Die preisgekrönte Reportage

Hurra, es wird ein Impeachment!

Der deutsche Journalismus und die Trump-Affären.
Kolumne Von

Diesmal aber endgültig! Jetzt ist Trump dran! Damit kann er nicht durchkommen! Alle paar Wochen klingen Jubelschreie wie diese durch die deutsche Presselandschaft – derzeit wegen eines Telefongesprächs mit dem ukrainischen Amtskollegen, Herrn Selenskyj. Am Telefon versprach Trump Preisnachlässe bis zu 15 Prozent in allen teilnehmenden Restaurants, falls Selenskyj ihm bei ­irgendwelchen Gräueltaten zur Hand gehen könnte.

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Es war die letzte Affäre Trumps (Stand: 15.28 Uhr) – und die bisher spektakulärste nach der 11-Uhr-Affäre vom selben Tag, der Mittwochsaffäre der Vorwoche oder der spannenden Verwicklungsaffäre von Montag­morgen. Studien zeigen, dass die Hoffnung auf ein schnelles Impeachment (dtsch.: »Verpfirsichung«) des US-Präsidenten mittlerweile wichtigstes Motivationskriterium deutscher Journalisten ist – weit vor Lap­palien wie einem guten Gehalt (62 Prozent), flexiblen Arbeitszeiten (51 Prozent) oder nationalsozialistischen Drohungen aus dem Internet (33 Prozent). Auf ihrer Homepage hat die angezählte Frankfurter Rundschau einen Trump-Countdown eingerichtet, der alle zwei Wochen wieder auf 100 zurückgesetzt wird; die Süddeutsche hat vor lauter Aufregung schon zwei vorbereitete Nachrufe auf Trump veröffentlicht (»Wir waren uns halt sicher!«).

»Die weitgehende Machtlosigkeit der Presse im Inland wird durch psychologische Projektion aufs Ausland kompensiert«, kommentiert die Pressepsychologin Ellen Wittchen. »Indem sie jede Woche aufs Neue das baldige Ende ankündigen, haben die betroffenen Journalisten das Gefühl, zum Ende seiner Präsidentschaft beigetragen zu haben.« Dabei sei es egal, dass die meisten deutschsprachigen Blätter im Ausland noch weniger gelesen werden als in Deutschland: »Es entsteht das Gefühl, Teil einer demokratischen Graswurzelbewegung zu sein, von der man im eigenen Land tunlichst die Finger lassen würde.« Wittchen geht davon aus, dass deutsche Medien bis zur Wahl 2020 das Ende Trumps noch mindestens vierzigmal ankündigen werden – um sich dann von seiner Wiederwahl komplett überraschen zu lassen. »Und dann geht der Quatsch wieder von vorn los.«