Knorrige Olivenbäume als Luxusgut

Wandernde Bäume

In Spanien werden jahrhundertealte Olivenbäume ausgepflanzt und in alle Welt verkauft. Im katalanischen Montsià formiert sich Widerstand. Ein Gesetz soll dem lukrativen Geschäft ein Ende setzen.
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Seit Monaten protestieren Umweltschützer in der katalanischen Gemeinde Montsià, Provinz Tarragona. Mehrmals pro Woche setzen sich von hier im terrassierten Hügelland über dem Fluss Sénia nahe dem Ebro-Delta Tieflader in Bewegung. Deren Fracht ist das landwirtschaftliche Erbe der Gemeinde: Jahrhunderte und teils auch über ein Jahrtausend alte Olivenbäume. Mit ihren meterdicken Stämmen wurden sie zuvor entwurzelt und verladen. Es ist ein einträgliches Geschäft, immerhin bringen die knorrigen Ölbäume je nach Alter, Zustand und Form den Händlern drei- oder vierstellige Euro-Beträge ein.

»In Ulldecona gibt es rund 1.300 Olivenbäume, die älter als tausend Jahre sind.«

»Die Hauptverantwortlichen für das Drama sind die Gärtnereien, deren ­Gewinnmargen enorm waren und sind. Den Landwirten zahlt man einen Bruchteil des erzielten Preises. Oder man kaufte gleich den ganzen Hof und das Land auf. Bestenfalls ist dieses auch noch als fast wertloses Brachland klassifiziert«, sagt Guillem Riba. Er ist Mitglied der Bürgerplattform und Umweltschutzorganisation Salvem lo Montsià (Retten wir Montsià), die in den achtziger Jahren gegründet wurde. »Olivenbäume sind ein globales Luxusgut geworden«, sagt er. »Bis nach China werden unsere Bäume verschifft.« ­Salvem lo Montsià fordert, dass jene ­Olivenbäume als Naturdenkmäler gelten sollen und die Kulturlandschaft des Montsià unter Schutz gestellt wird.

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Bereits Ende Januar initiierten Riba und sein Team eine Unterschriftenkampagne auf change.org mit der Forderung, die katalanische Regionalregierung solle gegen den »Raub«, wie sie sagen, vorgehen. Ende März stimmten alle Parteien im katalanischen Regionalparlament für den Beginn eines Gesetzgebungsverfahrens zum Schutz der Olivenbäume von Montsià. Bis zum Inkrafttreten gehe die Entwurzelung in noch rascherem Tempo weiter, so Riba. »Zwar sinkt der Preis der Bäume derzeit, auch wegen des Angebots. Aber es ist ein Teufelskreis, denn dadurch steigt sogleich wieder die Nachfrage«, sagt er. »Das Montsià ist eine der vier ärmsten Gemeinden Kataloniens. Die Regionalregierung ist gefordert, auf dass wir unser Erbe nicht verlieren. Das ist auch unser Kapital für einen ländlichen Tourismus, für eine Zukunft auch der jungen Generation.«

»In Ulldecona gibt es rund 1.300 Olivenbäume, die älter als 1.000 Jahre sind und die in einem Zensus gezählt wurden, was aber nicht bedeutet, dass sie unter Schutz stehen«, sagt Riba. »Die Gemeinde hat bislang nur etwa 50 Bäume unter Schutz gestellt.« Geschützt sind nur die ältesten Bäume, die aus der Zeit der maurischen Herrschaft des Kalifats der Umayyaden (bis 1031), aber auch die aus der Zeit des Römischen Imperiums (bis zum 5. Jahrhundert n. Chr). In Ulldecona (Teilgemeinde von Montsià) steht der älteste Olivenbaum Spaniens, der unter Kaiser Konstantin vor 1 700 Jahren gepflanzt wurde. Der älteste Ölbaum der Iberischen Halbinsel wird auf 3 350 Jahre geschätzt. Er steht bei Abrantes in Zentralportugal.

