Die deutsche Rechte hat ein zwiespältiges Verhältnis zu 1968

Adoptivkinder statt Geburtshelfer

Die nationale Strömung der Achtundsechziger und in welchem Zusammenhang sie zur Entstehung der Neuen Rechten stand.

1968 galt bislang als das entscheidende Jahr der linken Studentenbewegung. Doch kurz vor den medialen Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag wird die Revolte von ’68 unter dem Beifall des Feuilletons als »Geburtsstunde« der Neuen Rechten gedeutet. Zwar ist diese Art der Geschichtsschreibung, wie sie der Publizist Thomas Wagner in seinem streitbaren Buch »Die Angstmacher – 1968 und die Neuen Rechten« vorlegt, überpointiert. Doch nicht wenige prominente Achtundsechziger sollten ihren Kampf gegen das »liberale System« später tatsächlich im »nationalen Lager« fortsetzen. Die ideologischen Rochaden der rechten Leute von links prägen inzwischen das Bild der Proteste der Studenten- und Lehrlingsbewegung: Günter Maschke avancierte vom Parteigänger Fidel Castros zum profilierten Autor der Neuen Rechten, Bernd Rabehl regredierte vom SDS-Vordenker zum Gastredner der NPD, Reinhold Oberlercher, vom Spiegel einst als »Hamburgs Dutschke« präsentiert, ist heutzutage Chefideologe des neonazistischen »Deutschen Kollegs«.

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Die Liste rechter Renegaten ließe sich beliebig verlängern. Auch wegen derartiger Biographien kultiviert die deutsche Rechte kein rein negatives, sondern ein zwiespältiges und fasziniertes Bild von 1968. Das Jahr dient ihnen auf der einen Seite zur Verteufelung der Militanz der radikalen Linken und des damit einhergehenden »Kulturverfalls«. Aber schon ein Blick auf die »Identitäre Bewegung« zeigt, wie die Vertreter der Neuen Rechten sich bis in die Gegenwart von der Provokationsstrategie der Achtundsechziger inspirieren lassen. Allerdings führt die Rede von der »Geburtsstunde« in die Irre: Weder erschöpft sich die Bedeutung von 1968 in den Methoden des Tabubruchs, noch lässt sich die Geschichte der Neuen Rechten ohne Verweis auf die Krise ihrer alten Kameraden verstehen. Denn die Neue Rechte wirkte schon in sehr jungen Jahren gealtert. Phasenweise wichtige Periodika der zeitgenössischen extremen Rechten wie das von Henning Eichberg, dem Apologeten des »Ethnopluralismus«, geprägte Junge Forum existierten bereits seit 1962. Und was in der Bundesrepublik ab 1972 unter dem Etikett »Aktion Neue Rechte« (ANR) bekannt wurde, war zunächst ein von Fraktionskämpfen zerrüttetes Sammelbecken militanter Rechtsextremer, die auf die Zerwürfnisse in der NPD reagierten. Die Partei war bei den Bundestagswahlen 1969 an der Fünfprozenthürde gescheitert – und gerade junge Rechte suchten seinerzeit nach neuen Wegen. In der ANR trafen Nationalrevolutionäre wie Eichberg auf Neonazis wie Michael Kühnen. Schon diese Fußnote zeigt, dass eigene Traditionen für die Entstehung der Neuen Rechten wichtiger sind als die Übernahme linker Protestformen.

 

»Fellow travellers« der Neuen Rechten

Dass aber aus Protagonisten der Studentenrevolte zwar nicht Geburtshelfer der Neuen Rechten, wohl aber deren fellow travellers werden konnten, wurde früh deutlich. Schon 1968 zeigten sich in Deutschland innerlinke Zerfallserscheinungen. Wer damals noch im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) die Solidarität mit den vom US-Imperialismus unterdrückten Völkern Asiens beschwor, sollte sich rasch der eigenen Nation zuwenden. Armin Mohler, der Doyen der Neuen Rechten, erkannte das Potential der künftigen Überläufer. »Ich bin der Überzeugung, dass die Konservativen den von der Linken kommenden Renegaten das Tor weit öffnen, vor den liberalen Renegaten es jedoch versperren sollten«, schrieb Mohler 1974 im rechten Theorieorgan Criticón über die »Invasion APO-geschädigter Liberaler ins konservative Lager«. Mohlers Unterscheidung zwischen Freund und Feind war deutlich: »Der Linke bringt Methoden und Härte mit, die wir brauchen können. Der Liberale schleppt Bazillen und seine Unbelehrbarkeit mit ein.« Wer während und nach der Studentenrevolte gegen die »Scheißliberalen« – so der damalige Jargon von Teilen der APO – agitierte, fand Mohlers Wohlgefallen.

