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https://www.jungle.world/artikel/2025/28/staatsgeiseln-iranische-justiz-bedroht-franzoesische-inhaftierte-politik-und-erpressung

Die iranische Justiz bedroht zwei französische Inhaftierte mit der Todesstrafe

Politik und Erpressung

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Ein 18jähriger Radtourist wird im Iran vermisst, den dort inhaftierten Franzosen Cécile Kohler und Jacques Paris droht nun die Todesstrafe. In Algerien erhielten der französische Sportjournalist Christophe Gleizes sieben und Boualem Sansal zweitinstanzlich fünf Jahre Haft wegen Staatsschutzdelikten.

Paris. Vor 50 Jahren reisten Zehntausende junger Europäer auf dem Landweg über den Iran und Afghanistan nach Indien. Heutzutage ist dies kaum mehr möglich, nicht nur wegen der Kriege im Mittleren Osten seit circa 1980 – darunter jener der UdSSR in Afghanistan und der zwischen Irak und Iran –, auch Diktaturen wie die der Taliban verhindern die Nutzung der alten Hippie-Route.

Reisende gibt es dennoch. Ein 18jähriger aus Besançon mit deutscher und französischer Staatsbürgerschaft, Lennart Monterlos, wollte in diesem Jahr sowohl den Iran als auch Afghanistan auf einer Abenteuerradtour durchqueren; sein Weg sollte ihn bis nach Japan führen, bevor er in Frankreich sein Studium aufnehmen wollte. Doch seit dem 16. Juni wird er im Iran vermisst.

Die iranische Justiz klagt Kohler und Paris wegen »Spionage für den Mossad«, »Verbreitung moralischer Verderbnis« und »Bestrebungen zum Sturz der Islamischen Republik« an.

Das iranische Regime praktiziert schon seit längerem eine Taktik, die als staatliche Geiselnahme bezeichnet werden kann. Monterlos als Angehöriger gleich zweier westlicher Staaten läuft Gefahr, nächstes Opfer dieser Praxis zu werden. Bereits seit Mai 2022 sitzen im Iran die 40jährige französische Lehrerin Cécile Kohler und ihr 72jähriger Lebensgefährte Jacques Paris im Knast. Sie wurden mutmaßlich wegen Kontakten zu einer verbotenen, aber weiterhin aktiven iranischen Lehrergewerkschaft inhaftiert.

Nun wurde bekannt, dass die iranische Justiz beide wegen »Spionage für den Mossad«, »Verbreitung moralischer Verderbnis« und »Bestrebungen zum Sturz der Islamischen Republik« anklagt, wofür jeweils die Todesstrafe verhängt werden kann. Wahrscheinlich ist, dass Kohler und Paris, und im Falle seiner Festnahme auch Monterlos, dem Regime als Faustpfand bei offiziellen oder geheimen Verhandlungen mit Frankreich dienen sollen.

Iran ist eine ausgeprägte Folterdiktatur

Der Iran ist eine ausgeprägte Folterdiktatur, aber auch manch anderer Staat nutzt politische Gefangene für seine diplomatischen Zwecke. Algerien beispielsweise: Der französische Sportjournalist Christophe Gleizes und der französisch-algerische Schriftsteller Boualem Sansal sitzen derzeit in algerischen Gefängnissen ein. In dem Land waren in den vergangenen zwei Jahren rund 300 Menschen wegen Meinungsdelikten, also gewaltloser politischer Vergehen, inhaftiert, meist im Zusammenhang mit der von 2019 bis 2021 starken Protestbewegung Hirak.

Der 36jährige Gleizes, der einen Teil seiner Kindheit mit seinen Eltern in Zimbabwe verbracht hatte, ist freischaffender Journalist mit einer Leidenschaft für Fußball und Interesse an afrikanischen Themen. 2018 verfasste er ein wichtiges Buch über afrikanische Fußballer, die von zwielichtigen Managern unter falschen Versprechungen nach Europa gelockt werden. 2015 und erneut 2024 traf er in Algerien wegen eines Buchprojekts Verantwortliche des historisch bedeutsamen Fußballclubs Jeunesse sportive de Kabylie (JSK) in Tizi Ouzou, neben Béjaïa eine der beiden Regionalhauptstädte der berbersprachigen Region östlich von Algier.

Die algerischen Behörden werfen Gleizes den Kontakt zu einem der Hauptverantwortlichen des Clubs vor, der als einer der Sprecher der separatistischen Gruppe Bewegung für die Autonomie der Kabylei (MAK) agierte und seit kurzem im Exil lebt. Der 2001 gegründete MAK tritt für die staatliche Unabhängigkeit der Kabylei von Algerien ein. Diese Position ist höchst minoritär, doch hat sie wegen der frus­trierten Veränderungswünsche im Zuge des Niedergangs und der Unterdrückung der Hirak-Bewegung in jüngerer Zeit etwas an Popularität gewonnen. Seit Mai 2021 stufen die Behörden den MAK als terroristisch ein, obwohl die Bewegung ihren Kampf stets unbewaffnet geführt hat.

Unterstützungskomitee in Frankreich

Ende Mai vorigen Jahres wurde Gleizes festgenommen und zunächst unter Meldeauflagen gestellt. Am 29. Juni wurde er in Tizi Ouzou erstinstanzlich wegen Verherrlichung von Terrorismus zu sieben Jahren Gefängnis ohne Bewährung und sofortigem Haftantritt verurteilt. Gleizes legte Berufung ein, seine Familie und sein Unterstützungskomitee in Frankreich machten wegen der Verurteilung seine Situation erstmals öffentlich. Bis dahin hatten sie auf diskrete Gespräche zwischen den Behörden beider Länder gehofft.

Am 1. Juli bestätigte ein Berufungsgericht in Algier zudem die in erster In­stanz verhängte fünfjährige Haftstrafe gegen den französisch-algerischen Schriftsteller Boualem Sansal wegen Staatssicherheitsdelikten. Die Staatsanwaltschaft hatte in der Berufungsinstanz abermals zehn Jahre Haft gegen ihn gefordert. Erneut war über eine Amnestierung Sansals durch Staatspräsident Abdelmadjid Tebboune spekuliert worden, diesmal anlässlich des algerischen Unabhängigkeitstags am 5. Juli. Doch Tebboune schloss Sansal ebenso wie Gleizes von der an diesem Jubiläum üblichen Amnestie aus.