»Olivenbäume sind ein globales Luxusgut geworden. Bis nach China werden unsere Bäume verschifft.« ­

Beim bislang gewährten Schutz handele es sich um kaum mehr als ein Lippenbekenntnis, kritisiert Riba. »Das Verbot des Entwurzelns und der Ausfuhr wäre nur ein erster wichtiger Schritt«, betont er. »Aber auch die Landwirte brauchen Unterstützung.« Mit Gesetzen, wie sie etwa auf der südlichen Uferseite des Ebro-Stroms in Valencia gelten – einem Ausfuhrverbot oder Strafen für lokale Zwischenhändler –, wäre es jedoch nicht getan, ist man bei Salvem lo Montsià überzeugt. Es brauche auch steuerliche oder wirtschaftliche Anreize für die Besitzer der Ländereien, auf denen die Bäume ­stehen. Ab einem gewissen Alter der Bäume, meist etwa 60 bis 70 Jahren, sinken die Ernteerträge. Neue Züchtungen, wie sie etwa das südspanische Andalusien flächendeckend für eine extensive Landwirtschaft bedecken, bringen den Olivenbauern 20 bis 30 Jahre nach der Pflanzung weit mehr ein als ein jahrhundertealter Ölbaum. »Die Bäume, die vor über 1 000 Jahren ­gepflanzt wurden, waren nicht für die industrielle, maschinelle Ernte kon­zipiert«, sagt Riba.

Einer derjenigen, die steinalte Olivenbäume auf der Finca seiner Familie haben, ist Joaquim Estellé Bordes. Er ist Mitglied der Umweltschutzorganisation Grup d’Estudi i Protecció dels Ecosistemes Catalans (GEPEC). Mit dem Land, das bereits seine Großeltern in den zwanziger Jahren bewirtschafteten, bestreitet er nur noch seinen Nebenerwerb. An Wochenenden und Feiertagen kümmert er sich um seine Oliven- und Johannisbrotbäume (Ceratonia siliqua). »Es ist kraft- und zeitraubend und kaum rentabel«, sagt er. Zwischen einem guten Jahresertrag und schlechten Jahren schwanke seine Ernte an Oliven von deutlich unter einer Tonne (für dieses Jahr prognostiziert er knapp 500 Kilogramm) bis über zwei Tonnen. Seine Olivenbäume, etwa 50, sind mehrere Jahrhunderte alt; es sind autochthone Sorten, Morruda, Sevillenca und die jahrhundertealte Sorte Farga. »Grundsätzlich verwende ich meine gesamte Ernte für die Olivenölproduk­tion, nur für den Eigenbedarf lege ich ein paar Kilo ein«, sagt er.

Produkte aus dem Unesco-Biosphärenreservat Terres de l’Ebre, in dem die Gemeinde Montsià liegt, werden zwar mit speziellen Logos versehen. »Doch das Schutzgebiet ist überaus schlecht geführt«, klagt Estellé Bordes. Ein Olivenöl, das nur aus den Früchten jahrtausendealter Bäume gewonnen wird, erhält auch eine besondere Zertifizierung. »Dafür müssen die Bäume aber katalogisiert sein«, sagt er. »Ich und meine Nachbarn haben viele Bäume, die über 500 Jahre alt sind, aber wir ­fallen nicht unter dieses besondere Marketing.«

Zugleich fordert er Subventionen oder Hilfe für die Landwirte, damit diese die Bäume schützen und pflegen. Dies könne auch ein Steuernachlass sein, so der Olivenbauer. »Man muss zum einen schützen, zum anderen aber auch ­unterstützen.« Das Kulturland brauche Pflege, sonst verwildere es. Immer wieder diskutiere man in den Bars von Amposta die jüngsten Angebote für die alten Bäume, die Estellé Bordes und seine Nachbarn auf ihrem Grund haben. Dann gehe es schnell. »Man fährt den gewohnten Weg entlang und auf einmal sieht man, hier fehlen die Bäume.« Es schmerze ihn zu sehen, dass Pflanzenhändler Hunderte Olivenbäume transportfertig am Areal stehen ­haben. »Die Bäume gehen nach Südfrankreich, Italien, ja bis nach Indien und China«, sagt er.

