaffnete Gruppen in Grenzregionen dauerhafte Rückzugsräume gewinnen. Zugleich müsste Ägypten entscheiden, ob es eine SAF-geführte Ordnung auch dann stützt, wenn deren islamistische Bestandteile mehr Einfluss erhalten.
... und Irans Küste
Hinzu kommt die Küste. Teheran wird seit Jahren ein Interesse an Hafen- oder Marinekapazitäten bei Port Sudan zugeschrieben. Es gibt dazu Berichte über Verhandlungen, strategische Absichten und mögliche Stützpunktrechte, aber keinen Beleg für einen tatsächlich eingerichteten iranischen Marinestützpunkt.
Schon eine begrenzte iranische Logistikpräsenz hätte dennoch Gewicht. Sudan liegt gegenüber der Arabischen Halbinsel und nördlich der Meerenge Bab al-Mandab. Iran unterstützt die Huthis im Jemen, deren Angriffe gezeigt haben, wie sich zivile Schifffahrt mit vergleichsweise begrenzten Mitteln verteuern und auf andere Routen zwingen lässt.
Eine Verbindung zwischen jemenitischen Stellvertretern und sudanesischer Infrastruktur könnte Teherans Beobachtungs-, Versorgungs- und Druckmöglichkeiten erweitern. Das bedeutet nicht, dass Iran das Rote Meer von beiden Ufern kontrollieren könnte. Es bedeutet, dass Versicherer, Reedereien und Regierungen bereits auf diese Möglichkeit reagieren müssten.
Für Ägypten betrifft dies unmittelbar den Suezkanal. Weniger Schiffsverkehr bedeutet geringere Einnahmen und höheren wirtschaftlichen Druck. Für die Golfstaaten geht es um Energieexporte und Hafensicherheit, für Europa und Asien um Lieferzeiten und Kosten. Der Sudan wird damit von der vermeintlichen Peripherie zum Glied einer Kette, deren schwächster Punkt meist dort liegt, wo man lange nicht hinsah.
Khuzaie warnt, eine Verschlechterung der Sicherheitslage könne den internationalen Schiffsverkehr und die Energieversorgung beeinträchtigen. Die Warnung ist plausibel, ihre zugespitzte Folgerung aber nicht automatisch bewiesen. Eine iranische Präsenz in Port Sudan wäre ein zusätzlicher Risikofaktor. Sie wäre noch keine zweite Huthi-Front. Analyse beginnt dort, wo Möglichkeit und Fähigkeit nicht verwechselt werden.
Die RSF: Gegenmacht ohne Gegenentwurf
Eine Untersuchung des iranisch-islamistischen Bündnisses wird falsch, sobald sie die RSF zur denkbaren Alternative erklärt. Hemedtis Truppe ging aus den Janjaweed-Milizen hervor, den ausführenden des Völkermordes gegen die nicht-arabische Bevölkerung in Darfur, der im Februar 2003 begann und bis 2021 andauerte und baute ihre Macht auf Gewalt, Grenzhandel und Gold. Ihr und verbündeten Milizen werden ethnisch motivierte Massaker, Vertreibungen, sexualisierte Gewalt und andere schwere Verbrechen vorgeworfen. Dass die SAF mit Islamisten kooperiert, macht aus der RSF keine zivile Bewegung. Zwei Täter ergeben noch keine Opposition.
Die RSF verfügt über eigene Einnahmen, Verbindungen zu Goldminen und grenzüberschreitende Handelswege. Gold ersetzt dabei nicht den Staat, finanziert aber seine bewaffneten Konkurrenten. Erträge aus Minen und Schmuggelrouten kommen vor allem den Kriegsparteien zugute, während die Zivilbevölkerung die Kosten trägt. Waffen, Treibstoff und Devisen zirkulieren über Netze, die Sudan mit Tschad, Libyen, Äthiopien und den Golfstaaten verbinden.
Bei den ausländischen Unterstützern ist aufgrund ständig wechselnder Bündnisse Vorsicht geboten. Verbindungen der RSF zu Akteuren in Tschad, Libyen, Äthiopien und den Vereinigten Arabischen Emiraten können aufgrund starker Beweise Als gesichert gelten. Sie zeigt aber ein Muster: Regionale Mächte behandeln Sudan nicht nur als Friedensproblem, sondern als Markt für Einfluss.
Humanitäre Hilfe und strategische Interessen
Humanitäre Hilfe und strategische Interessen schließen einander dabei nicht aus. Sie reisen bisweilen im selben Flugzeug, nur in verschiedenen Abteilungen.
