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https://www.jungle.world/artikel/2025/28/verein-fordert-aufhebung-schwimmverbot-in-der-spree-schwimmen-statt-schwitzen

Ein Verein fordert die Aufhebung des Schwimmverbots in der Spree

Schwimmen statt Schwitzen

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Dieser Sommer wird überdurchschnittlich heiß; Zeit also, das Schwimm­verbot in der Berliner Spree aufzuheben? Die Wasserqualität ließe es jedenfalls zu und an bestimmten Stellen wäre es auch sicher genug. Beim Zugang zu innerstädtischen Flüssen geht es freilich nicht nur ums Schwimmen, sondern auch um eine gerechte Stadtnutzung.

Seit mittlerweile 100 Jahren darf in der Spree nicht mehr geschwommen werden. 1925 schloss der Berliner Magistrat die bis dahin bestehenden Flussbadeanstalten. Aus hygienischen Gründen, wie Jan Edler der Jungle World berichtet: »Die Spree wurde im Zuge der Industrialisierung zunehmend zum Abwasserkanal.«

Heutzutage verbietet die Berliner Badegewässerverordnung das Baden in der Spree. Edler und sein Verein Fluss Bad Berlin sind allerdings überzeugt, dass ein gänzliches Schwimmverbot nicht mehr zeitgemäß ist. Um zu demonstrieren, dass es problemlos möglich ist, im wichtigsten Fluss der Hauptstadt zu baden, hatte der Verein unter anderem am 17. Juni zur Schwimmdemonstration aufgerufen.

»Es gibt viele Gründe dafür, das Schwimmen in der Spree zu ermöglichen, unter anderem zur Verbesserung der Lebensqualität.« Jan Edler, Fluss Bad Berlin

Etwa 300 Menschen sprangen an diesem Tag aus Protest an der Berliner Museumsinsel in die Spree. Für den sogenannten Spreekanal, in dem sie nicht zum ersten Mal demonstrativ geschwommen sind, haben sie sich entschieden, weil es dort keinen motorisierten Verkehr gibt. So wie derzeit die Badegewässerverordnung aus Sicherheitsgründen das Schwimmen in der Nähe von Schleusen verbietet, ist auch dem Verein an der Sicherheit gelegen und er will nicht einfach überall das Schwimmverbot aufheben.

Der Einsatz von Edler und seinem Verein ist nicht auf ein Faible für Wassersport zurückzuführen. Es geht ihnen um die Veränderungsprozesse, die in Berlin nach dem Mauerfall begannen. »Ende der neunziger Jahre haben wir begonnen, uns mit dem Schwimmen in der Spree zu beschäftigen«, berichtet Edler.
Der Zugang zu innerstädtischen Flüssen, nicht zur zum Zwecke des Schwimmens, wurde in den neunziger Jahren europaweit zu einem kontroversen Thema.

Im Zuge globaler technologischer und wirtschaftlicher Veränderungen stellten viele innerstädtische Industriebetriebe in Europa ihren Betrieb ein. Die fanden sich bis dahin oft an Flussufern, da die Flüsse als Transportweg und zur Abwasserentsorgung dienten. Mit dem wachsenden Umweltbewusstsein wurden zudem immer weniger Abwässer aus privaten Haushalten in die Gewässer geleitet. Damit gewannen die innerstädtischen Gewässer nicht nur an Reiz, sondern konnten als touristische Attraktion und Erholungsraum auch städtebauliche Funktionen übernehmen, die zuvor, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle spielten.

Wasserqualität laufend überwacht

Auch in Berlin hat die Spree mittlerweile an vielen Tagen im Jahr wieder eine Wasserqualität, die das Baden erlauben würde. Das lässt sich dank moderner Messtechnik laufend überwachen; ein entsprechendes System von Fluss Bad Berlin in Kooperation mit dem Kompetenzzentrum Wasser ist am Spreekanal in der Stadtmitte bereits im Einsatz.

»Es gibt viele Gründe dafür, das Schwimmen in der Spree zu ermöglichen, unter anderem zur Verbesserung der Lebensqualität, der Hitzeresilienz, der Umweltgerechtigkeit und zur Schaffung einer gemischten und damit zukunftsfähigen Nutzung in der Innenstadt«, argumentiert Edler. In einer immer stärker verdichteten und im Zuge des Klimawandels heißer werdenden Stadt ist die Rolle, die die Spree für die Bewoh­ner:innen Berlins spielen könnte, in der Tat nicht 
zu unterschätzen.

Die überfüllten und stetig teurer werdenden Berliner Freibäder zeugen davon. Zumal die Freibadsaison in Berlin dieses Jahr denkbar schlecht begonnen hat: Einige Bäder bleiben geschlossen oder haben aufgrund von Sanierungsarbeiten oder technischen Problemen eingeschränkte Öffnungszeiten. Anders als in den Freibädern wäre in der Spree Schwimmen im Rahmen des Gemeingebrauchs möglich. »Gemeingebrauch heißt: Jeder hat das Recht, schwimmen und paddeln zu gehen. Dieses Grundrecht wird in Berlin aber mit Füßen getreten«, kritisiert Edler.