Einer dieser Händler ist Karl-Heinz Platzer. Im oberösterreichischen Alpenvorland in Frankenmarkt widmet er sich mit seinen Unternehmen Evita und palmencompany.at seit über zehn Jahren dem Import von Olivenbäumen. Platzer selbst arbeitete knapp 30 Jahre als Kraftfahrer und Spediteur und ­bediente den spanischen Markt, ehe er die zündende Idee hatte. »Das Wohl­ergehen der wunderbaren Bäume ist die oberste Priorität«, sagt Platzer. »Wir retten die Bäume, die sonst in Spanien gefällt werden würden, weil sie nicht mehr rentabel sind.«

»Das Klima ist besser geworden in Österreich«, erzählt er. »Würden die jahrhundertealten Olivenbäume in Österreich sterben, wären meine Kunden, die hohe Summen für den medi­terranen Touch im Garten oder in ihrer Firma auf­wenden, für immer verloren«, betont er. »In über zehn Jahren, in denen ich Olivenbäume in Österreich einpflanze, haben wir keinen Baum verloren.« Platzer bietet eigens entwickelte Überwinterungssets an. »Das größte Problem hier bei uns ist aber nicht die Kälte. Minus zwölf Grad und mehr halten die Bäume aus, solange es eine trockene Kälte ist. Es ist die Feuchtigkeit, die zu Wurzelfäule führt.«

Auch die Vermietung alter Olivenbäume laufe ausgezeichnet. Sobald es Frühling ist, liefert er an Restaurants, Unternehmen und Privatpersonen für deren Gärten oder Terrassen die Bäume in Paletten mittels Tieflader und Kran an. Kündigt sich die erste Kälte­welle an, kommen die Bäume zurück in seine temperierte Lagerhalle. In Spanien selbst habe er Scouts im Einsatz. Vor jedem Zukauf fahre er aber selbst zu den Anbietern. »Nur so kann ich mir der Qualität sicher sein«, betont er. Auf einem Tieflader bringe er zwei große Bäume nach Österreich und bis zu 15 kleinere Exemplare, der Transport sei kostspielig. Tausendjährige Exemplare habe er nicht im Sortiment, mehrere hundert Jahre alte aber sehr wohl. Derzeit habe er etwa 1 000 Großpflanzen, knapp die Hälfe vermietet Platzer.

»Der Preis ist stark gefallen«, sagt er. »Für bis zu 14 000 Euro konnte ich ­einen 700jährigen Olivenbaum vor zehn Jahren verkaufen.« Derzeit liege der Preis bei etwa 2 500 Euro, abhängig von der Ästhetik des Wuchses, der ­Dicke des Stammes oder auch davon, wie die Bäume mittels einer Bonsai-Technik geformt wurden.

»Die Olivenbäume machen nur einen kleinen Prozentsatz unseres Umsatzes aus«, sagt indes Erwin Schartner über sein auf exotische Pflanzen und Palmen spezialisiertes Unternehmen Palmen Schartner KG aus Steyr sowie ­seinen Onlineshop palmenshop.at. Der Markt in Österreich sei noch relativ klein, denn aufgrund des Klimas sei es »nur in milden Gegenden wie etwa in den Weinbaugebieten oder im Alpenvorland ratsam, einen Olivenbaum frei auszupflanzen«. Anderes gelte für Deutschland, am Rhein entlang oder an den Küstenregionen wäre es möglich, Olivenbäume ohne Schutz auszupflanzen, so Schartner.

Er beziehe seine Bäume bereits getopft, in einem Alter von 30 bis 120 Jahren. »Die wirklich alten Olivenbäume sind nur im Netz zu beziehen und werden auch nur vereinzelt von Kunden so gewünscht«, meint er. Doch könne er nicht für alle Gärtnereien sprechen. Es werde sicherlich auch Raubbau an alten Bäumen betrieben.

Die Regierungen seien gefordert, eine Lösung zu finden. Schartner sagt, er kenne das Problem von den Grasbäumen aus Australien (Xanthorrhoea), die wegen ihres besonderen Aussehens früher dem Raubbau zum Opfer gefallen seien. »Heute ist jeder Baum, der ins Ausland geht, mit einer zertifizierten Nummer versehen und von der Regierung in Queensland freigegeben worden«, erzählt er. In der EU gebe es bereits seit Jahren eine Herkunftskennzeichnung für Pflanzen, über die man bis zur Gärtnerei die Ware zurückverfolgen könne. »Eigentlich sollte jeder, der eine Pflanze von einem Händler kauft, auch erfahren können, wo seine Pflanze herkommt«, sagt Schartner.