Wie die Politik von US-Präsident Trump die Ausbreitung der Pandemie begünstigte

Sehr gute Arbeit geleistet

Wie die Politik von Präsident Donald Trump und seiner Regierung zur dramatischen Ausbreitung der Covid-19-Pandemie in den Vereinigten Staaten beigetragen hat.

In seinen Youtube-Videos behauptet Vladimir Zelenko, ein Mittel gegen das neuartige Coronavirus gefunden zu haben: Chloroquin. Die Verwendung des Malariamedikaments gegen Covid-19 wurde zuerst in China erprobt, derzeit tritt insbesondere der franzö­sische Infektiologe Didier Raoult dafür ein (siehe Seite 15), doch auch der Landarzt Zelenko behauptet, er habe in ­seiner kleinen Gemeinde im US-Bundesstaat New York Erfolge erzielen können. Dabei ist die Wirksamkeit von Chloroquin gegen Covid-19 keinesfalls erwiesen, und ohne belastbare medizinische Studien liegt es nahe, die Empfehlung als Quacksalberei zu bezeichnen. Doch Zelenko wurde bereits von dem erzkonservativen Fernsehkommentatoren Sean Hannity interviewt, und auch Donald Trumps persönlicher Anwalt Rudy Giuliani lud ihn zu einem Gespräch. Giuliani lobte in seinem Podcast »Common Sense« Zelenko als einen Mann, der über »Lösungen« nachdenke, »genau wie der Präsident«. Es dauerte nicht lange, bis eben jener Präsident, Donald Trump, auf einer Pressekonferenz ebenfalls die Heilkraft von Chloroquin anpries – ein »Geschenk Gottes« nannte er das Mittel. Daraufhin kam es in den USA zu einem Ansturm auf Apotheken.

In New York ist seit einigen Tagen kein Platz mehr in den Leichenhallen. Im Central Park steht ein Feldlazarett.

Doch Chloroquin kann erhebliche Nebenwirkungen, etwa Herzrhythmusstörungen, verursachen und bei hohen Dosierungen sogar tödlich wirken. Eine ältere Hausfrau in Arizona wollte offenbar sich und ihren Mann gegen das Virus wappnen und mixte beim sonntäglichen Abendessen Chloroquinphosphat in die Cocktails, eine wasserlösliche Form des Wirkstoffs. »Ich sah es im Regal stehen und dachte mir: ›Hey, ist das nicht das Zeug, über das sie im Fernsehen sprechen?‹«, so die Hausfrau. Doch normalerweise werden mit dem von ihr verwendeten Präparat die Parasiten in Aquarien getötet. Das Paar kam mit einer schweren Vergiftung ins Krankenhaus, der Ehemann hat nicht überlebt. »Glauben Sie nichts von dem, was der Präsident sagt«, so die unvorsichtige Witwe.

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Kritiker bezeichnen Trumps Politik als inkompetent und auf Wunsch­denken fußend. Das Land ist auf den Kampf gegen das Virus schlecht vor­bereitet, es ist davon auszugehen, dass die Opferzahlen in den kommenden Wochen und Monaten hoch sein werden.

Dabei hätten die USA auf einen solchen Ernstfall vorbereitet sein müssen. Im Jahr 2017 setzte die Vorgänger­regierung unter Barack Obama das Team des vor der Amtseinführung stehenden Präsidenten über die Befehlsstrukturen und Vorgehensweisen bei einem eventuellen Seuchenausbruch in Kenntnis. Doch in einem Artikel für das Magazin Foreign Policy schrieb die Wissenschaftsjournalistin Laurie Garrett, die 1996 für ihre Berichterstattung über das Ebolavirus den Pulitzer-Preis gewonnen hatte, dass Trump die gesamte Befehlskette für den Fall einer Pandemie und dazugehörige Institutionen aufgelöst habe, darunter auch die Abteilung für globale Gesundheit und Sicherheit im Nationalen Sicherheitsrat (NSC). Zudem wurden die Gelder für das Center for Disease Control (CDC) drastisch gekürzt.

Als die Regierung am 3. Januar von den US-amerikanischen Nachrichtendiensten erstmals über das neue Virus in der chinesischen Provinz Hubei in Kenntnis gesetzt wurde, geschah über zwei Monate lang nichts. Man hätte die Zeit nutzen können, um eine neue Befehls- und Kommunikationsstruktur zu schaffen, um den Bestand an medi­zinischen Geräten aufzustocken, um Testverfahren zu entwickeln. Doch als ab dem 6. Februar die Weltgesundheitsorganisation 250 000 Sars-CoV-2-­Testkits an die ganze Welt lieferte, verteilte das Center for Disease Control lediglich 90 in den USA – und diese ­erwiesen sich als fehlerhaft.