Bedürfnisse der Bewohner:innen

Aber nicht jeder befürwortet die Aufhebung des Schwimmverbots. Einige wenden zum Beispiel ein, das Baden neben der Museumsinsel könnte den Eindruck des historischen Ensembles stören. »Wenn ich immer Angst habe, wenn ich was verändere, dass da zu viele oder die falschen Menschen kommen, dann kann ich keine sinnvolle Stadtplanung mehr machen«, entgegnet Edler diesen Bedenken.

Bislang haben touristische Inszenierungen häufig Vorrang gegenüber den Bedürfnissen der Bewohner:innen. Im nahegelegenen Potsdam ging das sogar so weit, dass ein existierendes Strandbad an der Havel verkleinert und verlegt wurde, um einen nach dem Zweiten Weltkrieg überbauten Weg im Babelsberger Park wiederherzustellen. Dabei mangelt es auch in Potsdam an öffentlichen Badeflächen. Nach einer zweijährigen Sanierung wurde das Strandbad Babelsberg gerade erst wiedereröffnet.

Es gibt aber auch einen genau gegenläufigen Einwand gegen das Vorhaben von Fluss Bad Berlin: Die Öffnung der Spree zum Baden und Schwimmen würde die Gentrifizierung vorantreiben. Tatsächlich hatte die gewandelte Funktion innerstädtischer Flüsse Einfluss auf Veränderungsprozesse, die Städte in den vergangenen Jahrzehnten durchliefen. Der Rückzug industrieller Nutzung von den innerstädtischen Flussufern ließ dort in großem Umfang Flächen und Gebäude frei werden. Häufig handelt es sich dabei um Industriearchitektur aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, die ihren Reiz hat.

Privatisierung der Ufergrundstücke verhindern

Die frei gewordenen Flächen wurden oft von Künstler:in­nen, Hausbesetze­r:innen oder Clubs in Beschlag genommen; allerdings zumeist nur zur Zwischennutzung. Denn mittlerweile sind aus den ehemaligen Industriestand­orten begehrte Lagen für Wohn- und Geschäftsviertel geworden. Die entsprechenden Umbauten strahlen auch auf die anliegenden einstigen Arbeiterviertel aus. In Hamburg bedroht diese Entwicklung derzeit das weit über die Stadt hinaus bekannte Kulturschiff »MS Stubnitz«. Dessen Liegeplatz wandelte sich von einem Industriehafen zu einem Wohnviertel, mit den daraus resultierenden Nutzungskonflikten.

Edler verweist hingegen darauf, dass das Schwimmen in der Spree für die Gentrifizierung eher symbolische Bedeutung habe. »Wenn man verhindern will, dass die Nutzung der Stadtflüsse Gentrifizierung vorantreibt, dann muss man die fortschreitende Privatisierung der Ufergrundstücke verhindern und nicht das Schwimmen im Fluss.«

Gerade in stark gentrifizierten Städten könnte der Zugang zu städtischen Gewässern Menschen Nutzungsmöglichkeiten eröffnen, die sonst von Vielem ausgeschlossen sind.

Dafür ist es in vielen Städten allerdings schon zu spät. In Potsdam beispielsweise, wo entlang der Havel die Grenze zu Westberlin verlief, wurde nach dem Ende der DDR auf dem ehemaligen Postenweg von deren Grenztruppen ein Uferweg angelegt. Nach der Reprivatisierung der entsprechenden Grundstücke sperrten die neuen Eigentümer den Weg, so dass es in dieser wasserreichen Stadt für die meisten Be­wohner:innen nur wenige Stellen gibt, an denen sie das Wasser erreichen können. Die Wiederherstellung eines öffentlichen Uferweges würde hier umfangreiche Enteignungen erfordern.

Gerade in stark gentrifizierten Städten könnte der Zugang zu städtischen Gewässern Menschen Nutzungsmöglichkeiten eröffnen, die sonst von Vielem ausgeschlossen sind. Edler verweist aufs Ausland: »In Paris wird seit diesem Monat wieder innerstädtisch in der Seine geschwommen, in New York arbeitet man mit Hochdruck an der Umsetzung der im letzten Jahr beschlossenen ›New York Swims Initiative‹, und auch in Berlin könnten wir sofort innerstädtisch schwimmen gehen, wenn Politik und Verwaltung den Weg frei machen würden.« Am Umgang mit den innerstädtischen Gewässern in sich verändernden Städten werden sich jedenfalls auch in Zukunft Fragen und Probleme einer gerechten Stadtnutzung festmachen lassen.