Mittwoch, 02.09.2026 / 21:48 Uhr

Die Front endet nicht an Sudans Grenzen

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Im Sudan kämpfen Söldner aus verschiedensten Ländern

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Agenzia Nova (Bildquelle)

Söldner aus Kolumbien, Drohnen aus Iran, Goldgeschäfte mit russischen Netzwerken und Luftbrücken über Nachbarstaaten: Der Krieg zwischen RSF und Armee ist sudanesisch in seinen Ursachen – und international in seiner materiellen Infrastruktur.

Ein kolumbianischer Pass liegt im Staub von Nord-Darfur. Im November 2024 stoppt eine mit der sudanesischen Armee verbündete Koalition einen Konvoi, der aus Libyen gekommen ist. Ein Kämpfer filmt Dokumente und Munition. „Wir haben Söldner gefangen genommen“, sagt er. Unter den Papieren befindet sich der Pass eines Kolumbianers. Human Rights Watch hat die Aufnahmen später untersucht und sie in eine größere Rekonstruktion jener Wege eingeordnet, über die ausländische Militärdienstleister bis an die Front von El Fascher gelangten.

Der Pass erzählt damit mehr über diesen Krieg als manche Frontkarte. Seit April 2023 kämpfen die Sudanese Armed Forces (SAF) unter Abdel Fattah al-Burhan gegen die Rapid Support Forces (RSF) von Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti. Was als Machtkampf zweier Teile des sudanesischen Sicherheitsapparats begann, hat Koalitionen hervorgebracht, deren Finanzierung, Bewaffnung und Logistik weit über Sudan hinausreichen. Die RSF verfügen über Verbindungen in Nachbarstaaten und werden seit Jahren mit Unterstützung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten in Verbindung gebracht; die SAF setzt unter anderem iranische und türkische Drohnentechnik ein und erhält Rückhalt von Regionalmächten wie Ägypten.

Es wäre bequem, daraus einen Stellvertreterkrieg zu machen. Doch dafür ist die Sache zu unordentlich. Die äußeren Mächte steuern keine gehorsamen Figuren. Sie investieren in Akteure, die eigene ökonomische Grundlagen, Feindschaften und politische Ziele besitzen. Gerade das macht den Krieg so schwer zu beenden: Seine Infrastruktur ist international, seine Interessen sind es teilweise auch – seine Toten bleiben überwiegend sudanesisch.

Die exportierte Expertise

Besonders deutlich wird diese Internationalisierung bei den kolumbianischen Kämpfern auf Seiten der RSF. Human Rights Watch zufolge waren Medienberichten nach bereits im August 2024 mindestens 300 Kolumbianer im Einsatz. Die Organisation interviewte ehemalige Auftragnehmer und Militärangehörige, untersuchte Firmenunterlagen, Satellitenbilder und soziale Medien und lokalisierte spanischsprachige Kämpfer in und um El Fascher.

Die Männer waren offenbar nicht bloß zusätzliches Gewehrfutter. Nach Angaben sudanesischer Militärquellen sollen kolumbianische Auftragnehmer unter anderem beim Betrieb von Drohnen, moderner Artillerie und bei der Fluglogistik eingesetzt worden sein. Die Sudan Tribune berichtete im April 2026 von mehr als 850 ausländischen Staatsangehörigen auf Seiten der RSF und unterschied dabei zwischen professionellen Militärdienstleistern und irregulären Kämpfern aus Nachbarstaaten.

Damit wird auch der Begriff „Söldner“ unscharf. Auf einem technologisierten Schlachtfeld wird nicht einfach ein Mann mit einem Sturmgewehr gekauft, sondern eine Qualifikation: Drohnensteuerung, Artillerie, Ausbildung, Logistik. Kolumbien besitzt einen großen Pool ehemaliger Soldaten mit Kampferfahrung. Die globale Sicherheitsindustrie macht daraus eine exportierbare Ware.

Nach der Recherche von Human Rights Watch erfuhren pensionierte Militärangehörige über die kolumbianische Agentur A4SI von entsprechenden Arbeitsangeboten. A4SI arbeitete demnach mit der in Abu Dhabi ansässigen Global Security Services Group, GSSG, zusammen. Einer der später im Sudan eingesetzten Männer erklärte, ihm sei zunächst nicht gesagt worden, dass er in ein Kriegsgebiet geschickt werde.

Das Söldnerwesen erscheint hier nicht als romantischer Beruf des Abenteurers, sondern als Arbeitsmarkt mit Personalagenturen, Verträgen und spezialisierten Stellenanzeigen. Nur dass das vermittelte Büro gelegentlich ein belagerter Ort in Darfur ist.