Den Präsidenten schien das nicht zu interessieren. Noch am 10. Februar ­absolvierte er im Bundesstaat New Hampshire einen seiner üblichen Auftritte vor Tausenden johlender Fans und versprach, das Virus werde bald »auf wundersame Weise« verschwinden. Wochenlang hatte sich der Präsident nicht mit der Situation befasst, hatte sie schöngeredet oder sie gar als einen »Schwindel« der Medien und der Demokraten bezeichnet. Am 26. Februar, als die Zahl der Erkrankten of­fiziell nur bei 15 lag, sagte Trump bei einer Pressekonferenz, die Zahl der ­Infizierten werde bald wieder auf null sinken. »Wir haben es so gut im Griff«, meinte er. »Wir haben wirklich sehr gute Arbeit geleistet.«

Mittlerweile, nur wenige Wochen später, liegt die Zahl der diagnostizierten Infektionen in den USA bei über 330 000, mehr als 10 000 Menschen sind ­bereits an dem Virus gestorben. Anscheinend wurde Trump erst im März auf die Problematik aufmerksam, tat aber immer noch nichts. »Ich übernehme überhaupt keine Verantwortung«, sagte er bei einer Pressekonferenz im Rosengarten des Weißen Hauses am 13. März. Am 5. April berichtete das Wall Street Journal, die Anhänger des Präsidenten weigerten sich anscheinend noch immer, die Gefahr ernst zu nehmen.
Konservative Bundesstaaten wie Arkansas, Wyoming oder Utah tun sich mit einem Shutdown schwer. Zwar sind in den gesamten USA die Schulen ­geschlossen, doch viele Gouverneure wollen es dabei belassen. So weigerte sich beispielsweise der republikanische Gouverneur von Florida, Ron De­Santis, mehrere Wochen lang, die Strände der Ferienorte in Florida zu schließen. Noch im März reisten Abertausende Studentinnen und Studenten in ­ihren Frühjahrsferien nach Florida, um dort zu feiern und die Sonne zu genießen. Danach kehrten sie wieder an ihre Wohnorte zurück – manche von ihnen mit Coronainfektionen, die Epidemie verbreitete sich rasant. Erst am 3. April wurde in Florida ein Shutdown angeordnet.
Kaum anders sah es in den anderen Südstaaten aus. Am 26. März meinte Kay Ivey, die republikanische Gouverneurin von Alabama, ihr Staat sei nicht wie New York oder Kalifornien und ein Shutdown sei nicht nötig. ­Wenige Tage später musste sie einlenken, denn die Zahl der erkannten ­Neuinfektionen in Alabama stieg plötzlich um 606 Prozent.

Nun ist die Situation in vielen Bundesstaaten dramatisch. Weil die Bundesregierung keinen Plan hat, müssen die betroffenen Gouverneure auf eigene Faust versuchen, an die notwendige medizinische Ausrüstung und Hilfsgeräte zu kommen. Daraus resultiert Chaos. »Es gibt keine Tests«, so Laurie Garrett in einem Radiointerview. »Es gibt keine Schutzkleidung, es gibt kaum noch Masken. Es gibt kaum noch Gummihandschuhe.« In einer Pressekon­ferenz am 31. März sprach Andrew Cuomo, der demokratische Gouverneur des besonders schwer betroffenen Bundesstaats New York, von einem Bieterkrieg um medizinische Geräte. »Es ist, als wäre man bei Ebay«, so Cuomo, »mit 50 anderen Bundesstaaten, die auf ein einziges Beatmungsgerät bieten.«

Cuomo schlug vor, man solle den Kauf und die Auslieferung notwendiger Hilfsgüter auf Bundesebene organi­sieren. Trump weigerte sich: »Die Bundesregierung ist kein Lieferant.« Er scheint keine Verantwortung übernehmen zu wollen. Zudem drohte er indirekt, Gouverneuren notwendige Hilfsgüter nur bei Wohlverhalten zukommen zu lassen. »Sie müssen uns auch gut behandeln«, so Trump. »Sie können nicht einfach nur jammern, dass sie dieses oder jenes haben wollen.«

Zumindest in seinen fast täglichen Pressekonferenzen kann Trump sich nach Gutdünken profilieren. Seine Laune schwankt dabei bedenklich. »Alles wird gut«, versprach er am 15. März. Einen Tag später sagte er: »Es ist schlimm. Es ist so schlimm.« Zumindest damit scheint er recht zu haben. »Ich denke, die nächsten zwei Monate werden sehr tragisch werden«, so Laurie Garrett. »Die Situation wird bis Juli andauern und vielleicht noch darüber hinaus. Verschiedene Teile des Landes werden zu verschiedenen Zeiten den Höchststand erreichen. Bei uns in New York wird es wohl in den nächsten zehn Tagen so weit sein, und wenn die Zahl der Virusinfektionen wieder zurückgeht, werden wir in unserer Stadt mindestens 10 000 Tote zu beklagen haben. Andere Teile des Landes werden viel später betroffen sein, vielleicht erst Ende Mai oder sogar im Juni.«

In New York City ist seit einigen Tagen kein Platz mehr in den Leichenhallen. Die Opfer werden nun in Leichen­säcke gehüllt und in Kühlwagen aufbewahrt. Ein Handyvideo aus Brooklyn zeigt, wie Tote mit einem Gabelstapler in einen LKW geladen werden. Im Central Park steht nun ein Feldlazarett. Im Javits-Kongresszentrum am Hudson ­River wurde ein Behelfskrankenhaus errichtet. Im Hafen, in Sichtweite der Freiheitsstatue, liegt ein gigantisches schwimmendes Lazarett der US-Marine vor Anker, das allerdings für Kriegsverletzungen ausgerüstet ist, nicht für die Bekämpfung einer Pandemie; zumindest kann es die Krankenhäuser entlasten. Die Stadt ist in diesen Tagen wie ausgestorben. »80 000 Amerikaner werden in den nächsten drei Monaten ihr Leben verlieren – im besten Fall«, so Laurie Garrett. »Wenn die Regierung weiterhin solche Fehler macht, könnten es auch mehr als eine Viertelmillion sein.«

Die Vereinigten Staaten machen in der Pandemiebekämpfung den Eindruck eines failed state, der Präsident betreibt eine irrlichternde Politik.