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Die Kurzgeschichten von Arno Schmidt
Nescafé und Worcestertunke
In den fünfziger Jahren publizierte Arno Schmidt mangels Hausverlag Kurzgeschichten in Zeitschriften, von denen nun eine Auswahl in Buchform erschienen ist. Zu den Brot- und Gelegenheitsarbeiten des Schriftstellers.
In der Dankesrede zur Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt am Main, die seine Frau Alice an seiner Statt 1973 in der Paulskirche vortrug, formulierte Arno Schmidt ein Credo, das an Meret Oppenheims Maxime »Don’t cry – work« erinnert, die wiederum Rainald Goetz 1983 als eine Art Motto auf die Rückseite seines Romans »Irre« drucken ließ. Schmidt schrieb: »Sei es noch so unzeitgemäß und unpopulär, aber ich weiß, als einziges Panacee, gegen Alles, immer nur ›Die Arbeit‹ zu nennen; und was speziell das anbelangt, ist unser ganzes Volk, an der Spitze natürlich die Jugend, mitnichten überarbeitet, vielmehr typisch unterarbeitet : ich kann das Geschwafel von der 40=Stunden=Woche einfach nicht mehr hören : meine Woche hat immer 100 Stunden gehabt.«
Was die heutige moralsäuerliche Kritik ihm als Plädoyer für einen Jugendarbeitsdienst auslegen würde, meinte Schmidt ganz amoralisch: nicht als Votum für qualitätslose Arbeit als Disziplinierungsmittel, sondern – im Sinne von Oppenheim und Goetz – als Hinweis darauf, dass das einzige Gegengift gegen Apathie, Stagnation und (Selbst-)Verblödung nicht die Inspiration, sondern die konzentrierte Arbeit an einem Gegenstand ist, der einen erfüllt, auch wenn sie einen erschöpft. Solche Arbeit dispensiert nicht nur von Trägheit und abstumpfender Freizeit, sondern auch vom heute wieder up to date seienden Hang zum Jammerlappentum, das Schmidt nicht weniger verachtete als Goetz.
Die meisten der Texte entstanden in einer Zeit ökonomischer Bedrängnis, zwischen 1955 und 1956, nachdem Schmidt seinen Beruf als Dolmetscher zugunsten eines Lebens als freier Schriftsteller aufgegeben hatte.
Kaum zufällig mokierte Schmidt sich in derselben Rede über die in der DDR gängige Verehrung des »schreibenden Arbeiters«, dessen »sterile Gebrauchsliteratur« als realsozialistischer Gegenentwurf zum westlichen »BerufsSchriftsteller« (so seine Schreibweise) propagiert werde – »wie wenn man derlei auch ohne lebenslange mühsame Ausbildung, so nach Feierabend nebenbei mitausüben könne«. Der »schreibende Arbeiter« muss, weil er ein Arbeiter ist, der schreibt, seine Hauptsache – das Schreiben – in der Freizeit erledigen, während der »BerufsSchriftsteller«, wie Schmidt einer war, in der Hauptsache Schriftsteller und notgedrungen manchmal auch erwerbstätig ist.
Dieser Arbeitsteilung hat Schmidt nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Mitmenschen unterworfen. Die mittlerweile bei Suhrkamp erschienenen Tagebücher, die Alice Schmidt in den fünfziger Jahren führte, zeigen, dass die ihr von ihrem Mann auferlegte und von ihr akzeptierte Selbstbeschränkung aufs Dasein der Hausfrau, Sekretärin, Lektorin und Terminplanerin nicht einfach von Unterwürfigkeit zeugte, sondern Ergebnis einer gemeinsamen Entscheidung für eine ungleiche Rollenverteilung in der Paarbeziehung war.
Eine ähnlich rigide Arbeitsteilung nahm Schmidt in sich selber vor: zwischen der von ihm so genannten »Brotarbeit« und den »eigentlichen dichterischen Werken«. Dabei verstand er, der in den dreißiger Jahren als Lagerbuchhalter in einer Textilfabrik dafür zuständig gewesen war, die Entwicklung der Auftragseingänge und -erledigungen in Tabellen und Schaubildern auf Millimeterpapier festzuhalten, die »dichterischen Werke« als Ergebnis von von Kalkül und Konzeption – von »Berechnungen«, wie er seine poetologischen Essays nannte –, während ihm umgekehrt die »Brotarbeit« nicht nur Auftragsarbeit, sondern zum Zweck des Einkommens geleistete schriftstellerische Arbeit war.
Care-Pakete und Übersetzungen
Einen Einblick in diese Arbeit erlaubt der unter dem Titel »Der Tag der Kaktusblüte« erschienene, von Michaela Nowotnick herausgegebene Band, der sämtliche kurzen, zwischen 1955 und 1959 entstandenen Erzählungen Schmidts versammelt. Die Kriterien der Auswahl mögen willkürlich erscheinen – weshalb wurde genau dieser Zeitraum ausgewählt, und wie unterscheiden sich kurze von längeren Erzählungen? –, das Vorwort der Herausgeberin verdeutlicht aber den werkgeschichtlichen Hintergrund, der die Zusammenstellung motivierte.
Die meisten der Texte entstanden in einer Zeit ökonomischer Bedrängnis, zwischen 1955 und 1956, nachdem Schmidt seinen Beruf als Dolmetscher zugunsten eines Lebens als freier Schriftsteller aufgegeben hatte und nach seinem Zerwürfnis mit dem Rowohlt-Verlag dort nicht mehr als Übersetzer tätig war. In den unmittelbaren Nachkriegsjahren hatte er mit seiner Frau von Care-Paketen gelebt, die seine Schwester Lucy aus den Vereinigten Staaten schickte und deren Inhalt Alice Schmidt auf dem Schwarzmarkt verkaufte oder tauschte. In den Jahren danach waren seine Einkunftsquellen neben Radio-Essays für den Vertrauten Alfred Andersch, der Redakteur beim Südwestrundfunk war, literarische Übersetzungen.