Die Luftbrücke hinter der Front

Noch aufschlussreicher als die Herkunft der Kämpfer ist ihre Route. Human Rights Watch lokalisierte kolumbianische Auftragnehmer auf dem Militärstützpunkt Ghiyathi und in einer mutmaßlichen Militäreinrichtung in Al Wathba im Emirat Abu Dhabi. Ein Auftragnehmer sagte, er sei mit einem Privatflug in die VAE gelangt, ohne die üblichen Einreisekontrollen zu durchlaufen. Anschließend habe ein Bus die Männer zu einem Militärstützpunkt gebracht.

Von dort führten verschiedene Wege nach Sudan: über Bengasi im Osten Libyens und anschließend auf dem Landweg nach Darfur; über Bossaso in Puntland; oder über N’Djamena im Tschad weiter nach Nyala in Süd-Darfur. Auch Amdjarass im Osten des Tschad taucht in Recherchen über mutmaßliche Waffen- und Versorgungstransporte auf. Human Rights Watch verweist auf nächtliche Flüge nach Nyala, Satellitenaufnahmen sowie Berichte über Lastwagen, die den Flughafen nach Landungen wieder verließen.

Auf einer politischen Karte liegen Abu Dhabi, Bengasi, Bossaso und Nyala weit auseinander. Auf der logistischen Karte des Krieges liegen sie beinahe nebeneinander.

Genau hier wird aus ausländischer Unterstützung ein System. Zwischen Regierung und Front treten Sicherheitsunternehmen, Fluggesellschaften, Militärstützpunkte, Grenzübergänge und lokale Vermittler. Verantwortung verteilt sich über Stationen. Je länger die Lieferkette, desto leichter lässt sich ihr politischer Anfang bestreiten.

Abu Dhabi und die Kunst des Dementis

Die Vereinigten Arabischen Emirate stehen im Zentrum zahlreicher Vorwürfe, die RSF militärisch zu unterstützen. Human Rights Watch sieht in der Entsendung kolumbianischer Militärdienstleister einen Teil dieser mutmaßlichen Unterstützung und beschreibt enge Verbindungen der GSSG zu staatlichen und hochrangigen politischen Strukturen in den VAE.

Auch andere Untersuchungen weisen in diese Richtung. Diana Hodali verweist auf Erkenntnisse von Amnesty International, wonach mit „fast sicherer Wahrscheinlichkeit“ in China hergestellte Waffen über die VAE an die RSF reexportiert worden seien. Die VAE weisen die Vorwürfe zurück und erklären, weder Waffen noch militärisches Personal für eine Kriegspartei bereitzustellen. Barbara Plett Usher berichtet ebenfalls von Untersuchungen, die Flugdaten und Satellitenbilder ausgewertet hätten; die Vereinten Nationen hätten Beweise für eine emiratische Beteiligung als glaubwürdig bezeichnet.

Der politische Widerspruch liegt offen zutage. Die VAE gehören gemeinsam mit den USA, Saudi-Arabien und Ägypten zur sogenannten Quad, die einen Weg zu einem Waffenstillstand sucht. Einer jener Staaten, denen eine entscheidende Rolle bei der materiellen Unterstützung einer Kriegspartei vorgeworfen wird, ist also zugleich Teil des diplomatischen Formats, das den Krieg eindämmen soll.

Das ist nicht automatisch absurd: Wer Einfluss auf eine Konfliktpartei besitzt, kann für Verhandlungen notwendig sein. Absurd wird es erst, wenn der Einfluss am Verhandlungstisch vorausgesetzt, außerhalb des Verhandlungstischs aber möglichst unbestimmt formuliert wird. „Externe Unterstützer“ ist dann weniger Analyse als diplomatische Tarnkappe.

Gold, Wagner und die Ökonomie der RSF

Die RSF sind allerdings kein Produkt Abu Dhabis. Ihre Macht besitzt eigene materielle Grundlagen, vor allem im Goldgeschäft. Hemedtis Aufstieg verband militärische Gewalt mit unternehmerischer Expansion; Einnahmen aus Gold halfen beim Aufbau eines Machtapparats, der gegenüber dem sudanesischen Staat zunehmend eigenständig agieren konnte.

An diesem Punkt kreuzt sich die Geschichte der RSF mit Russland. BBC Monitoring berichtete bereits 2023, die Wagner-Gruppe sei seit 2017 im Sudan aktiv gewesen und habe über Meroe Gold Zugriff auf Gold- und Mineralvorkommen gesucht. Wagner soll zudem RSF-Kräfte ausgebildet haben. Auch die Sudan Tribune beschreibt russische Spezialisten, die vor dem Krieg in die Infrastruktur der RSF integriert gewesen seien, insbesondere im Goldsektor und bei technischer Unterstützung.

