Ein Besuch einer Kaffeekooperative in Kolumbien

Kaffeekränzchen mit Potential

Seite 2 – Alternativen zum Kaffeeanbau gesucht
Reportage Von

Microlot-Kaffeeplantagen werden im Gegensatz zu den großen Kaffeeplantagen mit ihrem industriell geprägten Kaffeeanbau von Kleinbauern betrieben. Sie produzieren oft nur ein paar Hundert Kilogramm Kaffee pro Jahr, der jedoch qualitativ herausragend ist und besser bezahlt wird. Erzielen die Bauern eine ganz besondere Aromanote, haben sie die Chance, mit dem »Cup of Excellence« ausgezeichnet zu werden. Ihr Kaffee ­gelangt dann auf eine Auk­tion, bei der pro Kilogramm Preise im hohen zweistelligen US-Dollar­bereich zustandekommen – auf diesem Markt will ­Arévalo ­weitere Achtungserfolge für Red Ecolsierra ­erzielen. Weil man sich kontinuierlich verbessern will, sind die acht Agrartechnikerinnen und -techniker um Guerreo im Einsatz, die kontrollieren, beraten und fördern – in Palmor, aber auch in deutlich höher gelegenen Kaffeedörfern.

Palmor liegt auf rund 960 Metern über dem Meeresspiegel. Einige Bauern aus der Region produzieren auch auf 1200 Metern, so wie Marco Tulio Arias Rosas. Er gehört zu den Bauern, die für ihre Qualitätsbohnen schon ausgezeichnet wurden und ist ein entfernter Nachbar von Medina. Guerrero hat auf ihrer Finca gerade den Komposthaufen inspiziert, der mit reichlich Fruchtfleisch der Kaffeekirschen aufgefüllt wurde. Er ist zufrieden mit dem, was er bei seiner Visite angetroffen hat, und schätzt, dass Medina in diesem Jahr das Ergebnis des vergangenen Jahres übertrumpfen könnte. »In der Menge und vielleicht auch in der Qualität«, hofft der Kaffeespezialist.

Ein Grund für die absehbar gute Ernte ist der leidlich angenehme Winter, der nicht so kalt und regenreich war wie in der Vergangenheit. »Das ist ein Vorteil. Die Feuchtigkeit setzt den Kaffeepflanzen zu, hilft dem Pilz, sich zu verbreiten, und das hat uns in den letzten Jahren fast die Existenz gekostet«, schildert Medina ihre Erfahrungen. Ein Befall mit La Roya, wie der Pilz in der Region genannt wird, sorgt dafür, dass sich die Blätter verfärben, dann auf den Boden fallen und die Pflanze schließlich keine Nährstoffe mehr produzieren kann, um die Bohnen zu versorgen. Er grassiert in ganz Mittel- und Süd­amerika und hat dazu geführt, dass die Erträge stark zurückgingen, je nach ­Region um bis zu 95 Prozent. In Palmor haben daher viele Bauern von den ­traditionellen Kaffeesorten wie Típica oder Caturra auf die pilzresistente ­Sorte Castilla umgestellt. Einige Bauern, wie Medina, nahezu komplett, andere, wie Arias, nur teilweise, denn die Umstellung hat zur Folge, dass die Bauern rund drei Jahre ohne Ernteeinnahmen dastehen – ohne Kredite übersteht das kaum jemand.

Das ist auch ein Grund, weshalb die Genossenschaftsmitglieder nach Alternativen zum Kaffeeanbau suchen. ­Dabei sind sie ausgesprochen kreativ. Neben der Qualitätssteigerung wirbt der Geschäftsführer von Red Ecolsierra, Victor Cordero Ardila, für den Ausbau der Honigproduktion und den Aufbau des ländlichen Tourismus auf den Spuren der Kaffeebohne. »Kaffeeanbau hat viele Facetten. Uns geht es im Kern darum, unseren Mitgliedern neue Einnahmequellen zu erschließen«, erklärt der 42jährige. Vor knapp einem Jahr wurde auf der asamblea, der Genossenschaftsversammlung, über den neuen Entwicklungsplan abgestimmt, der bis 2021 reicht. Im Zentrum stehen die Entwicklung der Farmen und die Verbesserung der lokalen Infrastruktur sowie der Qualität des Angebots.

 

Kaffeelabor

Im Kaffeelabor von Red Ecolsierra in Santa Marta. Carlos Arturo Arévalo analysiert die Proben der neuen Ernte

Bild:
Knut Henkel

 

Für die Infrastruktur zwischen Santa Marta und dem schwer zugänglichen Dorf Palmor ist hingegen die Regierung zuständig. Die hat für viele Regionen Kolumbiens, in denen es bis zur Unterzeichnung des Friedensabkommens mit der Guerilla Farc im November 2016 noch bewaffnete Kämpfe gegeben ­hatte, Investitionsprogramme angekündigt, um den Bauern den Transport ­ihrer Produkte zu ermöglichen. »Doch in Santa Marta ist bisher noch nichts passiert«, sagt Guerrero, der sich noch gut daran erinnern kann, wie er unters Bett gekrabbelt ist, wenn auf der Kaffeefinca seiner Eltern oder in seiner Nähe wieder einmal geschossen ­wurde. »Das ist vorbei, aber an der sozialen Situation hat sich kein Deut geändert. Wir brauchen eine Regierung, die Verantwortung übernimmt, sich der sozialen Situation stellt und nicht immer dieselben Vertreter aus immer derselben Elite«, kritisiert der junge Mann und lenkt den Jeep auf den Hof einer weiteren Kaffeeplantage.

