Erinnerungspolitik und die Gegenwärtigkeit des Faschismus in Spanien

Das Vermächtnis des Diktators

Aus Anlass des Todestags des »Caudillo« Francisco Franco am 20. November feierte die »Nationale Francisco-Franco-Stiftung« in ganz Spanien Gedenkgottesdienste. Ein Urenkel Francos pflegt ein enges Verhältnis zum Vorsitzenden der rechtsextremen Partei Vox. Die Familie des ehemaligen faschistischen Diktators verfügt noch immer über ein immenses Vermögen.
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Mehr als 150 Franquisten und Neo­­faschisten versammelten sich am vorvergangenen Freitag in der Kathedrale von Granada, dem wichtigsten Gotteshaus der Hauptstadt Andalusiens. Der Altersdurchschnitt dürfte jenseits der 50 Jahre gelegen haben, doch auch junge Rechtsextreme und selbst Kinder im Grundschulalter in Begleitung ­ihrer Väter waren anwesend. Sie nahmen an einem der alljährlich stattfindenden Gedenkgottesdienste zu Ehren Francisco Francos teil. Franco starb am 20. November 1975. Dieses Jahr gab es in Granada keine antifaschistische Gegendemonstration. Die Anhänger Francos konnten unbehelligt für den ehemaligen faschistischen Diktator beten.

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Die »Fundación Nacional Francisco Franco« (Nationale Francisco-Franco-Stiftung, FNFF) hatte landesweit zu 22 Messen geladen. In Granada legten Vertreter der FNFF einen Kranz nieder. Die Schärpenstickereien lobten nicht nur Franco, sondern auch José Antonio Primo de Rivera, den Gründer der ­faschistischen Falange. Dieser verstarb ebenfalls an einem 20. November, im Jahr 1936. Francisco Javier Martínez Fernández, der Erzbischof von Granada, las die Messe. Er sprach von den »großen Taten, die Franco für Spanien leistete«, und meinte, dieser genieße das »ewige Leben an der Seite Gottes« – wie auch Primo de Rivera und Ramón Contreras Mongrell, ebenfalls ein Mitgründer der Falange.

Es könnte das letzte Mal gewesen sein, dass derartige Gedenkgottesdienste stattfanden. Vor den Parlamentswahlen am 10. November hatte der amtierende Ministerpräsident Pedro Sánchez vom sozialdemokratischen PSOE in einer Debatte angekündigt, dass die Verherrlichung der franquistischen Diktatur und ihrer Symbole unter Strafe gestellt werde, wenn es ihm gelingen sollte, eine Regierung unter seiner Führung zu ­bilden. Auch die FNFF solle dann verboten werden. Zwei Tage nach den ­Parlamentswahlen vereinbarten der PSOE und die linke Bündnisliste Unidas Podemos einen vorläufigen Koalitionsvertrag. Zusammen mit der aus Podemos hervorgegangenen linken Partei Más País (Mehr Land) und katalanischen und baskischen Unabhängigkeits­parteien könnten der PSOE und Podemos ein Verbotsgesetz beschließen.

Bereits 2008 war das »Gesetz zur Anerkennung und Erweiterung der Rechte jener, die während des Bürgerkriegs und der Diktatur verfolgt wurden und ­Gewalt erlitten, und zur Festlegung von Maßnahmen zu ihren Gunsten«, kurz »Erinnerungsgesetz« genannt, in Kraft getreten. Dieses verbietet unter anderem politische Veranstaltungen im Tal der Gefallenen. Franco ließ die 60 Kilometer von Madrid entfernt gelegene Gedenkstätte noch zu Lebzeiten von Zwangsarbeitern, die im Bürgerkrieg für die Republik gekämpft hatten, und anderen politischen Häftlingen erbauen. Sie ist Massengrab, Kirche und faschistisches Ehrenmal zugleich.

Der Journalist Emilio Silva gründete im Jahr 2000 die »Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica« (Verein zur Wiedererlangung der historischen Erinnerung, ARMH). Der Verein hat mittlerweile mehr als 700 Gräber geöffnet, in denen von Franco-­Anhängern ermordete Spanierinnen und Spanier verscharrt worden waren, und konnte die Gebeine von über 9 000 Personenbergen. Mehr als 114 000 desaparecidos (Verschwundene), deren Leichen noch nicht exhumiert werden konnten, stehen noch auf der Liste des Vereins.

