»Star Trek: Discovery«

Zurück in die Dunkelheit

Die neue Serie aus der Star-Trek-Saga, deren erste Staffel gerade in die Midterm-Pause gegangen ist, missfällt vielen ­Trekkies. Denn ihr Wohlfühlfaktor ist gering, zu sehr orientiert sich »Star Trek: Discovery« an der realen Welt der Gegenwart.

Sie haben sich geliebt wie schon lange nicht. Im Dunkeln liegt sie halbnackt neben ihm, betrachtet seinen Rücken. Die Narben darauf bilden Muster. Sie streckt die Hand aus, ihre Finger streichen sanft darüber. Er erwacht plötzlich, zieht eine Waffe, drückt die Frau mit der anderen Hand aufs Bett, setzt sich auf sie, hält ihr die Waffe ins Gesicht. Da erst kommt er zu sich: Gabriel Lorca (gespielt von Jason Isaacs), Captain des Föderationsraumschiffs Discovery, einer der Hauptcharaktere der neuen Star-Trek-Serie, die auf Netflix zu sehen ist; Hauptprotagonistin ist die Offizierin Michael Burnham (gespielt von Sonequa Martin-Green). Bei vielen Trekkies ist insbesondere Lorca denkbar unpopulär; erste Zuschauer­umfragen wie beispielsweise auf dem Filmforum Rotten Tomatoes deuten insgesamt darauf hin, dass noch keine Star-Trek-Serie unbeliebter bei ihren Zuschauern war.

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Für Trekkies ist »Star Trek: Discovery« (abgekürzt: DIS) etwas Besonderes, hat die Serie doch den Anspruch, »kanonisch« zu sein. So werden eigentlich Schriften bezeichnet, die nach katholischer Überzeugung zur Bibel oder zum Kirchenrecht gehören. Außenstehenden mag der Rückgriff auf solche Begrifflichkeiten überzogen vorkommen, doch wenige Minuten in einem beliebigen Star-Trek-Forum genügen, um zu merken, dass die dort herrschende Ernsthaftigkeit echtem religiösen Eifer in nichts nachsteht. Der Anspruch der Fans: Jedes Detail neuer kanonischer Folgen muss zu allen vorhergehenden und nachfolgenden Folgen passen; angesichts von 703 Episoden aller Serien zusammengerechnet nicht gerade einfach. Regisseur J. J. Abrams umging das in den jüngsten Kinofilmen mit der Kreation einer alternativen Zeitlinie.

Für die Nicht-Trekkies hier ein kurzer Abriss der Star-Trek-Chronologie: Am zeitlichen Anfang der Geschichte steht »Star Trek: Enterprise« (ENT) mit einer Crew unter Captain Jonathan Archer (produziert 2001 bis 2005), gefolgt von »Raumschiff Enterprise« (TOS) mit der Mannschaft von Captain James T. Kirk (1966 bis 1969), dann folgt »Raumschiff Enterprise – das nächste Jahrhundert« (TNG) mit Captain Jean-Luc Picard (1987 bis 1994). Darauf wiederum folgen die streckenweise parallel laufenden Formate »Star Trek: Deep Space Nine« (DS9) mit Stationsleiter Benjamin Sisko (1993 bis 1999) sowie »Star Trek: Voyager« (VOY) mit Captain Catherine Janeway (1995 bis 2001). Die neue Serie DIS spielt zwischen ENT und TOS – und wird zu einem Problem für die Fans, weil sie einige ihrer Ideale in die Tonne kloppt.

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Protagonistin der neuen Serie: die Sternenflottenoffizierin Michael Burnham (Sonequa Martin-Green)

Bild:
Netflix

Die stammen aus einer Zeit, als Star-Trek-Erfinder Gene Roddenberry es wagte, mit Captain Kirk und seiner Crew in eine eher unerwartete Zukunft zu blicken, während in der echten Welt der Kalte Krieg tobte: Die Erde hätte sich zusammengerauft, die Spaltung in West und Ost wäre überwunden, es gäbe weltweit Frieden. Die Menschheit hätte sich, geführt von einer Weltregierung, zu einer Gattung von Forschern entwickelt, die, von humanistischen Idealen getrieben, auszöge, um andere Zivilisationen und Planeten zu entdecken und nicht zu erobern. Religion würde keine Rolle mehr spielen, und eine Nichteinmischungsklausel, die sogenannte »Oberste Direktive« – aus heutiger Sicht mitunter ungut ethnopluralistisch wirkend –, wäre verbindliches Prinzip.

Die neue Serie »Star Trek: Discovery« wird zu einem Problem für die Fans, weil sie einige ihrer Ideale in
die Tonne kloppt.

Gute Science-Fiction ist stets ein Spiegel der jeweils gegenwärtigen Gesellschaft, deren mögliche Entwicklung sie als Utopie oder Dsytopie projiziert. Bei Roddenberry war es eine Utopie; die Menschen wären nicht nur moralischer, sie erhielten auch noch Unterstützung von Bewohnern anderer Planeten, vor allem von den Vulkaniern, die das Emotional-Animalische in ihrem Verhalten überwunden haben. Der Mensch Kirk wirkte gegen den Vulkanier Spock stets noch ein wenig ungestüm.

