Alles für den Hund: ein Besuch der Hundemesse »Doglive« in Münster

La Dolce Vita im Hundenapf

Auf der Hundemesse »Doglive« gibt es alles, womit sich bei den Haltern des ältesten Freundes des Menschen Geld machen lässt. Sie findet jährlich im westfälischen Münster statt.

Auf dem Parkplatz des Messegeländes Münster hört man gedämpftes Hundegebell. Das Bellen kommt aus den Messehallen selbst. Wie in jedem Januar findet hier die Hundemesse »Doglive« statt. 160 Aussteller präsentieren zwei Tage lang Produkte für das Leben mit dem vermeintlich besten und ältesten Freund des Menschen. 16 500 Menschen und 3 000 Hunde besuchten nach Angaben der Veranstalter im Januar 2019 die Messe. Für einen deftigen Aufpreis gab es dort noch ein Abend­programm mit Zirkus- und Varietécharakter.

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In der großen Ausstellungshalle ­präsentieren unterschiedlichste Hersteller ihre Produkte. Ständeweise gibt es ­­allerlei sogenannte Kauwaren: abgehackte Rinderbeine samt Fell, getrocknete Därme und schwer zuzuordende getrocknete Innereien stapeln sich in grünen Plastikkisten wie Gemüse in ­einem Biosupermarkt. Der von den Kisten ausgehende Duft stellt das Geruchsempfinden auf eine harte Probe. Wenige Meter weiter reihen sich ­geruchsneutral Hunderte Dosen verschiedenster Nassfuttersorten an­einander.

Daneben sind die Informationsstände der Anbieter von Hundepauschal­reisen und die Stände verschiedener Hundezuchtvereine aufgebaut. Es gibt allerlei Hundebetten und sogar den Stand eines Handwerksbetriebs, der aus dem Fell besonders ergiebiger Hunde­sorten Wolle gewinnt.

Nach einigen Stunden auf der Messe beschleicht einen das Gefühl, das Verhältnis der Menschen zu ihren Haustieren sei aus dem Gleichgewicht geraten. Man fühlt sich wie in einer bizarren Parallelgesellschaft, für die das Ereignis aber einen sehr familiären Charakter hat. Die Besucher fühlen sich sichtlich wohl unter ihresgleichen. Es treffen sich Menschen, für die Hunde zugleich Prestige- und Liebesobjekt sind.

Im April 2018 veröffentlichte der Zentralverband zoologischer Fachbetriebe Zahlen zum deutschen Heimtierbestand. 2017 gab es 9,2 Millionen Hunde; etwa in 18 Prozent aller Haushalte lebt mindestens ein Hund. Allein der Umsatz mit Hundefutter betrug fast 1,4 Milliarden Euro, Tendenz steigend. »Das anhaltende Wachstum erklärt sich auch mit dem Trend zu kleineren Packungsgrößen, welche unterstützen, dass das Futter regelmäßig frisch in den Napf kommt«, so der Präsident des Zentralverbands, Norbert Holthenrich.

Der Stand des Naturkostherstellers Hardys Traum verspricht »La Dolce Vita im Hundenapf« für drei Euro pro Dose. Vertreter der Firma in boden­lange braunen Schürzen und weißen Kochanzügen beraten potentielle ­Kunden und präsentieren ihre Produkte mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Nebenan gibt es für die Hundebesitzer Currywurst und Pommes. Einige von ihnen lassen ihre ­Hunde ebenfalls an den Tischen sitzen. Einer von ihnen legt brav die Vorderpfoten auf den Tisch.

Wirklich emotional wird es bei den auf dem ganzen Messegelände statt­findenden Wettbewerben. In sogenannten Wettkampfringen können Hundehalter auf mehreren aus Sägespänen und Sand aufgeschütteten Bahnen die Schnelligkeit und Intelligenz ihrer Tiere unter Beweis stellen.

