Homestory #44

»The best nation is hibernation«, den Satz schnappte dieser Tage ein Redakteur der Jungle World in einem sympathischen Lokalsender auf. Winterschlaf klingt derzeit wirklich wie eine angenehme Option. Nicht nur als Mittel gegen Nationalismus, wie dieses eher wenig bekannte Sprichwort nahelegt, sondern als die vielleicht bequemste Art, sich dem gegenwärtigen Irrsinn zu enziehen. Wie in anderen europä­ischen Städten gelten auch in Berlin die Neuinfektionen mit Covid-19 inzwischen als nicht mehr kontrollierbar. Eine Kollegin scherzt, sie habe deshalb tatsächlich bereits über die Möglichkeit nachgedacht, sich »in künstliches Koma« versetzen zu lassen. »Selbst­isolation, so wie in den vergangenen sieben Monate auch« will hingegen ein Redakteur praktizieren, gefragt, wie er mit der verschärften Situation in der Stadt umzugehen gedenke. Der Liebsten hat der Kollege sogar erfolgreich den Friseurbesuch ausgeredet. Das wird nicht einfach gewesen sein, befindet eine Kollegin, die sich ihrerseit schon mit »Haarschneidetutorials auf Youtube« beschäftigt hat und offenbar nicht ganz von diesen überzeugt ist. Die Frage, wie sie das Risiko zwischen Ansteckung beim Friseur und verschnittenen Haaren abwäge, be­antwortet sie mit einem vielsagenden »Hmmm«. Der Vorteil von Redaktionssitzungen per Telefonkonferenz sei immerhin, dass verschnittene Haare zumindest am Arbeitsplatz nicht auffallen.

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Natürlich befindet sich immer mindestens ein Redaktionsmitglied in häuslicher Quarantäne, dieses Mal eine Reiserückkehrerin aus einem Risikogebiet. Während sie auf ihr Covid-19-Testergebnis wartet, verschafft sie ihremTagesverlauf durch täglicher Qigong-Übungen Struktur. Eine Freundin hat sie mit einer Gemüsekiste versorgt. Bislang klagt sie nur über das Fehlen eines Alkoholvorrats.

Auf einen langen, harten und dunklen Winter schwören einen derzeit viele Politiker ein, darunter auch der US-amerikanische Präsidentschaftskandidat Joe Biden. Die Vorstellung, man geht schlafen und wenn man aufwacht, ist Frühling, die zweite Welle vorbei, Donald Trump nicht mehr US-Präsident, sondern im Knast, klingt leider etwas zu gut, um wahr zu sein. Zumal sie auf der Annahme beruht, dass das kommende Jahr einfach besser verlaufen muss als das Jahr 2020, das als eigenständiges Subjekt anzusprechen, inzwischen recht gängige Praxis geworden ist. »2020 hat dies gemacht« oder »das gemacht«. Einem Kollegen, der bislang das Tragen von Mund-Nasen-Schutz, social distancing, Jens Spahn, Attila Hildmann, Schul- und Kitaschließungen stoisch ertrug, verpasste 2020 eine Zahnbehandlung ohne Betäubung. Okay, damit hätte wirklich niemand rechnen können.