Noch nie hat die künstliche Ummodellierung des Gesichts im Dienste von Schönheitsidealen so floriert und war so niedrigschwellig zugänglich wie heute mit sogenannten Beauty-Filtern auf Plattformen wie Instagram oder Tiktok. Der Natürlichkeitstrend, den Superstars wie Pamela Anderson oder Alicia Keys befördern, steht dazu nur scheinbar im Widerspruch.
Der neue Schlankheitswahn mag an die Neunziger erinnern, stellt aber kein bloßes Retro-Phänomen dar. Kokettierte der damalige »Heroin Chic« noch mit dem kränklichen Aussehen von Drogenabhängigen, sollen beim Dünnsein heute vor allem Gesundheitsbewusstsein, Disziplin und Leistungsfähigkeit demonstriert werden.
Besonders junge Menschen fühlen sich durch idealtypische Körperdarstellungen in den sozialen Medien immer stärker unter Druck gesetzt – das könne Essstörungen begünstigen, mahnen Experten. Hierzulande müssen deswegen vor allem immer mehr Mädchen und junge Frauen stationär behandelt werden.
Die Body-Positivity-Bewegung hat sich als Trendphänomen herausgestellt, wirklich verändert hat sich durch sie nichts. Dafür boomt nun das Genre des Body Horror, das unter anderem auf rigidere Schönheitsideale reagiert, die mit immer obskureren Hilfsmitteln erreicht werden sollen.
Brüste, »blaue Gene« und der Traum vom Hereditarismus: Die Jeans-Kampagne mit Sydney Sweeney lässt nicht nur Donald Trump ausflippen. Wie die Werbeindustrie Body Positivity einkassiert und rechte Influencer daraus Kapital schlagen.
Die Abnehmspritze Ozempic wird als Lifestyle-Medikament genutzt, es ist genauso begehrt wie teuer. Rezeptfälschungen tragen zur Verbreitung des Produkts bei – auf Kosten der Apotheken, die diese Rezepte nicht bei den Krankenkassen einlösen können, und oft auch der Gesundheit derjenigen, die das Mittel ohne Indikation und ärztliche Beratung anwenden.
Die »Jungle World« sprach mit der Autorin und Comedian Nicole Jäger übers Dicksein, die gesellschaftliche Diskriminierung von Übergewichtigen, Probleme im Gesundheitssystem, Aufklärung und das Thema Ernährung.
Für die Mailänder Fashion Week kehrten Naomi Campbell und Claudia Schiffer auf den Laufsteg zurück. Die Supermodels der Neunziger prägten ein extremes Schlankheitsideal, welches, wie Daten zeigen, ungeachtet der Diskussionen über »body positivity« wieder an Popularität gewinnt.
Immer mehr Konzerne verkaufen ihre Produkte mit dem Versprechen, die Welt zu verbessern. Schließlich sollen auch Konsumkritiker mit gutem Gewissen konsumieren.
Frauen nutzen die sozialen Medien, um Körperbilder zu verändern und gegen die Scham wegen eines Körpers jenseits der Model-Norm aufzubegehren. Über die neue Sicht auf das, was schön, sexy und normal ist.