Spätestens mit Picard übernahmen das Abwägen und Philosophieren die Brücke der Enterprise. Humanistische Monologe wurden dem Schauspieler Patrick Stewart auf den Leib geschneidert, immer wieder verteidigte er die Menschheit, insbesondere vor der Verurteilung durch das transdimensionale Wesen »Q«, das unserer Spezies ihre grausame Vergangenheit vorwarf. In der echten Welt schrieb man da die späten Achtziger und frühen Neunziger. Die Spaltung in politische Blöcke schien überwunden, die Diktaturen Osteuropas fielen. Utopien schienen angebracht.

Die Kapitäne Sisko auf DS9 und Janeway auf der Voyager hingegen waren zwar noch an Ethik und Moral gebunden, wie man das von Picard kannte, aber diese Bindung begann sich zu lockern. In DS9 spielt Religion erstmals eine zentrale Rolle. Sisko wird von einem Planetenvolk als »Gesandter« verehrt, hadert aber angemessen damit. Auch er ist, wenn möglich, stets bereit, mit dem Gegner zu verhandeln, und Catherine Janeway schließt gar einen Pakt mit dem seinerzeit Bösen schlechthin, den Borg. Zwar nur für begrenzte Zeit, aber immerhin.

 

Wie weit muss und darf man gehen, um die Menschheit zu retten?

Bei ENT wurde es schon düsterer. In der echten Welt hatten sich die Anschläge vom 11. September 2001 ereignet; Captain Archer bricht nach einem verheerenden Anschlag auf die Erde auf, um eine unbekannte Allianz davon abzuhalten, die Erde zu vernichten. Dabei kommt er in Gewissensnot: Wie weit muss und darf man gehen, um die Menschheit zu retten? Während in der echten Welt in Guantanamo gefoltert wurde, droht Archer genau an der Frage zu zerbrechen, ob es Folter rechtfertigen kann, wenn man doch weiß, dass der Gefangene die entscheidenden Informationen hat. Zum Glück für Archer und die Zuschauer packt der Inhaftierte aus, bevor der Captain sich entscheiden muss.

»Star Trek: Discovery« nun bringt die Dunkelheit. Captain Lorca begeht einen Massenmord an seiner alten Crew, um sie nicht dem klingonischen Erbfeind in die Hände fallen zu lassen und sie so vor Folter zu schützen. In der echten Welt begeht der »Islamische Staat« eben jene Folter medienwirksam. Die Sternenflotte gibt Lorca trotzdem das Kommando über ihr wichtigstes Schiff, weil ein Krieg herrscht, der gewonnen werden muss. Lorca schert es nicht, ob ein Lebewesen Qualen leidet und fast stirbt, weil er einen verbesserten Antrieb wünscht. Auf der anderen Seite ist dieser Lorca sympathisch, humorvoll und gebrochen – irgendwo zwischen genialem Mephistopheles und traumatisiertem Narzissten.

Selbst die Vulkanier sind hier nicht die lauteren Freunde von Logik und Verständigung, die sie bei Kirk waren. Bereits bei Archer lernte man sie als nervende Menschheitsbremsen kennen. Doch bei DIS ist es ungleich schlimmer: Einige von ihnen morden im Namen der Logik. Das sind die »Logikextremisten«, die sich in die Luft sprengen und andere mit in den Tod reißen mit dem Ziel, die Reinheit ihrer Lehre zu verteidigen. Klar, das hat natürlich nichts mit dem Islamismus zu tun. Zum anderen erfahren wir, dass die Vulkanier jedes Klingonenschiff angriffen, das ihnen begegnete, ohne Kommunikation abzuwarten. Der ständig wiederholte Erstschlag sollte dem Kriegervolk den angemessenen Respekt einflößen und resultierte schließlich in einem Nichtangriffspakt.

Was das alles über unsere reale Welt und ihre Konflikte wie Lösungsstrategien besagt, mag der Trekkie nicht hören. Kriege sollen sauber gewinnbar sein, wer das Böse besiegt, soll gut sein oder zumindest darum ringen. Und all das nicht zu sein beziehungsweise zu tun, kann man dann den tatsächlichen politischen Führungspersonen der echten Welt vorhalten. Aber so läuft es mit der »Discovery« eben nicht mehr. Viele Trekkies kritisieren die neue Serie, wo sie nur können: wegen des Aussehens der Klingonen, der Uniformen an Bord der Discovery oder anderer Details. Ehrlich wäre aber, sich einzugestehen, dass man einfach mehr Wohlfühl-Star-Trek wünscht, und dass man doch eben so gerne zumindest den Wertekanon der späten Achtziger unter Picard zurückhätte. Captain Lorca wird dazu kaum geeignet sein, aber wahrscheinlich den Krieg gewinnen, was dann erst Picard ermöglichen wird. Klingt zynisch? Aber ja – und so realistisch, wie bislang noch keine Star-Trek-Reihe war.