Jane Wards Buch »Nicht Schwul«

Straight guys trying out gay sex

Die Autorin Jane Ward untersucht in ihrem neuen Buch, wie es sein kann, dass heterosexuelle Männer Sex mit anderen Männern haben können, ohne sich deswegen als schwul zu verstehen.

Mit dem Erscheinen des Buches »Sexual Behavior in the Human Male« des Sexualforschers Alfred Kinsey im Jahr 1948 rückte das tatsächliche sexuelle Verhalten von Männern in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Laut der Studie hatte ein großer Anteil der befragten Männer im Erwachsenen­alter im Laufe seines Lebens sowohl hetero- als auch homosexuelle Erfahrungen gemacht. Sieben Jahrzehnte nach der Veröffentlichung von Kinseys Bericht und dem darauf folgenden Entstehen der zweiten homosexuellen Emanzipationsbewegung, die homosexuelle Kultur sichtbar werden ließ und etablierte, kehrt die US-amerikanische Soziologin Jane Ward in »Nicht Schwul – Die homosexuelle Zutat zur Erschaffung des ›normalen‹ Mannes« zum Thema der männlichen Sexualität zurück. Ihr Buch dreht sich um Männer, die Sex mit Männern haben und dennoch weiter ein heterosexuelles Leben führen.

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Während popkulturell nicht erst seit den Bühnenküssen von Madonna, Britney Spears und Christina Aguilera bei den MTV Video Music Awards im Jahr 2003 das Augenmerk auf der sexuelle Flexibilität von Frauen liegt, insbesondere dann, wenn sie damit ein männliches Publikum beglücken, gilt dies weit we­niger für Männer. Sexualität zwischen heterosexuellen Männern ist dennoch allgegenwärtig. In der öffentlichen Wahrnehmung werden diese Männer zumeist als unterdrückt schwul oder zumindest bisexuell betrachtet. Es gibt aber auch Männer, die sexuelle Kontakte mit anderen Männern haben, die sich weder als homo- noch bisexuell verstehen.

Wards zentrale Frage lautet, wie heterosexuelle Männer gleichgeschlechtliche sexuelle Neigungen und Handlungen in eine heterosexuelle Selbstdefinition integrieren können und inwiefern sexuelle Fluidität mit dem Konzept einer angeborenen und gefühlsbetonten Vorstellung von Homosexualität zusammenhängt. Werden diesen Handlungen von der Allgemeinheit wenig sexuelle Bedeutung zugesprochen, widerspricht Ward richtigerweise dieser Entsexualisierung.

Damit greift sie ein Phänomen auf, das viele, insbesondere Schwule, aus mitunter eigener leidvoller Erfahrung kennen: Geschichten aus Umkleidekabinen, wo allerlei Sexuelles zwischen Jungs oder Männern passiert, das aber nie in einen Zusammenhang mit einer Selbstdefinition als schwul oder zumindest bisexuell ­gebracht wird. Vielmehr hatten diejenigen, die der heterosexuellen Norm nicht entsprachen, unter diesem Zustand oftmals erheblich zu leiden.

Die qualitative Differenz zwischen schwuler Lebens-weise und Männersex sowie die zwischen Wahl und Disposition wird bei Ward getilgt.

Ward folgt dem Selbstverständnis der Objekte ihrer Studie als heterosexuell unumwunden; und trotz Argumenten dafür, dass diese Selbstdefinition vorgeschoben sein kann, insbesondere, wenn man die beschriebene Gewalt gegenüber denjenigen betrachtet, die innerhalb dieser Gruppen offen als schwul auftreten. Ward zeigt detailliert bislang wenig bekannte Welten, die von US-amerikanischen Verbindungshäusern über Initiationsriten beim Militär bis hin zu Sexannoncen auf der Internet­seite Craigslist reichen. Dort suchen Männer mit Worten wie »Hetero möchte heute Nacht Blowjob probieren« oder »Männerfreundschaft, mit Ausdauer« nach Sex, um dabei »einfach Männer« zu sein. Der hetero­sexuelle Rahmen wird aber gewahrt, denn es gilt: »Kein schwuler Sex, ich will echte Männerfreundschaft, nur in der heißen Sonne masturbieren.« Die Initiationsriten an Colleges und im Militär umfassen laut Ward oft ebenfalls anale Penetration oder andere Genitalkontakte in einem rein männlichen Umfeld.

Zentral ist für Ward nicht die Sexualpraktik an sich, sondern die Frage des Kontextes sowie die dahinterstehenden Motivationen und Begründungsmuster. Als Beispiel zitiert sie Marineangehörige mit den Worten: »Nur am Pier vertaut, wär das versaut.« Was also auf hoher See passiert, wird mit anderen moralischen Maßgaben gemessen als das Geschehen an Land. Solange die Männer als Motive des eigenen Handelns behaupten können, dass die sexuellen Akte außerhalb der eigenen Kontrolle lägen, durch sozialen Druck erzeugt würden, durch Sexentzug oder durch den Wunsch nach unpersönlichem Sex angetrieben worden seien, bleibt ihr Selbstverständnis als heterosexuell vor sich und anderen intakt.

