Rechtsextreme, Impfgegner, Verschwörungsgläubige und Linksliberale haben in Berlin einen »Tag der Freiheit« veranstaltet

Die Freiheit, die sie meinen

In Berlin trafen sich am Wochenende die Sturmtruppen der Irrationalität: Rechtsextreme, Impfgegner, Verschwörungsgläubige und Linksliberale demonstrierten am »Tag der Freiheit« gegen die Pandemiemaßnahmen der Bundesregierung.

Als eine der höchsten Freiheiten gilt es hierzulande, in einem Auto zu sitzen. Durchschnittlich 120 Stunden im Jahr steht jeder deutsche Autofahrer im Stau. Zu den höchsten Freiheiten zählt es also, zwangsweise dem sinnlosen Verrinnen der eigenen Zeit beizuwohnen, häufig auf dem Weg zur Arbeit, wo sich dann noch mehr Lebenszeit in tote Zeit verwandelt.

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Bei diesem Stand der Freiheit unter kapitalistischen Verhältnissen ist es nicht verwunderlich, dass sich auch die Sturmtruppen der Irrationalität auf sie berufen. Allerdings ging es den Demonstrantinnen und Demonstranten, die sich am Wochenende als selbsternannte »Querdenker« zu einem »Tag der Freiheit« und zum Protest gegen die Pandemiemaßnahmen der Bundesregierung in Berlin eingefunden hatten, nicht darum, öffentlich ihre Zustimmung zur Freiheit kundzutun, die eigene Lebenszeit zu opfern. »Wir sind die zweite Welle« war auf zahlreichen T-Shirts und Transparenten der sogenannten Coronarebellen, -skeptiker und -leugner zu lesen, laut erklang in Sprechchören die Forderung »Maske weg!« – angesichts einer weltweiten Pandemie mit bereits 700 000 Toten innerhalb einiger Monate sind solche Freiheitswünsche durchaus als Drohungen gegen Leib und Leben anderer zu verstehen.

Dieser Demonstrant bediente sich eines Zitats von Hannah Ahrendt

Bild:
Po Ming Cheung

Dass die versammelten Maskenverweigerer nicht nur in epidemiologischer Hinsicht, sondern ganz handgreiflich eine Gefahr für andere darstellten, erfuhren beispielsweise Angestellte eines an der Demonstrationsroute gelegenen Supermarkts. Sie wurden wegen ihrer Hinweise auf die herrschende Maskenpflicht von einkaufenden Demonstranten derart bedroht, dass sie ihre Arbeit nur unter Polizeischutz fortsetzen konnten. Auch Pressevertreter und Antifaschisten hatten unangenehme Begegnungen mit vermeintlich Freiheitsliebenden. Verwunderlich ist das nicht: Neonazis, Reichsbürger, Hooligans, Identitäre, Anhänger von Pegida und ähnliche rechtsextreme Freunde der Brutalität stellten eine nicht zu vernachlässigende Zahl der Teilnehmer. Sie setzten auch optisch Akzente: Ihre schwarz-weiß-roten Reichsflaggen und Landsmannschaftsfähnchen flatterten neben stars and stripes und Russlandfahnen, begleitet von Regenbogenfahnen mit den groß aufgedruckten Lettern »Peace«, Fotos von Wladimir Putin und Donald Trump sowie einem Großporträt von Mahatma Gandhi und zahlreichen Schildern, die den präferierten Verschwörungsglauben ihrer Träger verrieten: 5G, Qanon, Impfzwang.

Beworben oder begleitet von geschäftstüchtigen Demagogen des Verschwörungsbusiness wie Oliver Janich, Heiko Schrang und Ken Jebsen erweckte die Demonstration den Eindruck eines einträchtigen gesamtdeutschen Gipfeltreffens: Esoterisch gestimmte westdeutsche Impf- und 5G-Gegner trafen sich mit dem ostdeutschen Publikum von Pegida in Berlin, wo die »Hygienedemonstrationen« auf Initiative einiger Linksliberaler begannen, für die das Tragen einer Maske zum Schutz anderer Person Ausdruck von diktatorischen Maßnahmen ist.

Es sieht nicht danach aus, als würde aus dieser Ansammlung eine politisch wirksame Bewegung. Statt der angekündigten und im Nachhinein verlautbarten Millionen aufständischer Bürger kamen lediglich zwischen 20 000 und 30 000 »Coronarebellen« nach Berlin. Das wirkte vom Straßenrand betrachtet bedrohlich, ist für eine bundesweit beworbene zentrale Massenveranstaltung jedoch alles andere als eine rühmliche Zahl.

Schwäbische Querdenker. Etliche Teilnehmer reisten aus dem Südwesten an

Bild:
Po Ming Cheung

Angesichts der wenig triumphalen Dimension des Aufmarschs erweckte die ausufernde und lustvoll zelebrierte Empörung über die Irrationalität der versammelten »Covidioten« in sozialen und herkömmlichen Medien zeitweise den Eindruck, als solle sie von der Irrationalität des Ganzen ablenken. Irrational ist es, dass der kapitalistische Laden auch in Zeiten einer Pandemie weiterlaufen muss, mit Milliardenhilfen für Konzerne und Unternehmer einerseits, materiellen Entbehrungen für die Beschäftigten in Kurzarbeit und der forcierten Vernutzung der Arbeitskraft von Beschäftigten, die Überstunden leisten müssen, andererseits. ­Irrational ist eine Wirtschaftsweise, die nicht etwa eine koordinierte und umfassende Eindämmung einer medizinischen Bedrohung ermöglicht, sondern deren systemische Zwänge zu einer zusätzlichen ökonomischen Krise gigantischen Ausmaßes führen. Und flankiert wird der ökonomische Wahnsinn bisweilen von staatlichen Maßnahmen, die vorgeblich der Gesundheit dienen sollen, bei denen jedoch Autoritäres durchscheint: So nutzt die Polizei etwa die derzeit vorgeschriebenen Gästelisten von Lokalen auch für Ermittlungen. Wer das nicht kritisiert, sollte auch von den »Covidioten« schweigen.