Von 1955 an erschienen mit kurzem zeitlichen Abstand Texte in vielen, sehr unterschiedlichen Zeitungen und Zeitschriften wie der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, der Anderen Zeitung, den Nürnberger Nachrichten, der Hannoverschen Presse, dem Studentenkurier und Konkret. Neben diesen Arbeiten wurde in die Sammlung auch solche Kurzprosa aufgenommen, die zur Veröffentlichung geschrieben, aber nicht gedruckt wurde oder die als Seitenstück zu größeren Prosawerken entstand.
Fast feuilletonistischer Charakter
Wegen ihres fast feuilletonistischen Charakters eignet sich die Zusammenstellung sowohl für alle, die einen ersten Zugang zu Schmidts Texten suchen, wie auch als Korrektiv für diejenigen, die ihn als hermetischen poeta doctus schmähen oder schätzen. Die Nähe zum verballhornten Dialekt, zur Vulgär- und Umgangssprache, zum Provinziellen und Trivialen ist in den hier versammelten Erzählungen und Essays frappant. Viele verbinden Poetologisches und Anekdotisches, Abwegiges und Grundsätzliches. Beispielsweise ein Text, der im September 1955 unter dem kontrafaktischen Titel »Ich bin erst sechzig« – Schmidt war damals 41 – in der Westfälischen Rundschau erschien und den Besuch einer Auktion antiquarischer, aber nicht unbedingt wertvoller Bücher beschreibt:
»Ich ging damals hin, wie ich zu allen Auktionen gehe : nicht, um zuzusehen, wie Mutters Wintermantel und Überschuhe versteigert werden (…); dann setzt sich wohl eine dicke Person mit dreidoppeltem Unterkinn in den Korbsessel, und bietet mit, indem sie mit der Regenschirmspitze halb die Luft vor ›ihren‹ Gegenständen anritzt; oder nutzlose alte Möbelchen werden vorher laut als ›Brennholz‹ bezeichnet, um den Preis zu drücken – wie gesagt, deswegen nicht. Ich brauche die Reste meiner Phantasie, um damit die wenigen Sachgebiete zu beheizen, die mich vor völliger Erstarrung bewahren : ich gehe hin, wegen der Bücher.«
Im Verlauf der rudimentären Handlung konkurriert der Erzähler um einen Apparat sämtlicher »Staatshandbücher« des »ausgestorbenen, abgewrackten Königreichs Hannover« mit einem alten Mann (»mochte 70 sein«), der sich als ehemaliger Freund des vormaligen Besitzers der Bibliothek vorstellt. Dieser habe seinerzeit eine »Kartei« begonnen, »in der er das gesamte Personal damaliger Zeit erfassen wollte«. Trotz körperlicher Übermächtigkeit (»ich war über zwei Meter groß«) überlässt der Erzähler dem kleineren Mann die Bücher gegen Unterzeichnung eines Vertrags, »gemäß welchem, nach seinem Tode, das ganze Material an mich fallen mußte«.
Am Ende steht die Schmidt’sche Variante eines Happy Ends: »Ich besuche ihn oft und kontrolliere, ob er die Kartei auch redlich weiterführt. Natürlich kommen wir oft in eine Art Gespräch. Er trinkt gern meinen Nescafe; weiß aber unheimlich viel vom Königreich Hannover; eine Scylla in Worcestertunke. Ich auch. / Aber ich kriege ihn : Er ist Neunzig; ich bin erst Sechzig.«
Was Schmidts Werk mit so unterschiedlichen, ihm gleichwohl von ferne verwandten Autoren wie Jean Paul, Karl May und Else Lasker-Schüler verbindet.
Hier zeigt sich, was Schmidts Werk mit so unterschiedlichen, ihm gleichwohl von ferne verwandten Autoren wie Jean Paul, Karl May und Else Lasker-Schüler verbindet: eine bereitwillig ins Unglaubwürdig-Abstruse (ist der Alte nun 70 oder 90? War Arno Schmidt wirklich über zwei Meter groß?) überschießende Phantasie, die sich am konkreten Detail entzündet; die Verbindung von Alltagsbanalität und Büchergelehrsamkeit, griechischer Mythologie und Nescafé; die Fusion von Idiosynkrasie und Nonchalance, pedantisch bei allem, was man liebt, großzügig bei allem, was anders ist als man selbst. Deshalb, und nicht, weil er ein verknöcherter Autoritärer gewesen wäre, blieb Schmidt strikt skeptisch gegenüber der jeweils neuesten Jugend und sympathetisch gegenüber dem jeweils neu Veralteten. Er schätzte »den Geiste des (…) längst Abgestorbenen, der sich da monate= und jahrelang um irgendein (heute absurdes) Problem gemüht hatte. (…) Was hatten die alten Männer gearbeitet! (Bald würde auch ich einer sein; triefherzig, mit zähem Ideengewackel, fingerschläuchig, ein weißer Greis, gack gack)!«
Wer für abgestorbene, absurde Probleme und für solch undurchdringlich präzise Sprache etwas übrig hat, der sollte Schmidt lesen.
Arno Schmidt: Der Tag der Kaktusblüte. Erzählungen. Herausgegeben von Michaela Nowotnick. Suhrkamp, Berlin 2026, 172 Seiten, 18 Euro

