# Disko
https://www.jungle.world/artikel/2026/35/die-latte-liegt-niedrig
Debatte um Männlichkeitsbilder
Die Latte liegt niedrig
Die Grünen wollen Männern ein modernes Selbstbild anbieten. Dadurch werden erwachsene Männer vor allem eines: pädagogisch betreut.
Vor 16 Jahren legten einige Grüne ein Manifest vor, in dem sie mehr feministisches Engagement von Männern forderten. Nun debattieren die Grünen über ein neues Männermanifest mit dem Titel »Starke Männer übernehmen Verantwortung – Eine Einladung für moderne Männlichkeit«. Eine Gruppe um die Co-Bundesvorsitzende Franziska Brantner hat es verfasst und fordert »ein positives Bild, was gute Männlichkeit sein kann«. Erforderlich sei das, weil autoritäre Bewegungen Geschlechterpolitik zu einem ihrer wichtigsten Themen machen. Aber braucht die Gesellschaft überhaupt noch ein Ideal von Männlichkeit? Antje Schrupp fordert, dass der Feminismus an seinem eigentlichen Versprechen festhalten sollte: Freiheit statt neuer Normen.
*
Die Debatte über »moderne Männlichkeit« hat etwas rührend Betreuendes. Erwachsene Männer sollen offenbar nicht einfach erwachsen sein, sondern politisch abgeholt, emotional begleitet und mit einem attraktiven Identitätsangebot versorgt werden. Die Grünen versuchen es mit einer Männlichkeit, die stark und sensibel, sportlich und fürsorglich, ambitioniert und verletzlich sein darf. Andere holen den Antifa-Macker aus der Mottenkiste und verpassen ihm ein feministisches Update.
Die Sängerin Dua Lipa hat diese Konstellation schon vor Jahren präziser beschrieben: »Boys will be boys, but girls will be women.« Mädchen sollen früh vernünftig, vorsichtig und verantwortlich sein. Bei Männern wird noch im Erwachsenenalter diskutiert, welche Erzählung ihnen angeboten werden müsse, damit sie weder Frauen hassen noch Faschisten wählen.
Wer früher schon bereit war, zum Schutz der Schwächeren in den offenen Kampf mit Nazis zu gehen, ist für das Thema Empathie offensichtlich nicht komplett verloren.
Diese Fürsorge hat Tradition. Erst organisiert die Mutter den Alltag, später übernimmt das nicht selten die Partnerin: Termine, Geschenke, soziale Beziehungen, Kinderarzt, emotionale Übersetzungsarbeit. Nun treten Politiker und Politikerinnen hinzu und liefern das passende Selbstbild. Ein bisschen Gym, ein bisschen Mental Health, dazu Windeln wechseln und Gefühle zulassen – fertig ist der progressive Mann.
Schon die Beispiele verraten, wie niedrig die Latte liegt. Ein Vater, der sein Kind wickelt, ist kein Vorbild »moderner Männlichkeit«, sondern ein Vater. Ein Partner, der Gespräche führt, beweist keine besondere Reife, sondern Beziehungsfähigkeit. Ein Kollege, der Frauen nicht systematisch abwertet, verdient keine Medaille. Es handelt sich um Mindeststandards des Zusammenlebens, die plötzlich als geschlechtsspezifische Errungenschaft verkauft werden.
Auch der Versuch, den Antifa-Macker zu rehabilitieren, landet in derselben Falle. Sein angeblich brauchbarer Kern besteht aus Mut, Körperlichkeit, Aggression, Männerbund, Wehrhaftigkeit und der Bereitschaft, Nazis entgegenzutreten. Nur: Mut ist kein Mackertum. Wehrhaftigkeit auch nicht. Verlässlichkeit, Solidarität und körperliche Stärke ebenso wenig.
Mackertum beginnt dort, wo aus Lautstärke, Dominanz oder vermeintlicher Unentbehrlichkeit ein Anspruch auf Raum und Autorität entsteht. Ein Macker wird nicht dadurch progressiv, dass er die Richtigen hasst. Wer ihm Sexismus und Anspruchsdenken austreibt, ihm Zuhören, Selbstreflexion und Gleichberechtigung beibringt, hat am Ende keinen modernisierten Macker geschaffen. Übrig bleibt ein Antifaschist.
Das Problem ist nicht, dass Männer zu wenig Anleitung bekommen. Sie bekommen seit jeher erstaunlich viel davon. Es wäre ein Fortschritt, sie endlich wie erwachsene Menschen zu behandeln.
Besonders bezeichnend ist die Idee, diesem neuen Antifa-Macker eine »gleichberechtigte Kampfgenossin« zur Seite zu stellen, die zugleich »Lehrerin und Vorbild« sein soll. Da ist die Frau wieder pädagogische Fachkraft des Mannes, diesmal mit Boxhandschuhen. Sie darf gleichberechtigt kämpfen und soll nebenbei seine emotionale Nachqualifizierung übernehmen.
Junge Männer, die nach rechts driften, sind ein reales politisches Problem. Rechte Influencer bieten ihnen Überlegenheitsgefühl, Frauenfeindlichkeit, Kameradschaft und einfache Feindbilder. Darauf mit einem attraktiveren linken Männerbild zu antworten, spiegelt diesen männlichen Exzeptionalismus partiell: Männer müssten sich erst ausreichend als Männer bestätigt fühlen, bevor man ihnen Solidarität, Verantwortung oder Antifaschismus zumuten könne.
Dabei braucht niemand eine männliche Markenidentität, um Kinder zu versorgen, Freunde zu trösten, Nazis zu blockieren, zu kochen, zu weinen oder Gewichte zu heben. Männer können all das tun oder lassen. Sie können sich organisieren, Verantwortung übernehmen und lernen, ihre Beziehungen selbständig ohne weibliche Anleitung zu führen. Dafür braucht es weder ein Manifest noch eine neu-alte Figur aus der linken Mottenkiste.
Das Problem ist nicht, dass Männer zu wenig Anleitung bekommen. Sie bekommen seit jeher erstaunlich viel davon. Es wäre ein Fortschritt, sie endlich wie erwachsene Menschen zu behandeln.
Die Gesellschaft ist nicht ihre Mutti. Ihre Partnerinnen sind es auch nicht.