 

»Wenn wir unseren Kaffee gemeinsam selbst vermarkten, erhalten wir bessere Preise und obendrein produzieren wir im Einklang mit der Natur.« Marco Tulio Arias Rosas, Kaffeebauer und Genossenschaftsmitglied

 

Es sind mutige Worte in einem Land, in dem viele es vermeiden, die eigene Meinung öffentlich kundzutun. Die Zahl der Morde an sozialen und politischen Aktivisten ist in den vergangenen Jahren trotz des Friedensabkommens mit der Farc und den Verhandlungen mit der Guerilla ELN weiter gestiegen. Arias äußert sich deutlich zurückhaltender, wenn es um den Frieden geht. Der 64jährige Bauer ist ein Zugewanderter aus dem Verwaltungsbezirk Boyacá, bewirtschaftet rund acht Hektar und röstet seinen eigenen Kaffee, den er Gästen stets anbietet. Er ist stolz auf das eigene Produkt und will die Qualität seiner Bohnen weiter verbessern. »Unsere Entscheidung, ökologisch zu produzieren, war visionär, denn zum ­einen erhalten wir die Bio-Prämie, zum anderen ist die Nachfrage nach Bio-Kaffee deutlich höher als nach konventionellem Kaffee und obendrein schonen wir die Umwelt«, erklärt er bei einer Führung mit Guerrero über seine ­Kaffeeplantage. Sie liegt in einem Waldstück, in dem die Bäume Schatten spenden. Das Gros der Kirschen haben die Erntehelfer des Kleinbauern bereits geerntet. Guerrero stellt eine umgekippte Falle für Schädlinge wieder auf, während Arias erklärt, warum er seit 2001, dem Gründungstag von Red Ecolsierra dabei ist. »Wenn wir unseren Kaffee gemeinsam selbst vermarkten, erhalten wir bessere Preise und obendrein produzieren wir im Einklang mit der Natur.«

 

 Lidia Marina Medina

Hat ihre Finca fast alleine aufgebaut. Kaffeebäuerin Lidia Marina Medina

Bild:
Knut Henkel

 

Modell zum Vorzeigen

Zum Konzept von Red Ecolsierra gehört es auch, den Kaffee in Eigenregie auf den Markt zu bringen und Arbeitsschritte in Kolumbien zu machen. Bereits vor rund zehn Jahren wurde mit Café Tima eine eigene Kaffeemarke kreiert, die nicht nur in Santa Marta im Supermarkt auf Käufer wartet, sondern auch in Cartagena und Barranquilla. »In Bogotá sind wir mit unserem Kaffee bereits in einigen Restaurants präsent«, freut sich Geschäftsführer Cordero. Er ist so etwas wie der Architekt der Genossenschaft, berichtet anderen Genossenschaften über Red Ecolsierras Erfolge und Erfahrungen und arbeitet ständig an ­Verbesserungsvorschlägen. Die werden dann von der Delegiertenversammlung diskutiert, gutgeheißen, modifiziert oder auch abgelehnt. 2013 gab es beispielsweise grünes Licht für den Import eigener Röstgeräte aus Deutschland. »Wir hatten damals Probleme, eine gleichbleibende Qualität unseres Café Tima anzubieten und haben uns entschlossen, das Rösten selbst in die Hand zu nehmen, statt es anderen zu überlassen«, sagt Cordero. Seitdem wird in der Halle in Santa Marta auch geröstet und diesen Service bieten die Genossinnen und Genossen von Red Ecolsierra auch anderen Anbietern an. So wird nicht nur die Anlage ausgelastet, sondern auch gezeigt, dass sich viele Arbeitsschritte in Eigenregie realisieren lassen.

»Langfristig wollen wir unseren Café Tima gemahlen exportieren«, nennt Cordero ein Ziel von Red Ecolsierra. Ein anderes ist der Aufbau von Infrastruktur für den Agrotourismus. »Das funktioniert auch in Spanien und selbst in Kolumbien gibt es Kaffeeregionen, in denen Touristen in alten Farmhäusern untergebracht werden.« Das Modell will Cordero in die Sierra Nevada von Santa Marta übertragen, Dörfer wie Palmor sollen davon profitieren. Dort wird die Idee von Kaffeebauern wie Arias aufgenommen. Er kann sich vorstellen, auf seiner Farm ein oder zwei Zimmer für Touristen einzurichten. Nötig sei es dann aber, dass die Regierung in Bogotá endlich in die Straße nach Palmor investiere, sagt Arias mit einem ironischen Lächeln. Das würde vieles erleichtern.