Silva fordert seit Jahren, dass die katholische Kirche Gedenkgottesdienste zu Ehren Francos unterlassen und sich öffentlich und selbstkritisch dazu bekennen soll, eine wichtige Stütze des Franco-Regimes gewesen zu sein. »Die Gedenkgottesdienste sind ein ­Angriff auf die demokratischen Werte der Gesellschaft, widersprechen christlichen Grundsätzen und sind eine Beleidigung der Opfer der Diktatur«, sagte er der Jungle World.

Derzeit ist das immense Vermögen der Familie Franco wieder einmal Thema spanischer Medien. Der Journalist Mariano Sánchez Soler publizierte Ende der neunziger Jahre erstmals zum Vermögen der Francos, was ihm eine Klage wegen Rufschädigung einbrachte. ­Vorigen Monat veröffentlichte er das Buch »La Familia Franco, S. A.«; »S. A.« ist die Abkürzung für »Sociedad Anónima«, Aktiengesellschaft. Sánchez ­Soler sagte der Jungle World: »Die Franco-Familie konnte ihr Vermögen nach dem Übergang zur Demokratie verhundertfachen, was nur mit dem Wohlwollen der Regierungen möglich war.« Als Franco 1975 starb, soll sich das Vermögen auf etwa eine Milliarde Peseten belaufen haben.

»Die Franco-Familie konnte ihr Vermögen nach dem Übergang zur Demokratie verhundertfachen, was nur mit dem Wohlwollen der Regierungen möglich war.«
Mariano Sánchez Soler, Journalist

Mittlerweile soll die Franco-Familie Schätzungen zufolge über ein Vermögen in Höhe bis zu 600 Millionen Euro verfügen. Der größte Coup, so Sánchez Soler, sei der Familie mit einer Umwidmung von Ackerfläche zu Bauland bei Arroyomolinos, einer etwa 30 Kilometer südwestlich von Madrid gelegenen Gemeinde, gelungen.

Der Journalist Antonio Maestre, der Autor des dieses Jahr erschienenen Buchs »Franquismo S. A.«, sagte in ­einem vom Fernsehsender La Sexta übertragenen Debatte: »Das gesamte Vermögen Francos und seiner Nachkommen geht zurück auf den Genozid des Bürgerkriegs.« Maestre ist der ­Ansicht, die spanische Regierung müsse ein Gesetz beschließen lassen, das die Enteignung der Francos ermöglicht.

Am 18. November publizierte die konservative Tageszeitung El Mundo Auszüge aus Francos Testament. Dem Dokument zufolge soll sich Francos Ver­mögen 1968 auf 28,5 Millionen Peseten belaufen haben, umgerechnet knapp 1,8 Millionen Euro – viel weniger als das tatsächliche Vermögen, das oft von Vertrauten und Verwandten verwaltet wurde.

Neben einer Sommerresidenz, dem Pazo de Meiras in der nordwestlichen Provinz Galicien, besitzt die Familie weitläufige Ländereien, Landgüter, Jagdreviere und weitere Immobilien, etwa einen Häuserblock in der Madrider Calle Serrano, der mindestens 50 Mil­lionen Euro wert ist. Franco entwendete Kunstschätze aus Kirchen und Palästen, darunter zwei Statuen aus dem Hauptportal der Kathedrale von Santiago de Compostela. Dazu kommen Gemälde und Skulpturen enteigneter Republikaner sowie die Schmuck- und Juwelensammlung, die Francos Ehefrau Carmen zusammentrug.

Die FNFF veranstaltet nicht nur Gedenkgottesdienste zu Ehren Francos, sondern unterstützt auch die rechts­extreme Partei Vox. Louis Alphonse de Bourbon, ein Urenkel Francos und Ehrenpräsident der FNFF, pflegt ein enges Verhältnis zu Santiago Abascal, dem Vorsitzenden von Vox. De Bourbon und Abascal traten mehrfach zusammen auf; zudem soll de Bourbon an Vox gespendet haben. Bei den Parlamentswahlen am 10. November erhielt die Partei 15,1 Prozent der abgegebenen Stimmen und wurde drittstärkste Kraft. Vox fordert, dass die Suche nach Opfern der Franco-Diktatur eingestellt wird.