Antisemitische Großdemonstration

Für Gott, Nation und Judenhass

In Warschau sind erneut Zehntausende gegen Juden, Feminismus und Geflüchtete auf die Straße gegangen.

Es handele sich um die »größte patriotische, globalisierungskritische und politisch unkorrekte Kundgebung Europas«. Diese Ankündigung für den polnischen »Unabhängigkeitsmarsches« (Marsz Niepodległości) stammte von Krzysztof Bosak, einem Abgeordneten der rechtsextremen Partei Konfederacja, und er behielt recht. An dem Marsch nahmen am Montag, dem 11. November – dem Jahrestag der 1918 erlangten polnischen Unabhängigkeit –, nach Angaben der Stadt Warschau 45 000 Menschen teil. Seit zehn Jahren rufen das Nationalradikale ­Lager (ONR), die Allpolnische Jugend (MW) und die Nationale Bewegung (RN) jährlich zu der Veranstaltung auf.

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Grischa Stanjek / JFDA eV
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Rechtsextreme und nationalreligiöse Organisationen sowie Abtreibungsgegner prägten den Marsch. Der neofaschistische ONR, der bereits in der Zwischenkriegszeit an antisemitischen Boykotten teilgenommen hatte, huldigte in Sprechchören dem 1939 verstorbenen Begründer der nationalistischen, antisemitischen National-Demokra­tischen Partei, Roman Dmowski. Viele Teilnehmer schwenkten bengalische Feuer und erinnerten mit Parolen an die Narodowe Siły Zbrojne, eine antikommunistische, katholisch-nationalistische polnische Widerstandsorganisation aus der Zeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Die Organisation verantwortete nach Kriegsende Erschießungen jüdischer Repatrianten nach deren Rückkehr aus der Sowjetunion.

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Homophobe Spruchbänder, White-Power-Symbolik und Gebete gegen den Kommunismus machten während des Marsches deutlich, wer zur polnischen Nation gehören soll und wer nicht. Der offen zur Schau gestellte Antisemitismus zeigte, wen die Beteiligten für vermeintliche Angriffe auf das nationale Ehrgefühl verantwortlich machen. »Autonome Nationalisten« forderten eine »polnische Intifada« und die Befreiung Polens vom Zionismus. Dazu riefen sie: »Hier ist Polen, nicht ­Israel!« 

Die Veranstalter bewarben zudem die antisemitische Unterschriftenaktion »#STOP447«. Die Kampagne rich­tet sich gegen ein 2018 von den USA verabschiedetes Gesetz, den sogenannten Just Act 447, der Holocaust-Überleben­de und ihre Nachkommen bei der Entschädigung für im Zweiten Weltkrieg konfisziertes Eigentum unterstützen soll. Polnische Nationalisten lehnen solche Entschädigungen ab.

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Trotz des martialischen Auftretens zahlreicher vermummter Teilnehmer und der Pyrotechnik machten auch dieses Jahr Familien mit Kindern und äußerlich unauffällige Bürgerinnen und Bürger einen großen Teil des Marsches aus. Vor einigen Jahren hatten noch vermummte Hooligans das Bild bestimmt und sich lang andauernde Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Die Veranstalter schienen in diesem Jahr bemüht, solche Auseinandersetzungen zu vermeiden, auch wenn die inhaltliche Ausrichtung des Marsches unverändert blieb. Während seine Absicherung den Veranstaltern überlassen wurde, lief eine anti­faschistische Gegenkundgebung unter dem Motto »Für unsere und eure Freiheit« mit Tausenden Teilnehmern unter strenger Polizeibewachung.

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Das in nationalistischen polnischen Kreisen dominante Geschichtsbild brachte ein Plakat auf den Punkt: »Sei stolz! Du bist ein Pole! Polen ist der Retter des verdummten Europa«. Polen wird als letztes Land dargestellt, das sich einer angeblichen Fremdherrschaft durch die Europäische Union entgegenstellt. Das lockt auch Rechtsextreme aus dem Ausland an. Im vergangenen Jahr besuchten die Mitglieder der Identitären Bewegung, Daniel Fiß und Robert Timm, sowie eine Delegation von Pegida um Lutz Bachmann den Marsch. In Kommentaren in sozialen Medien stellten sie die polnische Gesellschaft als homogene, patriotische Gemeinschaft dar, die von Immigra­tion, Feminismus und anderen als bedrohlich empfundenen Entwicklungen unberührt geblieben sei.

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