Die von der RSF und ihren Verbündeten ausgerufene „Regierung für Frieden und Einheit“ verschärft die Spaltung. Auf der einen Seite stehen SAF-geführte Institutionen unter al-Burhan, auf der anderen eine RSF-Parallelordnung unter Hemedti. Beide Lager beanspruchen Staatlichkeit, kontrollieren aber vor allem Territorium, Waffen und Einnahmen.
Eine solche Doppelherrschaft kann sich verfestigen. Behörden, Steuern, Handelswege und Sicherheitsapparate richten sich dann nach Frontlinien statt nach einer gemeinsamen Rechtsordnung. Die Teilung muss nicht formell anerkannt sein, um im Alltag wirksam zu werden. Was als Provisorium beginnt, schafft Personal, Profiteure und Institutionen, die vom Fortbestand des Provisoriums leben.
Zivile Kräfte werden in beiden Lagern nicht angemessen vertreten. Gewerkschaften, Widerstandskomitees, Parteien und lokale Initiativen werden verfolgt, verdrängt oder zur Dekoration militärischer Bündnisse benutzt. Die Alternative zur SAF ist daher nicht automatisch die RSF. Die eigentliche Alternative wäre eine zivile Ordnung, die keiner der beiden bewaffneten Apparate aus eigenem Antrieb anstrebt.
Ein regionaler Krieg mit sudanesischem Namen
Iran sucht militärischen Zugang, politischen Einfluss und eine Position am Roten Meer. Ägypten will einen kontrollierbaren Nachbarn und fürchtet islamistische Rückwirkungen. Saudi-Arabien benötigt sichere Seewege und Einfluss auf eine mögliche Nachkriegsordnung.
Die Vereinigten Arabischen Emirate verbinden humanitäres Engagement mit wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen; Vorwürfe über eine Unterstützung der RSF bleiben dabei ein zentraler Streitpunkt. Die Türkei pflegt Beziehungen zu islamistischen Netzwerken und verfolgt Handels- und Hafeninteressen. Russland wirbt seit Jahren um Zugang zum Roten Meer sowie um Einfluss auf Rohstoff- und Sicherheitsstrukturen. Libysche Akteure und Netzwerke im Tschad wirken als Nachbarn, Vermittler und mögliche Nachschubkorridore.
Keiner dieser Akteure hat den Krieg allein geschaffen. Fast jeder trägt jedoch dazu bei, dass er länger geführt werden kann. Iranische Drohnen stärken die SAF. Gold und grenzüberschreitende Handelswege stützen die RSF. Waffen, Treibstoff, Geld und politische Deckung vermindern für beide Lager den Zwang zum Kompromiss. Friedensgespräche konkurrieren damit nicht nur mit Machtgier, sondern mit funktionierenden Geschäftsmodellen.
Israelische Quellen neigen teilweise dazu, eine „Achse“ aus Iran und Muslimbruderschaft zum Hauptschlüssel des Konflikts zu erklären. Diese Verbindung ist gefährlich, wie die aufgezeigten berichteten Waffenlieferungen, die Rückkehr islamistischer Kader und die strategischen Interessen Teherans reichen. Der Begriff der Achse kann jedoch auch bequem sein: Er ordnet die Welt, während die übrigen Sponsoren aus dem Bild treten.
Der Sudan zerfällt nicht nur unter iranischem Einfluss. Er zerfällt in einem Wettbewerb, in dem fast jede Regionalmacht Stabilität sagt und Zugriff meint.
Die zentrale Gefahr besteht deshalb in der Verbindung zweier Prozesse. Das iranisch-islamistische Bündnis stärkt innerhalb der SAF jene Kräfte, die einen zivilen Staat bereits unter Bashir verhindert haben. Die RSF baut zugleich eine Gegenordnung auf, deren Grundlage nicht demokratische Legitimation, sondern Gewalt, Gold und Patronage ist. Dazwischen schrumpft der politische Raum für jene Sudanesen, die weder unter Generälen noch unter Milizen leben wollen.
Ein einheitlicher Sudan wäre mehr als eine ungeteilte Landkarte. Er müsste bewaffnete Apparate einer zivilen Ordnung unterstellen, Kriegsökonomien offenlegen und externe Sponsoren an ihrem Beitrag zum Frieden statt an ihren Erklärungen messen. Solange jedoch jedes Lager aus dem Ausland genug erhält, um nicht zu verlieren, aber zu wenig, um zu siegen, bleibt der Krieg das stabile Ergebnis einer instabilen Ordnung.