Es scheint also verführerisch, 1968 als das Jahr einer neuen nationalen Erweckungsbewegung zu deuten. Doch müssen solche Versuche das Gesamtbild der Studentenrevolte auf die rechten Renegaten reduzieren. Die Achtundsechziger waren kein homogener Block. Unter ihnen gab es jene, die unter den Talaren der Universitätsprofessoren den braunen »Muff von 1 000 Jahren« zum Vorschein bringen wollten und die Frühschriften jüdischer Remigranten wie Horkheimer und Adorno als Raubkopie unter die Leute brachten. 1968 war auch ein Katalysator für die neuen sozialen Bewegungen und eine progressive Bildungspolitik. Diese Impulse von ’68 waren und sind mit rechter Ideologie nicht vereinbar.

Aber die Biographien von Maschke oder Oberlecher richten den Blick auf jene Mitglieder der APO, die – wie Bernd Rabehl – schon 1967 den »Befreiungsnationalismus« zur Sache der deutschen Linken erklären wollten. Später konnten die nationalistischen Renegaten der Revolte ihre Feindbilder – Israel, die USA – in der extremen Rechten propagieren. Und die Ablehnung der »Bazillen« des Liberalismus einte durchaus unterschiedliche Figuren wie Maschke und Mohler. Der von Mohler als Schriftsteller der »Konservativen Revolution« kanonisierte Arthur Moeller van den Bruck formulierte 1922 das Leitmotiv dieser Geisteshaltung: »An Liberalismus gehen die Völker zugrunde.« In dieser »Krankheitsmetapher« (Volker Weiß) manifestiert sich die Feindschaft wider eine Idee des Individuums, das sich von der Macht der Kollektive löst.

 

Die Kritik am Liberalismus verbindet Rechts und Links

Von Moeller van den Brucks Diktum über Mohlers Schlachtruf »Gegen die Liberalen« zieht sich eine Frontstellung gegen den Liberalismus, der weiterhin als gesellschaftspolitische Pathologie begriffen wird. Auch Thor von Waldstein, der im neurechten Institut für Staatspolitik seit 2015 richtungsweisende Reden zur sogenannten Metapolitik gehalten hat, warnt vor dem »liberalistischen Virus«. Die Vita des neuen Institutsvordenkers steht exemplarisch für die Kontinuitäten zwischen alter und neuer Rechter. Von Waldstein leitete von 1979 bis 1982 den Nationaldemokratischen Hochschulbund (NHB) der NPD.

Die Kritik des – als einheitliche Strömung gar nicht existenten – »Liberalismus«, die ihn letztlich nur als »Verwestlichung« denunzieren will, erwies sich als die verbindende Klammer zwischen den Lagern. Und mancher, der sich im SDS einst als Avantgarde der Arbeiterklasse inszeniert hatte, konnte fortan am rechten Rand als Vordenker des Vaterlandes reüssieren. Die Verachtung des Pluralismus teilt diese Sorte Achtundsechziger mit der Neuen Rechten, ihre vorgeblich progressive Konsumkritik schlug in die raunende Kulturkritik an der »Dekadenz« um.

1968 war nicht das Gründungsjahr der Neuen Rechten. Sicher aber konnte diese damals ihren linken Feind studieren. Die Verachtung der Rechten gilt den »Kindern von Marx und Coca-Cola«, die immer noch als Auswuchs des angeblich zersetzenden, ergo »liberalistischen« Westens gelten. Wer aber die »Fremdherrschaft« der USA nicht nur über Vietnam, sondern auch über die geteilte deutsche Nation beklagte, fand schließlich seinen Weg durch das geöffnete Tor der extremen Rechten. Jene Achtundsechziger also, die sich in ihrer Ablehnung der »Fremdherrschaft« auch gegenwärtig vor allem gegen die »Fremden« richten, sind weniger die Geburtshelfer der Neuen Rechten – sie sind vielmehr Mohlers Adoptivkinder.