Wie weit russisches Personal seit Kriegsbeginn unmittelbar für die RSF tätig blieb, ist weniger eindeutig. Genau diese Unsicherheit muss stehen bleiben. Aus Wagners früherer Präsenz lässt sich keine lückenlose russische Steuerung der RSF ableiten. Fest steht jedoch, dass Russland im Sudan schon vor April 2023 ein Geflecht aus Rohstoffinteressen, Sicherheitskooperation und geopolitischem Zugang aufgebaut hatte.

Hinzu kommt das Rote Meer. Seit Jahren gibt es Pläne für einen russischen Marinestützpunkt in Port Sudan. Gold im Westen und ein Hafen im Osten wirken zunächst wie verschiedene Geschichten. Tatsächlich handelt beides von derselben politischen Ware: Zugang.

Auch Burhans Krieg wird importiert

Wer die Internationalisierung nur auf Seiten der RSF sucht, verfehlt allerdings die andere Hälfte des Konflikts. Auch die reguläre Armee ist auf externe Hilfe angewiesen. Nach Darstellung der BBC setzte die SAF iranische und türkische Drohnen ein und erhielt politische oder sonstige Unterstützung unter anderem aus Ägypten, Katar und Saudi-Arabien.

Diese Verbindung begann im Falle Irans allerdings nicht mit diesem Krieg. Als die Islamisten um Omar al-Baschir 1989 die Macht übernahmen, wurde Iran zu einem wichtigen Partner des neuen Regimes. Iranische Kräfte bildeten sudanesisches Sicherheitspersonal aus; Teheran half außerdem beim Aufbau des militärisch-industriellen Komplexes des Landes. Die Yarmouk-Rüstungsfabrik war zeitweise teilweise in iranischem Besitz und wurde mit iranischem Personal und Unterstützung betrieben. Sudan wiederum wurde zu einem Korridor für Waffen, die in Richtung Hamas geschmuggelt wurden – einer der Gründe für israelische Angriffe auf Ziele im Land. Mitte der 2010er-Jahre brach Khartum unter wirtschaftlichem Druck und auf der Suche nach Unterstützung der Golfmonarchien mit Teheran. Die alte Verbindung war gekappt, ihre Infrastruktur und politischen Netzwerke aber nicht einfach aus der Geschichte verschwunden.

Der Krieg bot beiden Seiten Gelegenheit zur Wiederannäherung. Seit Ende 2023 gelangten iranische Drohnen und Komponenten nach Sudan. Zwischen Dezember 2023 und Juli 2024 wurden mindestens sieben Frachtflüge zwischen beiden Ländern registriert, bei denen vermutlich entsprechendes Material transportiert wurde. Besonders wichtig für die SAF wurden Mohajer-6-Drohnen: Sie ermöglichten präzisere Angriffe und trugen nach Einschätzung von Analysten dazu bei, das militärische Kräfteverhältnis zugunsten der Armee zu verändern.

Für Teheran geht es dabei um mehr als einen Kunden für seine Rüstungsindustrie. Sudan liegt an einem strategischen Abschnitt des Roten Meeres, gegenüber der Arabischen Halbinsel und nördlich des Bab al-Mandab. Ein enger Partner in Port Sudan würde Irans Handlungsspielraum an einem Korridor erweitern, an dem zugleich Ägypten, die Golfstaaten, Russland und die Türkei um Einfluss konkurrieren. Berichte über iranisches Interesse an dauerhaftem militärischem Zugang zur sudanesischen Küste fügen sich in dieses Bild. Aus einer solchen Interessenlage bereits einen beschlossenen iranischen Marinestützpunkt abzuleiten, wäre allerdings zu weitgehend.

Auch Ägypten ist enger in den Konflikt eingebunden. Kairo erkennt Burhans Streitkräfte als zentrale staatliche Institution an und weist Vorwürfe zurück, selbst Angriffe auf die RSF ausgeführt zu haben. Plett Usher verweist jedoch auf Recherchen der New York Times und von Reuters, wonach Ägypten RSF-Ziele mit türkischen Kampfdrohnen von einem Flugplatz nahe der sudanesischen Grenze aus angegriffen haben soll; Kairo habe dazu keinen Kommentar abgegeben.

So entsteht kein sauberer Block Iran–Ägypten–Türkei. Entstehen kann vielmehr eine Koalition des jeweiligen Nutzens: dieselbe Kriegspartei, verschiedene Lieferanten, unterschiedliche Interessen.

