RAF und Jihad

Che ist nicht Ussama

In den vergangenen Wochen behaupteten Autoren in verschiedenen Zeitungen, dass es Parallelen zwischen dem Terrorismus der RAF und dem heutigen Jihadismus gebe. Die gibt es, aber viel größer sind die Unterschiede.

Es war vorhersehbar, dass der Anschlag auf Charlie Hebdo und der gezielte Mord an Juden in einem koscheren Supermarkt in Paris deutsche Autoren motivieren würde, die Frage nach der Beziehung zwischen islamistischem Terrorismus und militanter Gewalt deutscher Linksradikaler aus der Roten Armee Fraktion (RAF) und den Revolutionären Zellen (RZ) aufzuwerfen. Tatsächlich liegt die Frage nicht fern, wenn man mit guten Gründen der Auffassung ist, dass Antisemitismus ein charakteristisches Merkmal der linksradikalen Anschläge in den sechziger bis achtziger Jahren war und es auch heute bei den von Islamisten verübten Morden ist.
Richard Herzinger hat in der Welt darauf hingewiesen, dass eines der ersten Angriffsziele der sich radikalisierenden deutschen Linken am 9. November 1969 das Haus der Jüdischen Gemeinde in Berlin war. In einer kruden Erklärung begründeten die Tupamaros Westberlin ihre angeblich antifaschistische Tat: »Die Kristallnacht von 1938 (wird) heute täglich von den Zionisten in den besetzten Gebieten wiederholt.« Die engen Verflechtungen deutscher Linksradikaler mit palästinensischen Kämpfern, ihre Ausbildung in nahöstlichen Militärcamps, ihr antiimperialistisch getöntes antiamerikanisches Ressentiment, aber auch eine unerbittlich israelfeindliche Haltung – all das zeigt, dass es mehr und größere Gemeinsamkeiten von RAF, RZ, Tupamaros Westberlin und allerlei weiteren gewalttätigen Fraktionen der deu- tschen Linken mit Jihadisten, Salafisten oder al-Qaida-Anhängern gibt, als man als Linker wünschen kann.
Dagegen darf bezweifelt werden, dass die militanten Islamisten einen deutschen Verfassungsschutzagenten im Hintergrund haben, der ihnen, wie Peter Urban den Tupamaros Westberlin, die Bombe verschafft hat, die sie dann im Jüdischen Gemeindezentrum legen konnten. Und auch das Verhältnis der verschiedenen muslimischen Glaubensrichtungen und Gemeinden zu islamistischen Terroristen ist nicht mit dem komplexen Verhältnis der vielfach zersplitterten legalen deutschen Linken zu den in der Illegalität operierenden Zellen gleichzusetzen. Auch dass Gruppen wie die RZ oder die RAF ihre Anschläge stets zu vermitteln versuchten, sie erklärten und, wie abstrakt auch immer formuliert, in einen größeren Zusammenhang stellten, unterscheidet sie von jenen Anschläge, mit denen uns Islamisten heute konfrontieren.

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Vergleicht man den Anschlag des »Kommandos 2. Juni« der RAF am 19. Mai 1972 auf den Springer-Verlag, bei dem 36 Mitarbeiter verletzt wurden, mit der Ermordung der Redakteure und Mitarbeiter von Charlie Hebdo, werden Unterschiede offensichtlich: Der Anschlag der RAF sollte an die »Enteignet Springer«-Kampagne der Studentenbewegung anknüpfen, die sich nach den tödlichen Schüssen eines Polizisten auf Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967, entwickelt hatte. Das RAF-Kommando wurde wegen dieses Anschlags, der vor allem Mitarbeiter des Verlages verletzte und gefährdete, in den eigenen Reihen und auch von Unterstützern scharf kritisiert, so dass Kommandomitglieder in einer ausführlichen Erklärung erläuterten, dass sie den Verlag vor dem Anschlag gewarnt hätten, damit er die Gebäude evakuiere. Auch wenn diese Warnungen erst so kurz vor dem Anschlag eintrafen, dass die Räumung des Verlagshauses unrealistisch war, dokumentiert diese Erklärung ebenso wie das »Bedauern«, das über die Verwundung der Arbeiter und Angestellten formuliert wurde, dass die RAF selbst ein erhebliches Legitimationsbedürfnis hatte, das nicht einfach durch die Taten an sich gedeckt werden konnte und sollte.
Die Unterschiede werden immer deutlicher, je genauer man sich die weitere Entwicklung der RAF und auch die staatlichen Reaktionen darauf anschaut. Schon die ab 1972 prägende Ausgangssituation, die Gefangenen der eigenen Gruppe freipressen zu wollen, ist mit den Rahmenbedingungen des islamistischen Terrorismus, der sich meist auch durch den Selbstmordcharakter der Anschläge auszeichnet, nicht zu vergleichen. Auch die herausragende Rolle, die die Haftbedingungen der Gefangenen aus der RAF, ihre Hungerstreiks und der Stammheimer Prozess spielen, findet im heutigen Geschehen nicht den Ansatz einer Entsprechung – übrigens auch dann nicht, wenn Islamisten, wie die Mitglieder der Sauerland-Zelle, gefangengenommen und vor Gericht gestellt werden.