Tatsächlich sind Formen dieser gleichgeschlechtlichen Sexualität weder ausschließlich durch Notlagen wie den Mangel an Frauen, noch als zufällige bedeutungslose Ausrutscher im Zuge von Männerfreundschaften zu begreifen. Mann-männliche Sexualität wird vielmehr auch dann gesucht, wenn sexueller Kontakt mit Frauen problemlos möglich ist. Die sexuellen Kontakte stehen nicht im Widerspruch zur heterosexuellen Männlichkeit, sondern lassen sich integrieren und stärken diese sogar. Gewalt spielt eine wichtige Rolle als Mittel der Grenzziehung, um homophobe Stigmatisierung zu umgehen und das Ausleben der Sexualität zu ermöglichen. Als ein die eigene Männlichkeit befördernder Akt können diese Verhaltensweisen dadurch wirken, dass man sie anderen Männern mittels Macht und Gewalt aufzwingt oder seine eigene Zähigkeit und sein Durchhaltevermögen unter Beweis stellen kann. Auf emotionaler Ebene soll der Sex keine Bedeutung haben, manchmal sogar absichtlich abstoßend sein. Wenn die Männer sich anfassen, wird das mitunter als Arbeit dargestellt, die dazu dienen soll, die jeweilige Gemeinschaft zu stärken. Eingebettet ist dies in eine homofeindliche Des­identifikation mit schwulen Männern und in Misogynie. Die tatsächlichen Homosexuwellen sind zur Abgrenzung erforderlich, da deren Sex im Gegensatz zu dem der Heterosexuellen eben nicht bedeutungslos ist. Anders als man selbst sind Schwule die Männer, die ohne Alibi Sex mit anderen Männern haben.

Ward kritisiert Argumentationsmuster, die Homosexualität als angeborenes Merkmal und mittels der Behauptung unterschiedsloser Gleichheit mit Heterosexualität legitimieren will. »Normatives Schwulsein« und »Homonormativität«, wie sie es nennt, führten dazu, dass Homosexuelle nun hauptsächlich als gefühlsbetont, monogam, häuslich und sexfrei definiert würden. Homoliebende, so Ward, ersetzten die queeren Sexrebellen. Ob diese Norm, trotz der mitunter problematischen Fixierung auf die gleichgeschlechtliche Ehe als politisches Ziel, tatsächlich existiert, ist fraglich. Die Lebensrealität vieler Homosexueller sieht wohl anders aus.

Die Vorstellung einer romantischen Homosexualität, so Ward weiter, liefere die Grundlage zur Erweiterung der sexuellen Möglichkeiten von Heterosexuellen, die diese nutzen könnten, um ihren gleichgeschlechtlichen Sex als bedeutungslos, da frei von Romantik, abtun zu können. Heterosexualität habe vieles übernommen, was zuvor als pervers und zügellos dem gleichgeschlechtlichen Sex zugeschrieben wurde. Einem angeblich mittlerweile gezähmten und eingeengten schwul-lesbischen Selbstverständnis stellt die Autorin ein Konzept von Queerness entgegen, das durch die Sichtbarmachung des Perversen ein subversives Moment be­säße. Um gegen die »Vereinnahmung von aufsässigem Homosex« vorzugehen, solle die kollektive queere Sexualität erhalten und als solche wieder in den Mittelpunkt politischen Handelns gestellt werden, die romantische und monogame Liebe hingegen verbannt werden.

Warum Ward die Entwicklung als problematisch gilt, dass auch Heterosexuelle immer mehr Spaß an perversem und zügellosem Sex haben, ist nicht nachzuvollziehen. Immerhin geht dadurch der von ihr genannten queeren Sexualität nichts verloren. Problematisch daran ist höchstens, dass viele Formen dieser mann-männlichen Sexualität auf der gewaltvollen Abwertung anderer ­basierten.

Queer zu sein, gilt Ward als politische Handlung und bewusste Entscheidung, die sie getroffen hat, um der für sie geschmacklosen und langweiligen etablierten Hetero- und Homokultur zu entkommen. So berechtigt die Kritik am Paradigma ist, Homosexualität sei angeboren, so sehr kippt Wards konstruktivistische Sicht hier ins andere Extrem. Innere Zwänge und Dispositionen innerhalb der Subjektwerdung spielen für sie keine Rolle. Alle haben ihr zu­folge die freie Wahl dessen, was sie sexuell sein wollen. Warum man sich entscheiden sollte, offen schwul zu leben, wenn das Leben als heterosexueller Mann doch das gleiche Maß an sexueller Freiheit samt Integration in eine heterosexuelle Kultur ermöglicht und man es sich somit sparen könnte, mit Ablehnung und Abwertung zu leben, bleibt unbeantwortet. Die qualitative Differenz zwischen schwuler Lebensweise und Männersex sowie die zwischen Wahl und Dis­position wird so getilgt.

Welche politischen Konsequenzen sich aus der Anrufung des queeren Sex und dem Beharren auf fundamentaler Differenz entwickeln könnten, damit queer zu sein nicht nur einen Selbstzweck und eine radikale Pose darstelle, und was getan werden müsste, damit das Anderssein für die Einzelnen nicht mehr gefährlich wird, lässt Ward ebenfalls unbeantwortet. Trotz aller Spannung zwischen dem Wunsch nach Anerkennung und dem nach Antibürgerlichkeit gilt, dass selbst die angepasstesten Schwulen und Lesben immer noch vom Wohlwollen der Mehrheit und der Liberalität ihrer Normen abhängig sind, die vermeintliche Integration also weiterhin brüchig ist.

 

Jane Ward: Nicht Schwul – Die homosexuelle Zutat zur Erschaffung des ›normalen‹ Mannes. Männerschwarm-Verlag, Hamburg 2018, 216 Seiten, 22 Euro