Lahme Literaten, Folge 24

Ernst-Wilhelm Händler

Kolumne Von

Dass Unternehmer als literarische Figuren taugen, haben Thomas Mann in den »Buddenbrooks« und vor einigen Jahren Rainald Goetz in »Johann Holtrop« vorgeführt. Wenn aber die Literaturwissenschaft Aufsätze über einen Autor mit Titeln wie »Interdependenzen von ökonomischer und physischer Sphäre im Wirtschaftsroman« auswirft, zeigt das nicht nur eine Krise der Universität, sondern auch der Literatur an. Erst seit Geisteswissenschaftler einander in Coaching-Seminaren beibringen, wie man von »Workload« und »Qualitätssicherung« salbadert, und sich aufspreizen wie Reinkarnationen von Ferdinand Piëch, obwohl sie weder lesen noch schreiben können – erst mit der Mutation von Betriebsdenkern zu Wirtschaftsschauspielern also ist der »Wirtschaftsroman« entstanden, der Thomas Mann wahrscheinlich ein pikiertes Mundwinkelzucken entlockt hätte. Sein prominentester Vertreter, Ernst-Wilhelm Händler, steht »in der literarischen Tradition eines Hermann Broch«, weil er sich »mit dem kapitalistischen System und dessen Einfluss und Verführungskraft auf den Menschen« auseinandersetzt (Wikipedia). Ein anderer, nämlich der richtige Broch hätte eingewandt, dass der Kapitalismus wie alle Gesellschaftsformen Ergebnis der Handlungen der Menschen und nicht Wirkung astraler Erdbestrahlung ist, aber das wäre eine unfaire Kritik eines Autors, der in Interviews die Welt wie folgt erklärt: »Ein Firmenboss kann seine Leute entlassen, und im Kommunismus konnte man die Leute auch noch gleich umbringen. Insofern ist der Kapitalismus schon ein gewisser Fortschritt.«

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Geliebt wird Händler weniger für seine Gesellschaftsanalyse als für seinen asketischen Stil, den er »Grammatik der vollkommenen Klarheit« nennt. Die Grammatik besteht darin, langweilige Schwätzer und subalterne Bürokraten, denen man, weil man täglich mit ihnen umgehen muss, nicht auch noch in Romanen begegnen möchte, durch ostentative Sprachkargheit zu tiefgeistigen Durchquerern textueller »Hybride« zu erheben, »die zahlreiche Formen, Perspektiven und Stillagen integrieren« (Taz). Entsprechend wurde Händler nach Erscheinen seines Romans »Wenn wir sterben«, der die psychosomatischen Krisen von vier Geschäftsfrauen auswalzt, 2002 mit William Gaddis verglichen; später mussten es Kafka oder Pynchon sein. Doch während man Kafkas und Pynchons Labyrinthe jederzeit gegen die des zeitgenössischen Alltags eintauschen würde, soll man bei Händler Leute, die im wirklichen Leben Gähnanfälle induzieren, nur deshalb toll finden, weil sie plötzlich Figuren sind: New Yorker Galeristen (»Welt aus Glas«, 2009), Leipziger Elektrotechniker (»Der Überlebende«, 2012), bayerische Therapeutinnen (»München« 2016) oder Frankfurter Banker (»Das Geld spricht«, 2019). Händler arbeitete als Geschäftsführer der familieneigenen Leichtmetallfirma, bis er sich dank seines Philosophiestudiums animiert fühlte, etwas zu machen, bei dem man Menschen nicht nur wie Dinge behandelt. Deshalb erfährt man in seinen Büchern, anders als in realistischen und auch realsozialistischen Romanen, nichts davon, was Unternehmer, Galeristen oder Ingenieure tun, wenn sie auf der Arbeit sind. Statt als unfreie Subjekte ihrer Tätigkeit behandelt Händler sie als freie Subjekte ihrer Gedanken in einer ausweglosen Wirklichkeit. Deshalb lieben ihn nicht die Unternehmer, sondern die Akademiker, die wie seine Figuren nichts Sinnvolles gelernt haben, keine lustigen Menschen kennen, auf keine abwechslungsreiche Zukunft hoffen, sich aber für mächtig wichtig halten.