Beliebt ist der Hindernisparcours. Wie in Trance üben Hundetrainer konzentriert ohne Hund den Ablauf der zu rennenden Strecke. Mehrfach wird im Laufe des Tages die Rennstrecke komplett umgestaltet. Die mit ausgestrecktem Arm geleiteten Tiere müssen ohne Fehler möglichst schnell durch den Parcours rennen. Nicht alle Hunde wollen wie vorgesehen mitspielen. Manche machen, was sie wollen, nach drei Fehlern scheiden sie aus dem Wettkampf aus. Hunderte Hundefans beobachten gebannt am Rand der Rennbahn das Treiben.

Auf der »Rassenausstellung« tummeln sich Hunde mit allerlei kuriosen Frisuren. Bei einem teilnehmenden Tier könnte man meinen, es habe sich unbemerkt ein Schaf unter die Hunde gemischt. Doch es handelt sich um einen liebevoll zurechtfrisierten Bedlington Terrier. Diese Jagdhundsorte unterscheidet sich optisch nur durch seine Pfoten von einem Schaf.

Auch bei der Rassenausstellung herrscht knallharter Wettbewerb. An die Gleichwertigkeit der Hunderassen scheint hier niemand gedacht zu haben. Zu gewinnen gibt es Futter, Pokale und Anstecker, ganz als würden sich die damit ausgezeichneten Zuchttiere von der gemeinen Meute der Promenadenmischungen abheben. Argwöhnisch betrachten die Züchterinnen und Züchter die Konkurrenz. Eine Frau posiert für Fotos, sie trägt ein rotes Samtsakko, ihr tibetischer Shih Tzu eine rote Samtschleife im weißen Fell.

Am Eingang zur Rasseausstellung gibt eine gestresst wirkende Frau mittleren Alters der Jungle World Auskunft über die Züchterszene, zu der sie nach eigenen Angaben selbst gehört. Nahezu jedes Wochenende nimmt sie an einem Wettkampf teil. Die Züchter iden­tifizierten sich sehr mit den Tieren und entwickelten dadurch ein recht eigenartiges Sozialverhalten.

So scheinen die Besucher die vielen kleinen Pfützen Hundeurin auf dem Betonboden der Messehallen zu ignorieren. Es lässt sich beobachten, wie die Besitzerin eines Australian Shepherd just in jenem Moment den Blick über die Messe und weg vom eigenen Tier schweifen lässt, als es ansetzt, an die Ecke eines Messestands zu pinkeln. Auch dass Pudel, Pinscher und Dackel oft mit zwischen die Beine gekniffenen Schwänzen verängstigt über das Gelände laufen, scheint niemanden zu stören. Wind- und Schäferhunde aalen sich dösend auf dem Betonboden, während ihre Halter sich über die modernsten Methoden der Fellpflege informieren.

Nach einigen Stunden auf der Messe beschleicht einen das Gefühl, das Verhältnis der Menschen zu ihren Haustieren sei aus dem Gleichgewicht geraten. Man fühlt sich wie in einer bizarren Parallelgesellschaft, für die das Ereignis aber einen sehr familiären Charakter hat. Die Besucher fühlen sich sichtlich wohl unter ihresgleichen. Es treffen sich Menschen, für die Hunde zugleich Prestige- und Liebesobjekt sind.

An sich ist das nichts Neues. Bereits im 19. Jahrhundert gab es in Großbritannien Hundeschauen. Und Picasso besaß einen Dackel, den er nicht nur auf einer Zeichnung festhielt, sondern zu dem er auch, das bezeugen Interviews mit dem Maler, ein besonders inniges Verhältnis pflegte.

Die Mensch-Hund-Iden­tifikation kann pathologische Züge an­nehmen. Man erinnere sich an die Geschichte des im April 2018 eingeschläferten Stafford­shire Bullterrier Chico. Dieser hatte seine Besitzerin und ihren Sohn angriffen und getötet. Ärzte machten einen Hirntumor, an dem der Hund offenbar litt, für sein aggressives Verhalten verantwortlich. Als ­Chico in der Tierärztlichen Hochschule Hannover eingeschläfert wurde, hielten in der Stadt 80 Menschen eine Mahnwache ab, um gegen den »Mord« zu protestieren. So etwas wirkt schon verschroben – außer vielleicht auf Hundemessen.

 

 

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