Das Glück liegt auf der Straße

Homestory #31

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten: Unsere Themaredakteurin besitzt jetzt eine bayerische Trachtenlederhose.

Vor unserer Redaktion in Kreuzberg steht ein brauner Pappkarton. Darin liegen einige Bücher, Kinderspielzeug aus Plastik, Haushaltswaren und ein roter Pullover. Auf den Karton hat jemand mit Edding »zu verschenken« geschrieben. Diese Art von kostenlosem Straßenflohmakt, Sperrmüllersatz oder Verschenkökonomie gibt es derzeit häufiger. Auch in zahlreichen sogenannten Freeboxen kann man Gegenstände oder Kleidung ablegen, die man verschenken möchte. »Ich hatte noch nie das Bedürfnis, da stehen zu bleiben«, sagt der Geschäftsführer der Jungle World und ist damit wirklich der einzige Dschungelbewohner, der dieser Versuchung widerstehen kann. Sogar die Feuilletonkollegin, der das Bücken nach Dingen eigentlich zuwider ist, nimmt ab und zu ein Buch von der Straße mit. Ganz anders ihr Ressortkollege. Stolz zupft er an seinem schnieken Oberhemd und der schwarzen Shorts: »Hier. Alles Freebox! Natürlich heiß gewaschen.«

Anzeige

Die Kollegen finden in Berlin so allerlei: Porzellantassen, Kleidung, Möbel, Bücher, DVDs. Sogar Schallplatten sollen in Kreuzberg auf der Straße stehen. »Ich habe geweint, als ich mal gesehen habe, wie jemand eine Platte von Brian Eno auf die Straße gestellt hat. Was sind das bloß für Menschen?« fragt sich der Feuilletonredakteur. Vermutlich welche, die keine Verwendung mehr für die Gegenstände haben. So wie den hübschen Kaschmirschal, den die Layouterin mal gefunden hat. In Zürich allerdings, denn dort hat sie die letzten Jahre gelebt. Entsprechend enttäuscht ist sie daher auch von den Berliner Verhältnissen: »Die Schweizer schmeißen schon geilere Sachen weg.«

Man kann aber aus der Freebox nicht nur Dinge mitnehmen, man darf auch Dinge dalassen. Unsere Geschäftsführerin verfolgt eine gewiefte Guerillawerbestrategie und legt regelmäßig die alten Jungle World-Ausgaben in die Freebox vor ihrem Wohnhaus.

Aber beim Jagen und Sammeln gilt natürlich auch die Glücksregel. Die Themaredakteurin hat vorige Woche einen echten Volltreffer gelandet. In einer Grabbelkiste auf dem Bürgersteig fand sie eine schwarze bayerische Trachtenlederhose: Modell Garmisch. Nach einiger Recherche stellte sich heraus, dass das gute Stück in neuem Zustand 1.300 Euro gekostet haben muss. Haben Sie ein Ahnung, wie lange Sie dafür ihre Lieblingszeitung lesen können? Rund 86 Monate lang.