Grenzen, die für Kämpfer wenig bedeuten

Nicht alle ausländischen Kämpfer gelangen über Firmenverträge in den Sudan. BBC Monitoring berichtete schon 2023 über Männer aus Tschad, Mali, Niger, der Zentralafrikanischen Republik und Libyen an der Seite der RSF. Dabei spielten neben Geld auch familiäre und stammesbezogene Verbindungen eine Rolle.

Die Sudan Tribune beschreibt traditionelle Mobilisierungsnetzwerke, über die irreguläre Kämpfer aus Nachbarstaaten angeworben werden. Die politische Grenze zwischen Darfur und Tschad ist auf Karten eindeutig; für Familien, Handelswege und bewaffnete Gruppen ist sie erheblich durchlässiger.

Damit wird Sudan zugleich Importeur und Exporteur bewaffneter Instabilität. Kämpfer können über die Grenze kommen, sich ausrüsten, Kampferfahrung sammeln und später zurückkehren. Ein Bürgerkrieg wird so zum regionalen Arbeits- und Trainingsmarkt der Gewalt.

Auch die SAF hat ihre Koalition erweitert. In Kordofan kämpfen sogenannte Volkswiderstandseinheiten an ihrer Seite. Mohammed Amin beschreibt, wie Zivilisten nach Angriffen der RSF bewaffnet wurden und sich den SAF anschlossen; zugleich gibt es Vorwürfe, islamistische Kräfte aus dem Umfeld des früheren Bashir-Regimes nutzten diese Strukturen für ein politisches Comeback . Barbara Plett Usher verweist ebenfalls auf den Einfluss islamistischer Milizen innerhalb der militärischen Kriegskoalition. Andrew McGregor beschreibt beide großen Lager deshalb als Bündnisse verschiedener Gruppen, deren Eigeninteressen einen stabilen Frieden zusätzlich erschweren.

Frieden beginnt nicht erst am Verhandlungstisch

Am Ende der internationalen Lieferketten liegt El Fascher. Human Rights Watch dokumentiert Massenmorde und andere schwere Übergriffe nach der Einnahme der Stadt durch die RSF im Oktober 2025. Zeugen berichteten von ausländischen, mutmaßlich kolumbianischen Kämpfern in der Nähe der Schauplätze. Geolokalisierte Videos zeigen private Militärdienstleister bei Kampfeinsätzen; andere Hinweise sprechen für ihre Beteiligung an Ausbildung, Artillerie und Drohnenoperationen.

Zwischen einem pensionierten Soldaten in Kolumbien und einer belagerten Stadt in Darfur liegen damit Personalagenturen, Sicherheitsunternehmen, Militärstützpunkte, Privatflüge und Transitstaaten. Jeder Schritt schafft Distanz. Zusammengenommen bilden sie die materielle Infrastruktur des Krieges.

Dasselbe gilt auf der anderen Seite für Drohnen, Finanzhilfen und politische Rückendeckung. Deshalb trifft Alan Boswells von Plett Usher zitierte Feststellung den Kern: Ein Waffenstillstand könne kaum funktionieren, „wenn alle Seiten Waffen ins Land liefern“.

Die Konsequenz daraus ist unbequemer als jeder Friedensappell. Wer den Krieg beenden will, muss nicht nur Burhan und Hemedti verhandeln lassen. Er müsste Waffenströme unterbrechen, Flugbewegungen kontrollieren, Gold- und Finanznetzwerke verfolgen, private Militärunternehmen untersuchen und externe Unterstützer unter Druck setzen. Ausgerechnet jene Staaten also, deren Einfluss man zugleich für Verhandlungen benötigt.

Auf gewöhnlichen Frontkarten ist davon wenig zu erkennen. Dort stehen Farben für kontrollierte Gebiete. Unsichtbar bleiben die Linien von Bogotá nach Abu Dhabi, von Bengasi nach Darfur, von iranischen Drohnenherstellern zur SAF oder von sudanesischen Goldminen in internationale Handelsnetze.

Die Frontkarte ist nicht falsch. Sie erzählt nur die Hälfte der Geschichte.

Der Krieg ist sudanesisch in seinen politischen Ursachen und lokalen Machtkämpfen. Aber seine Fortsetzung beruht auf einer Infrastruktur, die Grenzen überschreitet und Verantwortung verteilt. Die Männer im Sudan drücken die Abzüge. Damit sie es weiterhin können, braucht es jedoch Geld, Treibstoff, Ersatzteile, Drohnen, Flughäfen, Unternehmen, Goldhändler und Staaten, die bereit sind, ihren Einfluss geltend zu machen – oder ihn zu dementieren.

Die wichtigste Front dieses Krieges ist deshalb womöglich jene, die auf keiner Karte eingezeichnet ist.