Was trivial erscheint, nämlich die Feststellung, dass Anschläge nicht einfach ihres politischen Umfelds entkleidet werden können, wird durch die Behauptung, es führe eine auch nur annähernd gerade Linie von »Baader-Meinhof zum Jihad«, ignoriert. Das wirft die Frage auf, warum dieser Vergleich dann bemüht wird. Liest man die Texte von Richard Herzinger in der NZZ von 2007 oder in der Welt von 2015 oder auch die Kolumne des stolz zum Konservatismus konvertierten Jan Fleischhauer auf Spiegel Online wird deutlich, dass damit keine Erklärungen für die heutige Situation geliefert werden sollen. Deswegen befassen sich weder sie noch der französische Islamwissenschaftler Oliver Roy aus Anlass der Pariser Mor-de mit der Action Directe, der französischen Schwesterorganisation der RAF, was ja in geographischer und kultureller Hinsicht viel näher läge. Sie fokussieren alle auf die prominentere deutsche Organisation, die RAF. Die Kenntnis von Andreas Baaders und Gudrun Ensslins Biographie oder von Ulrike Meinhofs Texten und Holger Meins’ Filmen hilft uns aber kein bisschen besser zu verstehen, was in Paris und Kopenhagen 2015 geschehen ist und wie darauf reagiert werden könnte.
Das behaupten Fleischhauer und Herzinger auch nicht. Sie wollen nicht ausgehend von der Vergangenheit die Gegenwart und Zukunft besser verstehen, sie zielen vielmehr darauf, von heute aus die Vergangenheit neu zu deuten, sie bewältigen die gewalttätig gewordene westdeutsche Linke noch einmal und, so werden sie hoffen, diesmal endgültig. Dass dabei en passant auch noch Che Guevara als angeblicher Vorgänger von Ussama Bin Laden miterledigt und die auch maßgeblich gegen die Kontinuität des Nationalsozialismus in der Demokratie revoltierende Studentenbewegung zu einer reinen Jugendbewegung gegen »das Establishment« entstellt wird, zeigt, dass die Vergleicherei analytisch so unergiebig ist, wie sie die Polemiker hoffnungsfroh machen mag.

Das ist an sich nicht weiter schlimm, denn Blödsinn über die RAF zu verzapfen, schadet heute nicht weiter. Wer sich mit diesem tristen Abschnitt deutscher Nachkriegsgeschichte ernsthaft befassen möchte, wird Erkenntnisse vernünftigerweise weder bei Spiegel Online noch in der Welt suchen. Dass Fleischhauer das Thema nutzt, um für den starken Staat zu plädieren und gegen Sozialarbeit, ist auch weiter kein Problem – die (in diesem Fall französische und dänische) Politik richtet das auch ohne Spiegel-Kolumnisten schon in seinem Sinne und er wiederum fände, auch wenn es Baader-Meinhof nie gegeben hätte, Argumente für das, was ihn im Innersten bewegt.
Ärgerlicher ist schon, dass es die eklektizistische Betrachtungsweise, die heute noch so sehr an der Rehabilitierung der postnazistischen bundesdeutschen Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre interessiert ist, erschwert, sich mit der wirklich interessanten Frage auseinanderzusetzen: Wie kommt es, dass bei allen grundlegenden Unterschieden zwischen den westeuropäischen Jihadisten heute und den Mitgliedern linksradikaler gewalttätiger Gruppen in den sechziger bis achtziger Jahren der Antisemitismus ein prägendes gemeinsames Element ist? Und warum spielt genau diese Israel- und Judenfeindschaft in der öffentlichen Wahrnehmung beider Gruppierungen bis heute eine eher untergeordnete Rolle?